Wer allerdings wie Focus Online und Süddeutsche.de (mit Verweis auf dpa) die – zumindest in ihrer Nazirhetorik – um weiße Vorherrschaft kämpfende, burische AWB zur „Afrikanischen Widerstandsbewegung“ macht, scheint nicht einmal den Unterschied zwischen „Africans“ (Schwarzen) und „Afrikanern“ (Afrikaaner oder Buren) im südafrikanischen Sprachgebrauch verstanden zu haben. Auch die FAZ überhöht online die Rolle der AWB völlig, wenn sie schreibt: „Noch dazu ist die Partei Terre‘Blanches in den vergangenen Jahren in Vergessenheit geraten. Die weißen Farmer haben sich auf ihre Bauernhöfe zurückgezogen oder sind ins Ausland abgewandert.“ Das unterstellt sämtlichen weißen Farmern indirekt, frustrierte Anhänger einer rechtsextremen Rassistenvereinigung zu sein. Die Wahrheit ist das beileibe nicht. Nach einer Schätzung der New York Times hatte die Terrororganisation, die bei verschiedenen Aktionen hunderte Schwarze ermordete, zu ihrer Hochzeit 1988 fünf bis sieben Prozent der weißen Südafrikaner hinter sich. Das hängt nun auch wieder nicht einzig mit dem brüderlichen Völkerfreundschaftsgedanken aller weißen Südafrikaner zusammen, aber eine regierende National Party gab es ja beispielsweise auch noch. Als die mit dem Ende der Apartheid in sich zusammen fiel – und übrigens pikanterweise irgendwann vom ANC geschluckt wurde – war es jedenfalls nicht die ebenfalls im Verfall begriffene AWB, die die Rassisten auffing. Doch das nur zur Faktenlage.
Viel schwerwiegender ist das vorsätzliche Aufbauschen der Spannungen auf südafrikanischen Farmen, wo viele Arbeiter noch immer in sklavenähnlichen Bedingungen leben und die Rückgabe von Land an Schwarze und Coloureds nur extrem langsam voran kommt, zu einer Gefahr für die Weltmeisterschaft in den Metropolen. Jeder Korrespondent sollte wissen, dass dieses Szenario konstruiert ist. Jeder Korrespondent sollte durchschauen können, dass die Warnung eines AWB-Sprechers, nicht in ein Land der Mörder zu reisen, nur den Rassismus des Mannes zur Schau stellt und keinesfalls eine Drohung sein soll – die AWB hat nämlich rein gar nichts gegen Europäer. Ein Korrespondent könnte auch recherchieren, dass nach Zahlen des Südafrikanischen Instituts für Rassenbeziehungen lediglich zwei Prozent der Attacken auf weiße Bauern seit 1994 einen rassistischen Hintergrund hatten. Man kann aber natürlich auch die von der AWB in den Raum geworfene Zahl der 3000 weißen Mordopfer ohne Quellenverweis übernehmen, das ganze hübsch dramatisieren, mit Macheten zerhackte WM-Touristen an die Wand malen und damit die Verkaufsquote steigern. Wer nicht glaubt, was für eine offen faschistische Organisation dort als Informationsquelle dient, sehe sich nur die animierte Heimseite des Haufens an.
Geld gegen Qualität, ein alter Konflikt. Zumindest von Leitmedien sollte man aber etwas mehr verlangen dürfen als Auflagen orientierte Panikmache. Im Übrigen habe ich auch nirgendwo in den deutschen Medien vernommen, dass die AWB ihren Aufruf zu Vergeltungstaten bereits am Ostermontag, also zwei Tage nach dem Mord und einen Tag nach dem eigentlichen Aufruf, öffentlich und vor laufenden Kameras der Nachrichten des staatlichen Fernsehens widerrufen haben und ihre Anhänger zur Besonnenheit aufgefordert haben.
Nun bekommt der ganze Fall wohl auch noch eine neue – medienwirksamere – Wendung, weil der große Rassistenführer Terre’Blanche nach Aussage seiner nun angeklagten Farmarbeiter ein sexuelles Interesse an dem jungen Mann und dem 15-jährigen Jungen hatte, dass er sich wohl auch versucht hat, zu befriedigen. Immerhin hat er den beiden nach Sunday Times Informationen aus den Gerichtsakten zusammen 28 Flaschen Cider gegönnt (das ist bei seiner Großzügigkeit fast ein Monatslohn) und seine Leiche war mit zu den Knien herunter gelassenen Hosen aufgefunden worden.
Wirklich herabsetzen können diese neuen Vorwürfe Eugene Terre’Blanche in meinen Augen aber nicht. Ein Rassist wie er war auch davor schon die unterste Schicht Bodensatz der menschlichen Gesellschaft. Insofern kann ich auch die Sunday Times Kolumnistin Pinky Khoabane gut verstehen, die sich gegen die Beileidsbekundung des Präsidenten Jacob Zuma ausspricht, der den verschiedenen Terre’Blanche als „einen Führer seines Formats“ würdigte und einen „traurigen Tag“ ausrief. Das „für einen Neo-Nazi wie Terre‘Blanche“ sei „nicht nur eine Beleidigung der Mehrheit der schwarzen Menschen in diesem Land, sondern es ist auch eine Schande.“ Man kann ja verurteilen, wenn ein Mensch mit einer Machete zerhackt wird, auch wenn diese Person selbst keinen Funken Menschlichkeit in sich trug, aber für Mitleid reicht es bei mir da nicht. Weil ich das Thema aber selzsam aufbereiten möchte, habe ich Eugene Terre’Blanche am Tag nach seinem Ableben dennoch mein letztes Langusten-Menü der Saison gewidmet. Mahlzeit.

PS: Ich schrieb zum Thema auch einen Artikel für die junge Welt.
PPS: Wer jetzt noch Zeit für einen Artikel zur Verstaatlichungsfrage in Südafrika hat: Darüber schrieb ich auch gerade, ebenfalls in der jungen Welt.

2 Kommentare:
Krass, was du mittlerweile für Texte schreibst. You've come a long way, Doctore.
As a German, you have every right to speak about Nazism and the lessons of your own history. But when you speak about South Africa, you should first understand the historical distinction between the Afrikaner and the Boer. They are not simply interchangeable terms, and treating them as though they are erases an important part of our history.
The relationship between the Boervolk and Black Africans is also far more complicated than the simplistic oppressor-versus-victim narrative so often repeated today. There were conflict and injustice, certainly, but there were also generations of trade, labour, farming, Christian mission, refuge and cooperation. There were Black converts who found shelter among Christian communities after being rejected by their own people. History deserves to be examined in full, not reduced to slogans.
If you still live in South Africa, then why speak with such certainty about the failures of another people while refusing to examine the failures of Europe and your own nation with equal courage? Moral judgement becomes hollow when it is applied selectively.
And Nelson Mandela should not be beyond historical scrutiny simply because questioning the accepted narrative makes people uncomfortable. Whether ten people die for a political cause or a hundred, innocent blood remains innocent blood. No ideology, race or political movement can make murder righteous. Violence is not the answer.
Ask yourself another question: what do Oberammergau and the Boervolk have in common? Both carry histories shaped by faith, identity, memory, suffering and the determination to preserve something inherited from previous generations. You cannot understand such a people purely through a modern European political framework.
Your European assumptions may therefore be blinding you to realities that cannot be understood from ideology alone.
You may have left Germany hoping to make a difference somewhere else, but every nation must eventually confront its own history, its own moral compromises and its own contradictions.
And for those of us who believe that nations ultimately answer to God, South Africa's greatest danger is not merely political. It is moral and spiritual. I believe the shedding of innocent blood, including through abortion, carries consequences before Almighty God.
That is not a call to violence. It is precisely the opposite.
When societies become angry, divided and desperate, Christians should be preparing themselves to protect life, speak truth, help their neighbours and refuse the temptation of hatred. Judgement belongs to God.
Kommentar veröffentlichen