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Dienstag, 15. März 2011

Fast wie versprochen

Waren dann doch ein paar Tage mehr, nun aber...



Lihleli will das neue Südafrika leben

Auf das außerschulische Engagement ihrer Tochter angesprochen, muss Nosandla Kutase lachen. „Manchmal habe ich fast die Nase voll, weil sie jeden Tag bei Masifunde ist“, scherzt sie. Lihleli ist gleichzeitig Chefredakteurin der Schülerzeitung, aktiv in der Kunstgruppe und lernt im Nachmittagsprogramm Learn4Life! einmal wöchentlich „fürs Leben“ – über gesundes Essen, Umweltschutz und Krankheitsvorbeugung zum Beispiel. Bei all dem Pensum kümmere sie sich überhaupt nicht mehr um ihre Aufgaben im Haushalt. „Faul ist die!“, schimpft die Mutter. Doch der Vorwurf ist natürlich kaum ernst gemeint. Nosandla bekommt glänzende Augen, wenn sie von der Zukunft spricht, die ihrer Tochter einmal möglich sein kann. „Ich bin froh, dass sie solche Chancen hat“, sagt sie. Denn ihr selbst waren sie verbaut.
Als die heute 43-Jährige zur Schule ging, eskalierte in und um Port Elizabeth der Kampf gegen die Apartheid. Streiks und Proteste prägten das Leben, immer wieder verschwanden Menschen in den Fängen der weißen Geheimpolizei. Nosandla hat ihr Abitur trotzdem abgelegt und danach eine Ausbildung zur Buchhalterin angefangen. Doch das Geld reichte nicht, vor dem Abschluss musste sie abbrechen. Trotzdem: Essen sei immer genug da in der Blechhütte, auch den Strom könne sie immer bezahlen. Das festzuhalten, ist ihr wichtig. Aber Luxus hat die vierfache Mutter immer nur gesehen, nie gehabt.

Jahrelang arbeitete Nosandla für eine Touristen-Lodge. Der Eigentümer sei oft verreist gewesen, neben der Herrichtung der Zimmer habe sie sich daher auch um die Buchungen und Abrechnungen gekümmert. Der Lohn waren umgerechnet 50 Euro pro Woche, im Februar hat sie gekündigt und zuhause eine kleine, private Kinderkrippe aufgebaut. „Ich bin es leid für andere Leute Geld zu machen“, sagt sie. Lihleli soll das einmal erspart bleiben. Am besten sollte die Tochter Anwältin werden – „um Leute über Ohr zu hauen, denn das ist es, was die machen.“ Für eine gesunde Portion Ironie ist in der kleinsten Hütte Platz.

Nun ist es nichts Ungewöhnliches, wenn Mütter in Walmer Township die rosigsten Zukunftsszenarien für ihre Sprösslinge herbei wünschen – nur bleibt es oft beim Traum, für die Realisierung fehlen Ausbildung und Kontakte. Lihleli ist da realistischer und sie vertraut auf ihr eigenes Talent: „Ich arbeite hart in allem, was ich mache, und versuche immer 100 Prozent zu geben.“ Ihr Einsatz bleibt nicht unbemerkt. Obwohl sie mit 14-Jahren und knapp 1,50 Metern die Kleinste in der Gruppe ist, hat die Schülerzeitungsredaktion Lihleli vor einem halben Jahr zur Chefredakteurin gewählt. „Ich war nicht sehr überrascht“, sagt sie selbstbewusst, „denn ich glaube, ich hatte den Job am meisten verdient und wollte ihn auch am stärksten haben.“ Was fast überheblich klingt, ist die pure Realität. Während andere Kinder gelegentlich eine Aufgabe „vergessen“ oder gar zur Stunde „wichtigere Aufgaben“ haben, ist auf Lihleli grundsätzlich Verlass. „Sie hat sich sehr gut entwickelt“, findet daher auch Nosandla. Auch Lihleli selbst hat bemerkt, wie die Arbeit in der Schülerzeitung sie verändert hat. Sie mische sich stärker ein als vorher. „Wenn ältere Jungs meinen kleinen Bruder ärgern, gehe ich raus und schimpfe mit denen – ich bin hilfsbereiter geworden.“

Das äußert sich auch in Lihlelis wahrem Berufswunsch. Umweltaktivistin will sie einmal werden und für den Erhalt der Natur kämpfen. Wenn möglich am besten mit den Mitteln, die sie momentan lernt, als Rechercheurin einer Umweltorganisation. „Wenn ich einen schönen Baum sehe, kann ich ihn minutenlang einfach nur ansehen“, begründet sie träumerisch.



Viele Naturschönheiten gibt es in Lihlelis kleiner Welt allerdings nicht. Walmer Township ist einer der am dichtest besiedelten Stadtteile von Port Elizabeth und zum Teil auf einer ehemaligen Müllkippe direkt neben dem Flughafen errichtet. Wenn der Wind mal wieder kräftig vom Meer bläst, fliegen die weggeworfenen Plastiktüten hier meterhoch durch die Luft, ehe sie irgendwann an einem rostigen Blechdach hängen bleiben. Auch Lihlelis Familie wohnt noch immer in einer Blechhütte. Sie warten auf das Hausbau-Programm der Regierung. „Die versprechen uns immer wieder ein Haus, aber wir wissen nicht, wann wir eines bekommen“, sagt Nosandla. Ein paar Straßenzüge weiter wird allerdings bereits kräftig gebaut, Lihlelis beste Freundin Asanda recherchiert gerade zu dem Thema.

Ihre Tochter soll sich später einmal nicht auf solche Versprechen verlassen müssen, das ist Nosandla schon heute klar. „Lihleli muss zur Uni gehen“, sagt sie. „Sie ist so vernarrt in Bücher und lernt so fleißig!“ Dass das nicht einfach wird, weiß sie, denn Hochschulbildung ist in Südafrika kostenpflichtig: „Wir haben das Geld nicht unter der Matratze, aber ich werde es versuchen.“ Doch vorerst wird Lihleli noch drei Jahre zu Schule gehen.

Dort an der Walmer High School haben Künstler gerade die kargen, grauen Wände mit vielen bunten Bildern verschönert. Viele Schüler schimpften, dass es bei ihnen jetzt aussehe, wie in einem Kindergarten, erzählt Lihleli. Doch sie hat sich die beiden Portraits unter den Malereien herausgesucht, um über die Persönlichkeiten dahinter zu schreiben: Nelson Mandela und Steve Biko. Der eine ist heute weltweit bekannt, der andere wurde mit 30 Jahren in Port Elizabeth zu Tode gefoltert, weil er für die Entstehung des schwarzen Selbstbewusstseins gegen die Apartheid gekämpft hat. „Die stärkste Waffe in der Hand des Unterdrückers ist der Geist der Unterdrückten“, hat Biko gesagt. In seiner Zelle in der Polizeistation des ehemals „weißen“ Teils von Walmer, nur knapp zwei Kilometer entfernt vom Township, haben sie auch ein kleines Portrait an die Wand gemalt. Lihleli war neulich da und hat sich alles angesehen. Sie lebt den Geist des neuen Südafrikas.

(zuerst erschienen in der Neuen Wernigeröder Zeitung)

Dienstag, 22. Februar 2011

Nächster Halt Weltherrschaft (Kauft Walmer’s Own!)



"Wir sind umgezogen", heißt es seit Kurzem bei Walmer's Own. Die Schülerzeitung, an deren Perfektion ich zusammen mit meiner reizenden Kollegin Racheal jeden Donnerstag arbeite, hat jetzt einen eigenen Redaktionsraum mit fünf Computern direkt im Masifunde-Büro-Haus. Dass wir die kargen Baracken der Walmer High School gegen diese schon fast professionelle Heimat eintauschen konnten, verdanken wir übrigens neben einer Reihe weiterer Spender auch den Vorstandsmitgliedern der Deutschen Journalistinnen und Journalisten Union (dju) in ver.di – die haben nämlich ihre alten Fachbuchbestände geschröpft, auf einem Buchbasar geopfert und hinterher eine Schicke Summe für die technische Ausstattung des Schülermagazins überwiesen. Vielen Dank dafür!

Damit auch ihr, verehrte drei Blog-Leser, was von dieser technischen Revolution habt, gibt es Walmer’s Own ab der nächsten Ausgabe auch digital – als E-Paper sozusagen. Für nur einen Euro im Monat auf unser Spendenkonto flattert jede Ausgabe unseres vierteljährlichen Magazins direkt in euren Posteingang, exakt in dem Moment, wenn sie auch in der Druckerei eintrifft. Die Vorteile: Ihr lernt Südafrika aus einer anderen Perspektive kennen und wir können erstens weitermachen und zweitens mehr (subventioniert verkaufte) Hefte drucken, um noch mehr Menschen in Walmer Township zu erreichen. Also, einfach Dauerauftrag über einen Euro einrichten an „Masifunde Bildungsförderung e.V., Spendenkonto: 160 585 6, Bankleitzahl: 509 500 68, Sparkasse Bensheim“ und Abo Walmer’s Own sowie die eigene Emailadresse (wegen Sonderzeichenverbot mit (at) statt @) in den Überweisungszweck schreiben.
Hier und hier stehen für Neugierige übrigens zwei alte Hefte zum Download.

Es dankt

Der große Verleger

PS: In ein paar Tagen bringe ich hier noch eine Geschichte über die Walmer’s Own Chefredakteurin unters Volk. Also weitersagen, der fünfte Leser bekommt einen Blumenstrauß.*


*Selbstabholer

Samstag, 12. Februar 2011

Wenn ich hier nicht permanent blogge, hat das natürlich – wie könnte es anders sein – meist mit harter Arbeit zu tun, die anderswo ruft. Weil mir das kein Warzenschwein glaubt, versuche ich es jetzt einmal zu dokumentieren.

Symbolbild.

Es ist Donnerstag-Abend. Es könnte der erste Abend in meiner neuen Behausung werden, die ich am Vortag bezogen, aber dann zur Prime-Time doch lieber gegen ein Gemeinschaftsforum mit Filmvorführung zum Thema „Die Rolle der Gemeinschaft beim Klimawandel und der Begrünung unseres Planeten“ eingetauscht hatte. Und auch am zweiten Abend wird es nichts mit Heimlichkeit zwischen den nach wie vor wild umherliegenden Taschen und Koffern. Nachdem ich mir den Morgen mit dem Versand von wohlklingenden Themenvorschlägen vertrieben, unter Mittag mit einem halben Dutzend Verkäufer-Seelen um meine neue Matratze gefeilscht und anschließend im Stammlokal des lokalen ANC-Büros in grober Missachtung des Vorabends eine halbe, gut durch gekochte Kuh und ein dreiviertel Maisfeld verzehrt hatte, war zumindest schon einmal Halbzeit. Nachmittags durfte ich dann meine munter verstreute Schülerzeitungsredaktion auf den Straßen Walmer Townships einsammeln, weil die Lausebengels und -mädels sich nicht eine Woche lang merken können, wo sie sich wann treffen sollen, und sie anschließend in die heilige Halle des neuen Masifunde-Multimedia-Raums einweihen, der ab sofort unser Redaktionszuhause ist.

Nachdem ich nur Stunden vor dem ersten Rammstein-Auftritt in Kapstadt über das mit der Räumlichkeit einhergehende Regelwerk und die neue deutsche Härte referieren konnte, war auch endlich der Masifunde-Bus von der Inspektion zurück und ich konnte ohne das halbe Klassenzimmer auf der Rückbank die Fahrt zum Supermarkt antreten. Die war nötig, weil ich mir meinen nächsten Arbeitsplatz erst noch erkochen musste. Auf dem Programm stand nämlich die sehnsüchtig erwartete Rede zur Lage der Nation, mit der mich der ehrwürdige Staatspräsident Jacob Zuma auf gleich zwei von vier frei verfügbaren Fernsehkanälen begrüßen würde. Das Problem besteht nur darin, dass auch frei verfügbare Sender zum Empfang ein Empfangsgerät voraussetzen. Und weil ich den Besitz eines solchen ob der Qualität eben jener Sender für redundant halte, quartierte ich mich bei einer Kollegin ein – die dafür Wegezoll in Form von Verspeisbarem verlangte.

Als Zuma fertig war, all die ehrenwerten Gäste einzeln zu umschmeicheln und auch die ausländischen Journalisten ausdrücklich begrüßt hatte, waren auch die Nudeln al dente. Irgendwo zwischen all den positiven Programmankündigungen und gut gemeinten Versprechungen (die ich etwas ernsthafter hier niederschrieb) hat mich der Präsident dann allerdings schwer verwirrt. Er lobte sich für den Bau zweier neuer, klimaschonender Kohlekraftwerke, die später einmal dafür sorgen sollen, dass die Zeiten der geplanten, stadtteilweisen Stromabschaltungen am Kap nicht so schnell wiederkehren und die jetzt schon dafür sorgen, dass sich der ANC und einige seiner ehrenwerten Wirtschaftspartner über einen milliardenschweren Weltbank-Kredit so richtig schön die Konten füllen. Das soll ja auch alles so sein, genau dafür haben Biko, Hani und Co ja schließlich ihr Leben gegeben. Aber dann sprach Zuma davon, dass das Fußvolk auch weiterhin Strom sparen müsse, wegen der Umwelt und des ewigen Lichts und sowieso. Und noch ehe ich gehorsam den Fernseher auschalten wollte, sagte er das Unfassbare. Wir sollen tagsüber den Warmwasserboiler abstellen. Schockstarre. Das aus dem Mund eben jenes Mannes, der die heiße Dusche einst unsterblich machte. Für die Zukunft kann es da nur heißen: Aids oder Stromausfall. Für mich hieß es aber zunächst: Lachen unterdrücken, zuhören, mitschreiben. So oder so, das Leben ist hart.

Dienstag, 25. Januar 2011

Sie haben keine Wal

Weil ich gerade absolut verdient im Urlaub verweile, gibt es mal wieder etwas Konserven-Kost, vorabgedruckt in der jungen Welt. Südafrika hat nämlich die große Ehre, den netten Konzern Wal-Mart willkommen zu heißen. Die Euphorie hält sich allerdings noch merklich in Grenzen - und das in einem Land, in dem Menschen einst "We love you, Mr. Blatter" auf Plakate schrieben... Hier der Link.

Freitag, 21. Januar 2011

Sonntag im Zoo



Nur einen Zoo gibt es in Südafrika noch. Als ich so durch das schattige Areal unter den herrlich grünen Bäumen in East London wandelte, kam mir der Gedanke, dass das auch gut so ist. Für umgerechnet 2,50 Euro geht’s rein in die Welt der verstörten Affen, Tiger und Wölfe. Sogar drei Schlangen sind hier in Glasboxen von der Größe eines mittleren Fernsehers ausgestellt. Eine kommt aus den Südstaaten der USA, eine ist heimisch und die dritte hat kein Namensschild mehr. Vermutlich handelt es sich um Thabo Mbeki. Kleiner Polit-Joke am Rande…





Die Giraffe erfreut sich neben ein paar Böckchen relativer Lauffreiheit. Man fragt sich lediglich, warum das Tier hier mitten in der Innenstadt, nur einen Katzenwurf von der Haupt-Minibus-Station entfernt, überhaupt ausgestellt wird, wo Giraffen doch auch in der näheren Umgebung in großer Zahl ihre langen Hälse in den Himmel strecken. Doch diese Frage müsste man sich dann auch bei der Kuh stellen, die ein paar Meter weiter neben dem Kamel auf der Wiese steht. Doch das sind Luxusprobleme. Die offensichtlich verhaltensgestörten Paviane haben es da in ihrem verdächtig nach außen verbogenen Käfig schon wesentlich schwerer. Während der Tiger wenigstens noch etwas Platz zum tigern hat und sich das kleine Rudel Wölfe in seinem schlauchförmigen Gehege immerhin auf und ab den obligatorischen Wolf laufen kann, erschloss sich mir nicht, ob das Nil-Krokodil nur zu faul oder in seiner Badewanne einfach des Platzes beraubt war, sich einmal umzudrehen. Ja, so ein Zoo ist schon eine tierfreundliche Einrichtung. Zumindest für die Kaninchen, die überall frei rumliefen und sich sichtlich über die Gefangenen lustig machten.









Man glaubt nun, das Leben der Tiere sei bereits hart genug. Doch weit gefehlt, es gibt ja noch die Zoo-Besucher. Ich habe noch nirgendwo Menschen so schamlos Affen mit Erdnüssen füttern, Giraffen mit Pullovern schlagen oder Raubkatzen mit plötzlichem Klatschen animieren sehen, wie in diesem Innenstadtidyll East Londons. Der Höhepunkt war allerdings die Familie mit drei Kindern, die dem Schimpansen tatsächlich ihre Pepsi zuwarfen. Gut, so konnte er wenigstens zwischen den beiden Marktführern für derlei Brausen wählen, denn Coca Cola war natürlich auch hier schon zuerst vertreten. Zumindest die Besucher haben es also verinnerlicht, das Motto, das die Toten Hosen einst besangen: „Hier sind wir frei, an einem Sonntag im Zoo.“

Montag, 17. Januar 2011

Schneller ans Ziel




“Wenn du das Lenkrad in die Hand nimmst, bist du schon tot.” Der Satz stammt von dem Mann, der bei Masifunde morgens die Kinder zur Schule bringt und sie nachmittags auch wieder abholt. Vorm Arbeitsbeginn wird im Minibus gebetet. Ob das in erster Linie mit seiner Frommheit oder schierer Angst zu tun hat, ist mir nicht bekannt, aber Mfana hat auch einen guten Rat parat: „Du musst hier immer für die anderen mitfahren und auf alles vorbereitet sein.“ Im Gegensatz zu seinem harschen Einstiegssatz ist das die blanke Realität.

In Südafrika hat vor Kurzem eine Kampagne gegen Alkohol am Steuer für Wirbel gesorgt, die damit kokettierte, dass betrunkenen Fahrern im Knast Vergewaltigungen drohen. Angeblich scheint das wohl auch zu stimmen (ich kann das nicht beurteilen, mein investigatives Rechercheinteresse hat Grenzen), aber die Darstellung von Gefängnisinsassen als triebgesteuerte Monster und die gleichzeitige Duldung der Zustände fanden bei Menschenrechtsorganisationen nicht gerade breite Zustimmung. Dass solche Kampagnen überhaupt nötig sind, liegt zum einen daran, dass Alkohol am Steuer von der breiten Mehrheit wenn nicht gar selbst praktiziert dann zumindest toleriert wird und es immer wieder zu tödlichen Unfällen kommt. Südafrika hatte allein im vergangenen Dezember mehr als ein Viertel der Verkehrstoten, die die Statistik für Deutschland im gesamten Jahr 2009 auswies – bei einer halb so großen Bevölkerungszahl und wesentlich weniger Autos pro Kopf. Da spielen natürlich auch andere Faktoren, wie vor allem verkehrsunsichere Autos und Busse eine wesentliche Rolle, aber der zu tiefe Blick ins Glas hat definitiv seinen Anteil an der schrecklichen Statistik. Das Eastern Cape, die Provinz in der ich lebe, ist trauriger Spitzenreiter und stellte im vergangenen Jahr bei einem Fünftel der Bevölkerung die Hälfte der erwischten Autofahrer. Und das liegt nicht gerade an den strengen Kontrollen, denn wer bei einer Verkehrskontrolle ohne Ausfallerscheinungen seinen Führerschein vorzeigen und den eigenen Namen noch fehlerfrei aussprechen kann, wird im Normalfall gar nicht zum Pusten gebeten.

Als Präventivmaßnahme gibt es daher an den Tankstellen des Landes auch keine alkoholischen Getränke zu kaufen. Selbst Supermärkte bieten lediglich Wein an, den Rest gibt es nur in speziellen Liquor-Stores. Vor diesem Hintergrund hat mich die eingangs abgebildete Geschäftsidee, die ich neulich in der Provinzstadt Queenstown bei der Durchreise an der Hauptstraße sah, dann doch überrascht. Da muss man den Wagen nicht einmal verlassen, um Nachschub zu beschaffen. Na dann Prost.

Dienstag, 4. Januar 2011

Wichtig!

Symbolbild (Dem Frosch ist nichts passiert!)

Falls es noch eines Beweises bedurfte, dass das Südafrika-Interesse in Deutschland in letzter Zeit gestiegen ist, Stern.de hat ihn geliefert. Doch lest selbst, welch dramatische Ereignisse sich nur 1000 Kilometer nördlich meiner beschaulichen Heimatstadt Port Elizabeth abspielten. Und sagt nicht, das wäre alles nur Quak.

Ansonsten hätte ich zur allgemeinen Heiterkeit noch eine Sammlung von Touristenbeschwerden anzubieten, die die Kollegen von Sueddeutsche.de bereitstellen.

Ich kann leider weiter nichts beitragen, ich muss weg.

Dienstag, 7. Dezember 2010

Von Roten Römern, Soldaten und Warzenschweinrücken

Soso, leicht verspätet nun auch die offizielle Verlautbarung. Ich bin zurück. Zurück in Südafrika und damit auch zurück im Sommer. Diese Nachricht ist allerdings hochgradig unspektakulär, zumal ich hier seitdem – mit Ausnahme eines fiesen Plus‘ an Arbeit – im Wesentlichen nichts anderes gemacht habe, als im Deutschland-Urlaub: Steinpilze sammeln und Angeln.



In Wirklichkeit ist dieser ganze Mythos des freien Korrespondenten ja auch nur vorgeschoben, um meine obsessive Steinpilzsucht über die europäische Saison hinaus zu befriedigen. Der Plan ging nun auf der Südhalbkugel erstmals auf und zwar in einem malerischen Bergdorf mit dem noch malerischeren Namen Hogsback – was übersetzt so viel wie „Warzenschweinrücken“ heißt.

Meine Oma hatte Angst, dass ich ob der Entdeckung hiesiger Steinpilzvorkommen nun gar nicht mehr nach Deutschland käme. In Anbetracht dieser Tagesausbeute sollte sie beruhigt sein...

Pilze sammeln in Südafrika ist allerdings mit anderen Hürden verbunden als in Deutschland. Zwar läuft man in den hiesigen Kiefernplantagen seltener Gefahr von Hundertschaften Cross-Rallye fahrender Jäger über den Haufen gefahren zu werden und auch die fiese Pilzmade hat die Migration gen Süden wohl nicht mitgemacht, doch dafür bevölkern größere Pavian-Gruppen die Wälder und laben sich an den Steinpilz-Stielen. Die Kappen überlassen sie dann der sommerlichen Hitze, auf dass sie schaurig am Waldboden vergammeln. Ein tragisches Bild, an den beiden Tagen auf dem Warzenschweinrücken war ich allerdings oft genug vor den Affen da, sodass es letztendlich für eine ordentliche Portion Steinpilznudeln reichte.

Um meine Diät etwas eiweißreicher zu gestalten, ließ ich mich dann noch vom guten Skipper Jerry in die Geheimnisse des südafrikanischen Hochseeangelns einweihen. Weil Fischer-Kollege Ansgar mehr mit Fische anfüttern beschäftigt war, fanden Beres und ich in Jerry einen hervorragenden Ersatz-Partner für die Aufgabe, die obligatorische Flasche Old Brown Sherry zu leeren. Sonst beißen die Fische nämlich nicht. Das Angeln an sich ist relativ simpel: Man hängt halbe Sardinen an riesigen Haken unter Zuhilfenahme massiver Grundbleie 30 bis 50 Meter in die Tiefe des Indischen Ozeans, wo eine bunte Runde mir bisher größtenteils vollkommen unbekannter Fischarten sich daran macht, den Köder zupfend zu entwenden. Manchmal bleiben sie dabei hängen, was ein Ruckeln an der knüppelgleichen Pilk-Rute in der Hand des Fischenden auslöst.


Profis!


Frag mich keiner, wie das Tier heißt. Es schmeckt jedenfalls gut.

Schwierig wird es erst, wenn der Fisch an Bord ist. Denn ob Roter Römer, Grünäugiger Hai, Daggarad oder Soldat: Die meisten kurios getauften Tiefseegeschöpfe haben irgendwelche fiesen Stacheln oder Giftdrüsen. Jerry konnte das allerdings nicht aus der Ruhe bringen und so gingen wir mit einer Kühltruhe voll Fisch die Heimreise an. Trotz der absolut unspaghettimonsterlichen Abfahrtszeit um 5.30 Uhr schreit dieser Trip nach Wiederholung. Zumal wir angeblich noch viel tollere Fischarten mit mir größtenteils entfallenen Namen verpasst haben. Ich gelobe unterdessen auch wiederholte Aktivität an dieser Stelle.


Hai and bye!

Montag, 19. Juli 2010

Der Traum von einer besseren Welt

Gestern war in Südafrika Mandela-Day, den die UNO jetzt ja sogar international ausgerufen hat. Zum 92. Geburtstag Nelson Mandelas sollte jeder 67 Minuten seiner Zeit spendieren, um etwas Gutes zu tun. Und so wurden für einen Tag Altenheime mit Gutmenschen überflutet und all die vergessenen Menschen des Landes saugten soviel Tee und Aufmerksamkeit in sich herein, wie sonst in einem ganzen Jahr nicht.

Ich habe eine alte Frau im Rollstuhl vor mir über die Straße gelassen. Das ging zwar wesentlich schneller, aber ich muss auch zugeben, dass ich solche Ereignisse kollektiven Moral-Reinwaschens auch nicht für besonders sinnvoll halte. Das hat etwas vom weihnachtlichen Kirchgang. Die Zahl 67 ist ebenso fragwürdig. Der Grund ist nämlich, dass Mandela 67 Jahre seines Lebens darauf verwendet habe, die Welt besser zu machen. Die Kampagne gab es aber schon letztes Jahr, mit der gleichen Zahl an Jahren, angefangen 1942 mit Mandelas erster Menschenrechtskampagne. Hieße also, der alte Herr habe im vergangenen Jahr nichts gemacht. Dabei hat Mandela doch auch kürzlich zumindest die Party der FIFA besser gemacht, einfach durch seine Anwesenheit. Dass er dazu laut Vorwürfen seines Enkels von der Blatter-Mafia gezwungen worden war, wollen wir hier mal nicht weiter erwähnen.

Der Jubel, den Mandela auslöste, indem er vorm WM-Finale in die Menge winkte, zeigte dann auch der ganzen Welt, wie sehr die Südafrikaner ihren Befreiungshelden noch immer anhimmeln. Das Bild ist nicht falsch, aber auch nicht vollständig. Leute, wie der Mittvierziger den ich Anfang März in Orange Farm, einem der ärmsten Townships bei Johannesburg traf, wo seit dem Ende der Apartheid noch nicht einmal fließend Wasser oder eine Kanalisation verlegt worden ist, waren nämlich mutmaßlich nicht im Stadion. Sie konnten Mandela also nicht zuwinken, weil der Eintritt dazu ein paar Monatsgehälter gekostet hätte – wenn sie nicht Mitte der Neunziger eh entlassen worden und seitdem arbeitslos wären. „Mandela hat uns verraten“, sagte der Mann recht bitter. Er sammelt heute Müll, um ihn zu recyclen und sich so über Wasser zu halten. (Die ganze Geschichte hatte ich zwar damals schon einmal verlinkt, aber wer mag, hier geht’s lang.) Der Grund für seine markigen Worte ist das neoliberale Wachstumsprogramm GEAR, das 1996 unter dem Präsidenten Mandela eingeführt wurde, von Wirtschaft und Weltbank viel Lob bekam und mehrere Millionen Arbeitsplätze vernichtete. Mit der Wirtschaft ist damals allerdings auch die Wut vieler Menschen gewachsen, nicht nur in Orange Farm.

Die Sache Mandela allein anzuhängen, wäre aber sicherlich falsch, denn erstens war er bei den wichtigen Verhandlungen über die Metamorphose des Apartheid-Staates noch inhaftiert und dann stellt sich in Südafrika auch immer noch die Frage wer und warum eigentlich ausschlaggebend für das Ende der Apartheid war – und was diese Kräfte dafür haben wollten. Es ist schlicht naiv, zu glauben, Mandela hätte 1996 einfach mal eben sein eigenes Ding durchziehen können, die Freiheits-Charta eins zu eins umsetzen und den modernen Sozialismus implementieren, der sich aus diesem Kern-Dokument des ANC an vielen Stellen erschließt. Das Land und deren Schätze sollen allen Menschen gehören, die auf ihm leben… Nun, die Menschen in Walmer Township leben zu großen Teilen auf einer ehemaligen Müllhalde, aber wir wollen ja nicht zynisch werden.

Mandela nun auf die gescheiterte Armutsbekämpfungen und die gescheiterte soziale Revolution nach der gelungenen anti-rassistischen zu reduzieren, würde diesem großen Mann einfach nicht gerecht werden. Er hat großes vollbracht, sein Leben in den Dienst des Anti-Rassismus gestellt und während der Transitionsphase den Frieden erhalten. Wie Südafrikas Zukunft nun gestaltet wird, kann nicht mehr Mandelas Aufgabe sein, anlässlich seines Geburtstags habe ich mich mit dieser Frage aber auseinander gesetzt. Hier mein Artikel dazu, erschienen gestern im Weser Kurier:

Hoffnung zu Mandelas Geburtstag


Die WM hinterlässt in Südafrika viele Schulden aber auch ein neues Nationalgefühl

Der lauteste Jubel-Sturm brach im Soccer-City-Stadion von Johannesburg am vergangenen Sonntag schon vorm Anpfiff des Fußball-Weltmeisterschafts-Finales aus. „Madiba, Madiba“ erschallte in Sprechchören als Nelson Rolihlahla Mandela in einem offenen Golfwagen eine Runde durch das Stadion drehte und den knapp 85000 Zuschauern zuwinkte. Was wohl kaum einer derer, die den Clan-Namen Mandelas riefen, wusste: Der Mann, der für die Befreiung Südafrikas vom Rassismus 27 Jahre im Gefängnis saß, war nicht ganz freiwillig da. Das behauptet zumindest sein Enkel Mandla Mandela, der dem Weltfußballverband FIFA vorwirft, großen Druck auf seinen Großvater ausgeübt zu haben. Im Vorfeld hatte es Bedenken gegeben, der Auftritt könnte zu anstrengend sein für den alten Mann. Das Spiel verfolgte Mandela dann auch tatsächlich lieber vor dem heimischen Fernseher in Soweto. Dort, im Kreise seiner Familie und etlicher Kinder aus seinem Heimatdorf Qunu feiert er heute auch seinen 92. Geburtstag. Den Mandela-Day, den selbst die UNO erstmals für den 18. Juli international ausgerufen hat, begeht Südafrika fast wie einen Feiertag.

Der Jubel und die Begeisterung für Mandela zeigen, welche Bedeutung der Vater der Nation für Südafrika noch hat und wie sehr sich die Menschen nach seinen rar gewordenen öffentlichen Auftritten sehnen. Die Liebe für den Ex-Präsidenten weist aber auch auf die Unzufriedenheit der Südafrikaner mit der aktuellen Regierung hin, die immerhin die erfolgreiche Weltmeisterschaft organisiert hat. Die vierwöchige Fußball-Party hat am Kap viele Probleme in den Hintergrund gedrängt, lösen konnte sie sie aber freilich nicht. Nun stellt sich – ausgerechnet zu Mandelas Geburtstag – die Frage, was bleibt von dieser WM.

Pravin Gordhan hatte darauf bereits eine Antwort. Gordhan ist südafrikanischer Finanzminister, kein Mann vom Glanze eines Mandelas aber als kühler und solider Zahlen-Experte geschätzt. Um 0,4 Prozent werde die WM das Bruttoinlandsprodukt anheben, rechnet Gordhan vor, abschließende Zahlen hat er aber noch nicht, weil noch Daten aus den Provinzen fehlen.

So banal lassen sich die WM-Auswirkungen aber sowieso nicht beschreiben. Südafrika hat in der globalen Finanzkrise ungefähr eine Million Arbeitsplätze verloren und etliche davon durch die WM-Investitionen wieder auffangen können. Präsident Jacob Zuma wird nicht müde, diesen Fakt zu erwähnen, unterschlägt dabei aber geflissentlich, dass das Gros der Jobs lediglich temporär war. Sobald die Straßen und Stadien fertig waren, mussten auch die Arbeiter gehen. Dieses Spiel von Licht und Schatten zieht sich durch die WM-Bewertung wie ein roter Faden, zu fast jeder positiven Nachricht lässt sich ein Kritikpunkt finden. Viele der monumentalen Stadien beispielsweise – entgegen weitverbreiteter pessimistischer Annahmen lange vor der WM vollendet – drohen zu „Weißen Elefanten“, also Großinvestitionen ohne Nutzen, zu werden. Selbst die ausgebaute Infrastruktur – Straßen, Zuglinien, Flughäfen und Telekommunikationseinrichtungen, die selbstverständlich weit über den finalen Schlusspfiff gebraucht werden – wird den Armen im Lande nichts bringen, weil sie sie nicht nutzen können.

Trotzdem: Mit der erfolgreichen WM-Organisation und –Durchführung hat Südafrika das globale Afrika-Bild verbessert, bei potentiellen Investoren eine eindrucksvolle Bewerbung hinterlegt und wenn man einer kleinen Umfrage des Tourismusministeriums des Western Capes am Kapstädter Flughafen glauben darf, auch die Touristen überzeugt. 66 Prozent der befragten ausländischen Gäste gaben dort an, mit ihren Familien ans Kap zurückkommen zu wollen.

Wenn südafrikanische Medien die umgerechnet vier Milliarden Euro gegenrechnen, die die WM das Land gekostet hat, taucht neben den wirtschaftlichen Folgen aber auch immer das neue Nationalgefühl als wichtigstes WM-Ergebnis auf: Die Südafrikaner sind als Gesellschaft zusammengerückt. „Die WM war für uns eine Anlaufstelle, um zusammenzukommen und stolz zu sein“, beschreibt mit dem Soziologen Udesh Pillay vom Forschungszentrum für Sozialwissenschaften in Durban auch ein renommierter Kritiker der anfangs überschätzten WM-Erwartungen das neue Bewusstsein. Und in der Tat: Wer gesehen hat wie sich in Kneipen, Fan-Parks und im Stadion Menschen aller Hautfarben mit Freudentränen in den Armen lagen, als Siphiwe Tshabalala Südafrika im Eröffnungsspiel gegen Mexiko in Front schoss, weiß, dass die WM in Südafrika nicht nur in Heller und Pfennig bewertet werden kann.

Die Südafrikaner haben der Welt ein freundliches Gesicht der Einigkeit gezeigt und auch nach dem Ausscheiden der eigenen Bafana Bafana noch andere Mannschaften unterstützt. Ghana wurde als letzter afrikanischer Vertreter oft hervorgehoben, doch eigentlich waren gefühlt mindestens ebenso viele Fans in den Farben Englands oder Brasiliens geschminkt.

Umso verstörender waren die Nachrichten am Morgen nach dem Finale. Noch in Nacht des Endspiels hatten sich die Gerüchte von neuen fremdenfeindlichen Ausschreitungen bestätigt, in Kapstädter Townships gab es Überfälle auf afrikanische Ausländer. Polizei-Chef Bheki Cele sah dahinter gewöhnliche Kriminelle, die sich in den Geschäften der Ausländer bedienen wollten, und auch Präsident Zuma spielte das Thema zunächst herunter und rief lediglich dazu auf, die „kriminellen Elemente“ zu isolieren. Obwohl die Regierung einerseits mit der raschen Entsendung von starken Polizei- und Armeekräften Unruhen im Keim erstickte, hält sich die Rhetorik, dass es sich bei den neuerlichen Krawallen nur um selbst-erfüllende Gerüchte handele, beständig weiter.

Das mag im Einzelfall sogar stimmen, aber die Probleme liegen tiefer. Es ist die extrem hohe Arbeitslosigkeit und das Ausbleiben von lange versprochenen sozialen Leistungen, wie Kliniken, Wasser-, Strom- und Kanalisationsanschlüssen oder besserer Schulbildung in den Townships, die die Menschen immer wieder auf die Straße bringen. In manchen Fällen schlägt die Wut dann – Berichten zufolge auch von korrupten Lokal-Politikern gesteuert – auf die Einwanderer nieder. Geht es nach Sozialforscher Pillay müsste die Regierung hier – trotz leerer Kassen – die Dynamik der Weltmeisterschaft nutzen, um die lange versprochenen Verbesserungen der Lebensumstände in den Armenvierteln in die Tat umzusetzen. „Wir haben jetzt diese positive Stimmung im Land, wir haben jetzt den Stolz und das nationale Bewusstsein um diese Herausforderungen anzugehen“, sagt Pillay.

Die Südafrikaner haben während der WM gesehen, zu welchen Leistungen ihre Regierung im Stande sein kann, wenn sie nur will. Der Mandela-Day, so will es übrigens die UNO, soll Menschen weltweit dazu aufrufen, ihre Umwelt mit kleinen Taten ein klein wenig besser zu machen. Der heutige Tag dürfte am Kap daher nicht nur ein inoffizieller Feiertag sondern auch ein Tag der Hoffnung sein.

Der Traum von einer besseren Welt

Gestern war in Südafrika Mandela-Day, den die UNO jetzt ja sogar international ausgerufen hat. Zum 92. Geburtstag Nelson Mandelas sollte jeder 67 Minuten seiner Zeit spendieren, um etwas Gutes zu tun. Und so wurden für einen Tag Altenheime mit Gutmenschen überflutet und all die vergessenen Menschen des Landes saugten soviel Tee und Aufmerksamkeit in sich herein, wie sonst in einem ganzen Jahr nicht.

Ich habe eine alte Frau im Rollstuhl vor mir über die Straße gelassen. Das ging zwar wesentlich schneller, aber ich muss auch zugeben, dass ich solche Ereignisse kollektiven Moral-Reinwaschens auch nicht für besonders sinnvoll halte. Das hat etwas vom weihnachtlichen Kirchgang. Die Zahl 67 ist ebenso fragwürdig. Der Grund ist nämlich, dass Mandela 67 Jahre seines Lebens darauf verwendet habe, die Welt besser zu machen. Die Kampagne gab es aber schon letztes Jahr, mit der gleichen Zahl an Jahren, angefangen 1942 mit Mandelas erster Menschenrechtskampagne. Hieße also, der alte Herr habe im vergangenen Jahr nichts gemacht. Dabei hat Mandela doch auch kürzlich zumindest die Party der FIFA besser gemacht, einfach durch seine Anwesenheit. Dass er dazu laut Vorwürfen seines Enkels von der Blatter-Mafia gezwungen worden war, wollen wir hier mal nicht weiter erwähnen.

Der Jubel, den Mandela auslöste, indem er vorm WM-Finale in die Menge winkte, zeigte dann auch der ganzen Welt, wie sehr die Südafrikaner ihren Befreiungshelden noch immer anhimmeln. Das Bild ist nicht falsch, aber auch nicht vollständig. Leute, wie der Mittvierziger den ich Anfang März in Orange Farm, einem der ärmsten Townships bei Johannesburg traf, wo seit dem Ende der Apartheid noch nicht einmal fließend Wasser oder eine Kanalisation verlegt worden ist, waren nämlich mutmaßlich nicht im Stadion. Sie konnten Mandela also nicht zuwinken, weil der Eintritt dazu ein paar Monatsgehälter gekostet hätte – wenn sie nicht Mitte der Neunziger eh entlassen worden und seitdem arbeitslos wären. „Mandela hat uns verraten“, sagte der Mann recht bitter. Er sammelt heute Müll, um ihn zu recyclen und sich so über Wasser zu halten. (Die ganze Geschichte hatte ich zwar damals schon einmal verlinkt, aber wer mag, hier geht’s lang.) Der Grund für seine markigen Worte ist das neoliberale Wachstumsprogramm GEAR, das 1996 unter dem Präsidenten Mandela eingeführt wurde, von Wirtschaft und Weltbank viel Lob bekam und mehrere Millionen Arbeitsplätze vernichtete. Mit der Wirtschaft ist damals allerdings auch die Wut vieler Menschen gewachsen, nicht nur in Orange Farm.

Die Sache Mandela allein anzuhängen, wäre aber sicherlich falsch, denn erstens war er bei den wichtigen Verhandlungen über die Metamorphose des Apartheid-Staates noch inhaftiert und dann stellt sich in Südafrika auch immer noch die Frage wer und warum eigentlich ausschlaggebend für das Ende der Apartheid war – und was diese Kräfte dafür haben wollten. Es ist schlicht naiv, zu glauben, Mandela hätte 1996 einfach mal eben sein eigenes Ding durchziehen können, die Freiheits-Charta eins zu eins umsetzen und den modernen Sozialismus implementieren, der sich aus diesem Kern-Dokument des ANC an vielen Stellen erschließt. Das Land und deren Schätze sollen allen Menschen gehören, die auf ihm leben… Nun, die Menschen in Walmer Township leben zu großen Teilen auf einer ehemaligen Müllhalde, aber wir wollen ja nicht zynisch werden.

Mandela nun auf die gescheiterte Armutsbekämpfungen und die gescheiterte soziale Revolution nach der gelungenen anti-rassistischen zu reduzieren, würde diesem großen Mann einfach nicht gerecht werden. Er hat großes vollbracht, sein Leben in den Dienst des Anti-Rassismus gestellt und während der Transitionsphase den Frieden erhalten. Wie Südafrikas Zukunft nun gestaltet wird, kann nicht mehr Mandelas Aufgabe sein, anlässlich seines Geburtstags habe ich mich mit dieser Frage aber auseinander gesetzt. Hier mein Artikel dazu, erschienen gestern im Weser Kurier:

Hoffnung zu Mandelas Geburtstag


Die WM hinterlässt in Südafrika viele Schulden aber auch ein neues Nationalgefühl

Der lauteste Jubel-Sturm brach im Soccer-City-Stadion von Johannesburg am vergangenen Sonntag schon vorm Anpfiff des Fußball-Weltmeisterschafts-Finales aus. „Madiba, Madiba“ erschallte in Sprechchören als Nelson Rolihlahla Mandela in einem offenen Golfwagen eine Runde durch das Stadion drehte und den knapp 85000 Zuschauern zuwinkte. Was wohl kaum einer derer, die den Clan-Namen Mandelas riefen, wusste: Der Mann, der für die Befreiung Südafrikas vom Rassismus 27 Jahre im Gefängnis saß, war nicht ganz freiwillig da. Das behauptet zumindest sein Enkel Mandla Mandela, der dem Weltfußballverband FIFA vorwirft, großen Druck auf seinen Großvater ausgeübt zu haben. Im Vorfeld hatte es Bedenken gegeben, der Auftritt könnte zu anstrengend sein für den alten Mann. Das Spiel verfolgte Mandela dann auch tatsächlich lieber vor dem heimischen Fernseher in Soweto. Dort, im Kreise seiner Familie und etlicher Kinder aus seinem Heimatdorf Qunu feiert er heute auch seinen 92. Geburtstag. Den Mandela-Day, den selbst die UNO erstmals für den 18. Juli international ausgerufen hat, begeht Südafrika fast wie einen Feiertag.

Der Jubel und die Begeisterung für Mandela zeigen, welche Bedeutung der Vater der Nation für Südafrika noch hat und wie sehr sich die Menschen nach seinen rar gewordenen öffentlichen Auftritten sehnen. Die Liebe für den Ex-Präsidenten weist aber auch auf die Unzufriedenheit der Südafrikaner mit der aktuellen Regierung hin, die immerhin die erfolgreiche Weltmeisterschaft organisiert hat. Die vierwöchige Fußball-Party hat am Kap viele Probleme in den Hintergrund gedrängt, lösen konnte sie sie aber freilich nicht. Nun stellt sich – ausgerechnet zu Mandelas Geburtstag – die Frage, was bleibt von dieser WM.

Pravin Gordhan hatte darauf bereits eine Antwort. Gordhan ist südafrikanischer Finanzminister, kein Mann vom Glanze eines Mandelas aber als kühler und solider Zahlen-Experte geschätzt. Um 0,4 Prozent werde die WM das Bruttoinlandsprodukt anheben, rechnet Gordhan vor, abschließende Zahlen hat er aber noch nicht, weil noch Daten aus den Provinzen fehlen.

So banal lassen sich die WM-Auswirkungen aber sowieso nicht beschreiben. Südafrika hat in der globalen Finanzkrise ungefähr eine Million Arbeitsplätze verloren und etliche davon durch die WM-Investitionen wieder auffangen können. Präsident Jacob Zuma wird nicht müde, diesen Fakt zu erwähnen, unterschlägt dabei aber geflissentlich, dass das Gros der Jobs lediglich temporär war. Sobald die Straßen und Stadien fertig waren, mussten auch die Arbeiter gehen. Dieses Spiel von Licht und Schatten zieht sich durch die WM-Bewertung wie ein roter Faden, zu fast jeder positiven Nachricht lässt sich ein Kritikpunkt finden. Viele der monumentalen Stadien beispielsweise – entgegen weitverbreiteter pessimistischer Annahmen lange vor WM der vollendet – drohen zu „Weißen Elefanten“, also Großinvestitionen ohne Nutzen, zu werden. Selbst die ausgebaute Infrastruktur – Straßen, Zuglinien, Flughäfen und Telekommunikationseinrichtungen, die selbstverständlich weit über den finalen Schlusspfiff gebraucht werden – wird den Armen im Lande nichts bringen, weil sie sie nicht nutzen können.

Trotzdem: Mit der erfolgreichen WM-Organisation und –Durchführung hat Südafrika das globale Afrika-Bild verbessert, bei potentiellen Investoren eine eindrucksvolle Bewerbung hinterlegt und wenn man einer kleinen Umfrage des Tourismusministeriums des Western Capes am Kapstädter Flughafen glauben darf, auch die Touristen überzeugt. 66 Prozent der befragten ausländischen Gäste gaben dort an, mit ihren Familien ans Kap zurückkommen zu wollen.

Wenn südafrikanische Medien die umgerechnet vier Milliarden Euro gegenrechnen, die die WM das Land gekostet hat, taucht neben den wirtschaftlichen Folgen aber auch immer das neue Nationalgefühl als wichtigstes WM-Ergebnis auf: Die Südafrikaner sind als Gesellschaft zusammengerückt. „Die WM war für uns eine Anlaufstelle, um zusammenzukommen und stolz zu sein“, beschreibt mit dem Soziologen Udesh Pillay vom Forschungszentrum für Sozialwissenschaften in Durban auch ein renommierter Kritiker der anfangs überschätzten WM-Erwartungen das neue Bewusstsein. Und in der Tat: Wer gesehen hat wie sich in Kneipen, Fan-Parks und im Stadion Menschen aller Hautfarben mit Freudentränen in den Armen lagen, als Siphiwe Tshabalala Südafrika im Eröffnungsspiel gegen Mexiko in Front schoss, weiß, dass die WM in Südafrika nicht nur in Heller und Pfennig bewertet werden kann.

Die Südafrikaner haben der Welt ein freundliches Gesicht der Einigkeit gezeigt und auch nach dem Ausscheiden der eigenen Bafana Bafana noch andere Mannschaften unterstützt. Ghana wurde als letzter afrikanischer Vertreter oft hervorgehoben, doch eigentlich waren gefühlt mindestens ebenso viele Fans in den Farben Englands oder Brasiliens geschminkt.

Umso verstörender waren die Nachrichten am Morgen nach dem Finale. Noch in Nacht des Endspiels hatten sich die Gerüchte von neuen fremdenfeindlichen Ausschreitungen bestätigt, in Kapstädter Townships gab es Überfälle auf afrikanische Ausländer. Polizei-Chef Bheki Cele sah dahinter gewöhnliche Kriminelle, die sich in den Geschäften der Ausländer bedienen wollten, und auch Präsident Zuma spielte das Thema zunächst herunter und rief lediglich dazu auf, die „kriminellen Elemente“ zu isolieren. Obwohl die Regierung einerseits mit der raschen Entsendung von starken Polizei- und Armeekräften Unruhen im Keim erstickte, hält sich die Rhetorik, dass es sich bei den neuerlichen Krawallen nur um selbst-erfüllende Gerüchte handele, beständig weiter.

Das mag im Einzelfall sogar stimmen, aber die Probleme liegen tiefer. Es ist die extrem hohe Arbeitslosigkeit und das Ausbleiben von lange versprochenen sozialen Leistungen, wie Kliniken, Wasser-, Strom- und Kanalisationsanschlüssen oder besserer Schulbildung in den Townships, die die Menschen immer wieder auf die Straße bringen. In manchen Fällen schlägt die Wut dann – Berichten zufolge auch von korrupten Lokal-Politikern gesteuert – auf die Einwanderer nieder. Geht es nach Sozialforscher Pillay müsste die Regierung hier – trotz leerer Kassen – die Dynamik der Weltmeisterschaft nutzen, um die lange versprochenen Verbesserungen der Lebensumstände in den Armenvierteln in die Tat umzusetzen. „Wir haben jetzt diese positive Stimmung im Land, wir haben jetzt den Stolz und das nationale Bewusstsein um diese Herausforderungen anzugehen“, sagt Pillay.

Die Südafrikaner haben während der WM gesehen, zu welchen Leistungen ihre Regierung im Stande sein kann, wenn sie nur will. Der Mandela-Day, so will es übrigens die UNO, soll Menschen weltweit dazu aufrufen, ihre Umwelt mit kleinen Taten ein klein wenig besser zu machen. Der heutige Tag dürfte am Kap daher nicht nur ein inoffizieller Feiertag sondern auch ein Tag der Hoffnung sein.

Freitag, 16. Juli 2010

Lesestoff zum Wegträumen

Es ist zwar schon etwas her, aber ich habe hier bisher noch einen Artikel vorenthalten, den es online leider nicht gab. Weil es allerdings ein Reisethema war und das Ziel gerade jetzt im südafrikanischen Winter – der dort extrem mild ausfällt – seinen vollen Reiz entfaltet, schiebe ich es jetzt mal nach:



Südafrika aus der dörflichen Perspektive
Die Transkei-Siedlung Nqileni an der Wildcoast lockt mit unberührter Natur und aufgeschlossenen Bewohnern

Der Blick hinunter ins Tal des
Bulungula-Flusses ist wie eine Erlösung.
Nach zweieinhalb Stunden auf holprigen
Staubstraßen ist die gleichnamige Lodge
hier erstmals in Sichtweite – und nur noch
eine einstündige Wanderung entfernt.
„Das Paradies ist per Definition schwer zu
erreichen!“, lässt die Website der Herberge
direkt am Indischen Ozean mit einem
Augenzwinkern wissen.

In der Tat: Bulungula ist vermutlich das
am weitesten von moderner Infrastruktur
abgelegene Feriendomizil Südafrikas.
Doch längst nicht nur das macht es so besonders.

„Ihre Türen brauchen Sie nicht abzuschließen,
denn es gibt hier keine Kriminalität“,
sagt die Lodge-Leiterin Liesl Benjamin
den Gästen auf der Begrüßungstour. In
Südafrika klingt das zunächst wie ein
schlechter Witz, doch hier in Nqileni ist es
wahr. Schon das Gepäck lassen die Urlauber
am Parkplatz in einer offenen Rundhütte
zurück, der Jeep der Lodge bringt es
am späten Nachmittag nach. Wer nicht
wandern mag, kann auch mitfahren. Eine
Pkw-Straße zur Lodge gibt es nicht.

Die Herberge hält noch weitere Überraschungen
parat. Der Strom wird mit einer
Solaranlage erzeugt und warmes Wasser
strömt nur aus den so genannten Raketenduschen
– der aufgefangene Regen wird in
dieser abenteuerlichen Konstruktion durch
eine Stahlröhre geleitet, an deren unterem
Ende ein Paraffinfeuer für die nötige Erwärmung
sorgt.

Die Unterkünfte bestehen aus stabilen
Safari-Zelten und zehn traditionellen Rundhütten
mit Reetdach, wie sie auch in den
Dörfern ringsum überall zu finden sind.
Das Mobiliar beschränkt sich auf ein bequemes
Doppelbett und einen an zwei Seilen
aufgehängten Stock, der als Handtuchhalter
dient. Luxus gibt es hier tief im Eastern
Cape nicht – dafür aber ein weitgehend unverfälschtes
Kennenlernen der Xhosa-Gemeinschaft.
„Natürlich hat die Bulungula Lodge einen
großen kulturellen Einfluss auf die
Dorfgemeinschaft“, stellt Benjamin mit
Blick auf die Gäste aus aller Welt klar.
„Man kann keine große Glaskuppel haben,
zu der die Leute dann hingehen und
schauen, wie die Einheimischen leben.“ Im
Gegenteil: Das Zusammentreffen von Touristen
und Einheimischen ist gewollter Bestandteil
des Konzepts der Fair Trade akkreditierten
Herberge. Zäune gibt es nur,
um die Ziegen von den frisch gepflanzten
Büschen und Bäumchen rund um die
Lodge fernzuhalten.

Gemeinsam am Lagerfeuer


Am Lagerfeuer sitzen die Menschen aus
Nqileni mit den Urlaubern zusammen,
auch der große Aufenthaltsraum im Haupthaus
wird von allen gemeinsam genutzt.
Die Einheimischen profitieren von der
Lodge. Der Dorfgemeinschaft gehören 40
Prozent des Unternehmens, von den Gewinnen
haben sie bereits einen Traktor angeschafft
und einen Kindergarten mit Vorschule
aufgebaut. Insgesamt 50 Arbeitsplätze
sind in Nqileni und Umgebung
durch den Tourismus entstanden.

Die 23-jährige Khunjulwa Palamenti hat
so einen Weg gefunden, ihre Familie zu unterstützen.
Die Gästeführerin lädt zu einem
Rundgang durch ihr Dorf ein, erklärt Geschichte
und Kultur und übersetzt bei den
Gesprächen mit den Einheimischen. Die im
ländlichen Eastern Cape ansässigen Xhosa
sprechen fast ausschließlich ihre gleichnamige
Muttersprache. Seit Kurzem begleitet
Palamenti die Gäste auch als Übersetzerin
auf der Tour mit dem Sangoma, einem der
in Südafrika noch weit verbreiteten Naturheiler.
Melidinga Mdoseni streift dann mit der
Gruppe durch den Qane-Urwald und erzählt
von der Heilwirkung der verschiedenen
Borken, Blätter und Wurzeln. Glaubt
man ihm, ist gegen jedes Leid ein Kraut gewachsen,
selbst gegen gewalttätige Ehemänner
hat er einen Baumrindentee im Angebot.
Doch auch wer eher der Schulmedizin
vertraut, kommt auf seine Kosten, wenn
der 56-Jährige in seinem grünen Heiler-
Overall die Fauna erklärt, frisch vom Baum
geschälte Borke zum Zähneputzen verteilt
oder plötzlich mitten im Urwald eine einem
Rettich ähnelnde Wurzel ausgräbt und in
Stücke gehackt seiner zögerlichen Kundschaft
zum Verzehr anbietet.

Da Kriminalität in und um Nqileni keine
Rolle spielt, kann man auch auf eigene
Faust endlos über die grünen Hügel, durch
die verbliebenen Urwälder und entlang
der faszinierenden Küste wandern. Die Lagune
direkt vor der Lodge, in der der Bulungula-
Fluss langsam in den Ozean mündet,
lädt zudem zu Kanu-Touren ein, auch auf
dem Pferderücken lässt sich die Gegend
hervorragend erkunden und wer mag,
kann einen Tag mit den Frauen der Dorfgemeinschaft
verbringen und lernen, aus
Lehm Steine für die Rundhütten zu fertigen
oder Umqombothi, ein Mais-Bier, zu
brauen.

Pilsener und Lager gibt es dagegen an
der Lodge-Bar, die auch drei erschwingliche
warme Mahlzeiten pro Tag anbietet.
Selbstversorger müssen ihr Essen mitbringen,
einen Einkaufsmarkt gibt es nicht,
aber im Meer kann man sich an Langusten,
Krabben, Austern und Fischen bedienen,
die abends selbst am Lagerfeuer gegrillt
werden können. Wer beim Beutezug nicht
allein sein will, kann auch hier auf die Erfahrung
eines Guides zurückgreifen.

Das Konzept geht auf. „Unsere Gäste
kommen wegen der kulturellen Erfahrungen
und wegen der traumhaften Lage“, berichtet
Benjamin. Fernab des Haupt-Touristenstroms
versucht sich die gastfreundliche
Dorfgemeinschaft mit Hilfe der Urlauber
weiterzuentwickeln. Als Hintergrund dient
eine touristisch unberührte Traumlandschaft.

Ganzjährig Badetemperaturen

Das Wasser ist ganzjährig warm und selbst
im südafrikanischen Winter von Mai bis
September ist es meist 20 bis 25 Grad warm
und in der Regel sonnig. Das ländliche Eastern Cape
hat etwas von der Klischee-Vorstellung
des traditionellen Afrikas. Kein
Strommast stört das Panoramabild, kein
Lichtsmog macht die Sternschnuppen unsichtbar
und kein Straßenlärm kann die
Idylle stören. Wenn es Krach gibt, dann
sind es entweder Kühe, Esel oder Hühner.

Nqileni ist ein armes Dorf, aber es hat seinen
eigenen Rhythmus, der den Ort paradiesisch
anmuten lässt. Ein Eindruck, der
spätestens dann zum Wiederkehren verleitet,
wenn man wieder in das normale Südafrika
und den hektischen Verkehr auf der
Fernstraße N2 einbiegt.

Buchungen unter Tel. 0027-(0)47-577 89 00.
Doppelzimmer ab umgerechnet 26 Euro), Einzelbett
im Gemeinschaftsschlafraum 11 Euro.
Anreise: Der nächste Flughafen ist das drei Autostunden
entfernte Umthatha. Von dort per Shuttlebus
zur Lodge
Informationen im Internet:
www.bulungula.com

Der Artikel erschien am 22.5. 2010 im Weser Kurier.

Mittwoch, 14. Juli 2010

Paul ist tot, der Teufel siegt



Die erste von einem Tintenfisch verschobene Fußballweltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent ist vorüber. Der Verlauf lässt sich oberflächlich als vorhersehbar beschreiben. Die Fifa scheffelte Milliarden, Südafrika ist über beide Ohren verschuldet und weiß mit den tollen Stadien ab jetzt nichts mehr anzufangen und die große afrikanische Einigkeit entlud sich noch in der Nacht nach dem Finale in erste Übergriffe auf Flüchtlinge in Kapstadter Townships. Von ihren jeweiligen Leit- und Hetzmedien ausreichend sensibilisiert ließen sich aber keine europäischen Touristen von Macheten-Gangs zerhacken, auch die nationale Burenfront zog es vor, ihre Rand lieber in Klipdrift-Brandy als in den Bombenbau zu investieren und so kam es, dass bei einer Umfrage des Western Cape Tourismus-Ministeriums 66 Prozent der internationalen Gäste angaben, mit ihren Familien wiederkommen zu wollen. Na klar, der ein oder andere Tourist fährt ohne seine alte Digital-Kamera nach Hause und auch ein paar Journalisten erhielten die Gelegenheit rührende Stories darüber zu schreiben, wie ihnen das eigene Auto ausgeräumt wurde. Wer daraus einem Land mit jährlich zwölf Millionen Besuchern einen Strick drehen will, handelt allerdings offensichtlich in böser Absicht.

Sportlich gab es ein paar obligatorische Überraschungen, wobei das Ausscheiden der pomadigen Teams aus Frankreich und Italien schon sehr genüsslich war, der finale Kampf der Bafana Bafana herzzerreißend, der Spielstil des deutschen Teams erfrischend und der Sieg Spaniens verdient. Aber was zählt all dies noch nach jenem Lattentreffer aus elf Metern in der 121. Minute des Spiels Ghana gegen Uruguay. Da vermarktet sich ein ganzer Kontinent mit einer WM, um vom Image des Elends und der ewigen Tragik wegzukommen, und dann scheidet die letzte im Turnier verbliebene afrikanische Mannschaft so aus. Zu allem Überfluss wird dann mit Diego Forlan, dem Mann der eine richtungsändernde Fernbedienung für Jabulani, den Ball, besitzt, auch noch der Teufel höchstpersönlich zum Spieler des Turniers erkoren. Fünf Zentimeter tiefer und es hätte Asamoah Gyan werden können.

Pulpo Paul dementiert mit allen acht Armen abwiegelnd natürlich jegliche Verstrickung in diese Angelegenheit. Ob es stimmt, weiß ich nicht. Nach meinem letzten hand- und armgreiflichen Kampf mit einem Oktopus, den das Tier an der Küste Port Elizabeths für sich entscheiden konnte und mein Abendessen auf Muscheln mit Reis beschränkte, vertraue ich den Kraken aber nicht mehr. Trotzdem muss ich dem Tentakel-Orakel hoch dankbar sein. Da ich während der WM bei der ARD verdingt war und Spiele mit deutscher Beteiligung in Port Elizabeth mehr Arbeit versprachen, war ich natürlich – ganz der Patriot – bis zum Halbfinale glühender Deutschland-Fan, und dann der stolzeste Spanier auf Erden. Mit Pauls gehirnbeeinflussender Hilfe kam es dann ja auch genau so, wie es kommen sollte, und ich durfte für ein paar Minuten mit dem präsidentiellen Wulff tanzen, der anlässlich der Verlierer-Finale-Siegerehrung mal eben herunter gejettet war. Ganz würdig fand ich ihn als Gratulanten für das deutsche Team allerdings nicht, denn die DFB-Elf hatte ja immerhin schon im zweiten Anlauf gewonnen…

Ich will hier aber gar nichts vorgauckeln, denn als ich erfuhr, dass Paul eh bald aus dem Dienst ausscheidet, vergaß ich eh sämtliche Politika und es setzte sich der Karnivore in mir dann doch wieder über den dankbaren Tintenfischfreund durch. In the end I picked Paul…



Donnerstag, 1. Juli 2010

Die Sache namens Apartheid

Gestern Nachmittag hatte ich mal wieder einen Kontakt mit dem südafrikanischen Gesundheitswesen. Keine Sorge mir geht’s gut. Aber zwei Girlies klopften an meiner Tür, um Geld für eine Freundin zu sammeln, die an Unterleibskrebs erkrankt sei. Für zehn Rand konnte ich einen Kugelschreiber erstehen und so meinen Teil zur OP beitragen. Das Fundraising-Modell schien mir ausreichend auf meine Berufsgruppe zugeschnitten, also war ich dabei. Ein blauer Kuli ist jetzt mein Eigen.

Doch dabei wollte ich es nicht bewenden lassen und fragte mal – ganz den unwissenden Deutschen mimend – nach, ob es denn hier keine staatliche Krankenversicherung und Gesundheitsvorsorge für alle gebe. Ganz fair war das sicher nicht, denn mit dem südafrikanischen Gesundheitswesen kenne ich mich zumindest aus zweiter Hand ganz gut aus, meine Freundin ist Ärztin an einem staatlichen Krankenhaus. Für Kranke besteht in diesem Land eine strikte Finanzapartheid: Wer es sich leisten kann, greift auf die noblen Privatkliniken zurück, wer das Geld nicht hat, landet in den oft schäbig anmutenden, von Verwaltungsmissmanagement gebeutelten und materiell und finanziell insbesondere hier im Eastern Cape miserabel ausgestatteten Öffentlichen Krankenhäusern, in denen die vornehmlich jungen Ärzte einen aussichtslosen Kampf um die Versorgung der von ärmlichen Wohnverhältnissen, Fehlernährung und nicht-existenter Vorsorge angetriebenen Patienten-Lawine führen.

Gerade für weiße Südafrikaner sind diese Einrichtungen der blanke Horror. Es gäbe schon freie Gesundheitsfürsorge, sagte das eine Mädel daher auch, aber diese Krankenhäuser seien „widerlich, dreckig, stinkig, überall trieft das Blut und die Leute husten dich an“. Nur die ärmsten Weißen setzen sich soweit herab, ein staatliches Krankenhaus zu betreten. Dann doch lieber für eine Operation woanders betteln gehen. Und um es offen zu sagen: All diese Ekel sind keine reinen Vorurteile, ich möchte auch in keinem dieser Krankenhäuser im momentanen Zustand liegen.

Was mich nachdenklich gemacht hat, war das, was die Mädels danach sagten. Sie hätten „diese Sache namens Apartheid“ gehabt in Südafrika, bis 1993 – nein 1994 war’s vorbei, wirft die Freundin ein, aber die andere ist sich sicher, dass es 1993 war. Naja ein Jahr Unterdrückung mehr oder weniger, was macht das schon. Die beiden sind um die Zeit schätzungsweise gerade geboren worden. „Ich will nicht rassistisch klingen, aber als die Africans das Land übernommen haben, ging alles den Bach runter“ fährt sie wenigstens im Vokabular die Political Correctness wahrend fort. Meinen vorsichtigen Einwand, dass die Versorgungslage für Schwarze vor 1994 nicht unbedingt besser gewesen wäre, haben die beiden dann nicht so richtig verstanden und mir lieber nochmal den Unterschied zwischen privaten und staatlichen Krankenhäusern erzählt. Die beiden Mädchen, vielleicht 17, 18 Jahre alt sind wirklich keine großen Rassisten, das nehme ich ihnen ab - schon gar nicht im internen Vergleich dieses Landes. Trotzdem weiß ich nicht, ob sie sich mit meinem Mitbewohner auch so nett unterhalten hätten, obwohl der eigentlich noch viel charmanter ist, als ich es bin.
„I like your accent“, kicherte mir die eine Kuli-Verkäuferin zum Schluss noch entgegen. „I don’t like your attitude“, dachte ich für mich, aber um es auch auszusprechen, war ich mir nicht sicher genug, ob sie denn wirklich auch versteht, was sie da in Erwartung meines weißen Verständnisses für einen Unsinn erzählt. Beim nächsten Blick in den Briefkasten fand ich dann sogar noch einen Zettel mit Telefonnummer und dem Wunsch, mich besser kennenzulernen. Seitdem weiß ich, dass vrek oulik auf Afrikaans irgendwas wie „süß“ heißt. Ich finde das auch süß. Vielleicht sollte ich ja zusagen. Es gäbe so viel zu erzählen.

Zum Beispiel, dass Südafrika in der ganzen Versöhnungs- und Vereinigungssoße, die seit Jahren wie ein dicker Ölfilm über dem Land liegt, in falschen Umarmungen erstickt, während unterm Deckel die alten Ressentiments weiterköcheln. Wahre Verständigung sieht anders aus, als das Jugendliche heute nicht einmal mehr wissen, wann die Apartheid endete, geschweige denn, worum es ging. Und ohne dieses Wissen kann es auch keine vernünftige Meinungsbildung zu den aktuellen Themen geben. Das Gesundheitssystem ist da natürlich nur ein Brennpunkt, aber ein wichtiger. Natürlich könnte die Versorgung hier viel besser sein. Wenn mehr Menschen Zugang zu Bildung, Arbeit und gesunder Ernährung hätten und darüber hinaus noch in vernünftigen Häusern wohnen würden, anstatt abends halb im Rauch- und Paraffin-Gestank provisorischer Öfen zu ersticken und nachts trotzdem unter durch löchrige Blechdächer nassgeregneten Decken halb zu erfrieren. Wenn dazu die Arm-Reich-Schere ein bisschen weniger offen wäre. Und wenn die Unsummen, die alljährlich in private Krankenversorgung fließen, in einer solidarischen Krankenversicherung gemeinsam mit den spärlichen Mitteln für die Unterklassen verwendet würden. Dann, ja dann und vermutlich auch nur dann, würde das Gesundheitssystem Südafrikas auch viel besser funktionieren und niemand müsste Kugelschreiber verkaufen, um Krebsoperationen zu finanzieren. Aber womit würde ich dann morgen meine Notizen machen…

PS: Dies ist übrigens ein Jubiläum, der hundertste Post. Wäre es mir eher aufgefallen, hätte ich was lustigeres geschrieben. Mal sehen, wann Piet oder Per mir mal wieder über den Weg läuft...

Dienstag, 8. Juni 2010

Sala kakuhle, Walmer Township, lebe wohl!



Es ist Zeit, einen Abschied bekannt zu geben. Die Zeiten, in denen ich ein komplettes, wenn auch nur einräumiges Haus als Bleibe zur Verfügung hatte, sind verflossen. Nach ziemlich genau drei Monaten habe ich Gqebera den Rücken gekehrt. Aus privaten Gründen und auf eigenen Wunsch würde ich auf einer Pressekonferenz jetzt sagen. Doch keine Sorge: Passiert ist nichts, nur genau das war irgendwann mein Problem. Ich wartete nämlich über die gesamte Zeit auf ein Gittertor vor meiner Tür, das meine Versicherung zur Zahlungsvoraussetzung im Einbruchsfall gemacht hatte. Auch der Fakt, dass das Schloss der Garagentür einfach irgendwann abgefallen und nie ersetzt worden ist, trug nicht zu meiner völligen Beruhigung bei. Und nun ja, bei inzwischen einstelligen Abendtemperaturen wäre eine warme Dusche nach dem Fußball auch ein Segen gewesen, nur dazu hätte man den vorhandenen Boiler in der Tat auch mal anschließen lassen müssen. Schlagt mich, verdammt meine deutsche Ungeduld und mein europäisches Luxus-Streben, aber als bei einem Freund ein Zimmer frei war, habe ich mich daher vom Acker gemacht.

Der Kontrast könnte größer nicht sein. Ich wohne jetzt wieder hinter hohen Mauern und Elektrodraht, in einer abgeschotteten Wohnsiedlung mit circa 20 ewig gleichen Einfamilien-Häuschen. Die Wände sind – ich hatte es bereits erwähnt – so dick, dass mein Internet-Funker Probleme bekommt, aber manche Nachbarn sind doch irgendwie allgegenwärtig. Nur meist nicht so herzlich, wie in Walmer...

Als ich mein Auto von den Umzugskoffern entlud, traf ich beispielsweise den Piet oder Per, so genau konnte ich das dem Genuschel nicht entnehmen. Piet oder Per wohnt auch irgendwo in der Siedlung hier und ist so der Typ Blockwart. Er ist ein kleiner, etwas rundlicher Afrikaaner der "32 years in correctional services" gearbeitet hat. Bis 1997. Ein Job und eine Zeit, die ihn mit seinem Schnurrbart schon mal per se sowas von sympathisch machen. Piet oder Per wollte eigentlich wohl auch nur checken, ob ich nicht auf dem falschen Parkplatz stünde. Ich wohne aber wirklich in Nummer 24. Er hat mich dann noch freundlicherweise rasch aufgeklärt, dass in dem Haus aber vorher Schwarze gewohnt hätten. Krass, ne!? "Oh", meinte Piet oder Per dann nur, als ich ihm verraten hab, das wir zusammen wohnen. Dann hat er lieber schnell weiter nach seiner Katze gesucht und ist laut "Brandyyyyyy" rufend durch die Siedlung getapst. Wäre ich schlagfertig, hätte ich noch fix ein "Welcome to South Africa" in ironischem Unterton hinterher geschoben, wie konservative, weiße Zeitgenossen es hier immer gleich parat haben, wenn mal irgendwo der unterbezahlte braunhäutigere Service-Zuständige nicht augenblicklich parat springt.

Nun will ich mein neues Zuhause aber auch nicht nur schlecht machen. Eine Lounge mit Fernseher, Esstisch und schmucker Küche, dazu ein kleines Büro-Zimmer und ein Schlafraum, in dem es nicht durch alle Spalten und Fugen zieht – all das hat schon was. Auch der Gemeinschaftspool ist nicht zu verachten, wenn es mal wieder wärmer wird. Dazu ein Mitbewohner, der wie ich permanent in der Weltgeschichte herumwuselt, um irgendwelche Dokumentar-Filme zu drehen und auch sonst ein zwar etwas zerstreuter aber absolut brauchbarer Zeitgenosse ist. Ich glaube, dieser Typ Mitmensch passt zu mir, um gewisse Parallelen zur Bremer Vergangenheit mal nur anzudeuten…
An dieser Stelle möchte ich noch Torben Brinkema grüßen und schlafe dann in der himmlischen Stille der Vorstadt ein. Und ganz zum Schluss sei noch erwähnt, dass Walmer mich auch noch nicht ganz los ist. Das Schülermagazin zieht mich natürlich noch jeden Mittwoch ins Township und mein Fußballverein sowieso. Einmal Young Chief, immer Young Chief. Wenn wir denn nur mal wieder ordentlich trainieren, geschweige denn ein Spiel gewinnen würden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und jetzt ab ins neue...

Sonntag, 6. Juni 2010

Deutsche Medien-Profis am Werk

Neulich eines kühlen Vormittags, ich hatte soeben einen mit Bildern behangenen Artikel auf die lange Reise von meinem Laptop nach oben in die wunderbar weite Welt des Internets geschickt und war drauf und dran mich in der halben Stunde Upload-Zeit* mit dem Abwasch der vergangenen drei Tage zu beschäftigen, klingelte mein Telefon.

Khanyi Ndabeni vom Herald, der englischsprachigen Platzhirsch-Tageszeitung war am Apparat. Er wolle mal meine Meinung als deutscher Journalist einholen, ob ich denn Südafrika für WM-tauglich befinden würde, was so mein Eindruck vom WM-Fieber wäre und wie das überhaupt damals in Deutschland war.

Was passiert, wenn man vor laufender Kamera drei Pizza-Verkäuferinnen fragt, wie sie denn gedenken, ihr Team während der WM anzufeuern, habe ich in diesem Video-Beitrag zum Fußball-Freitag dokumentiert.

Haha, nun erkläre mal einer einem Südafrikaner aus deutscher Sicht, warum man das eventbesoffene Fahnengeschwenke schwarz-rot-gold geschminkter Party-Hasen nicht mit der vereinigenden Wirkung vergleichen kann, die das WM-Fieber in der immer noch ziemlich stark nach Hautfarben gespaltenen südafrikanischen Gesellschaft hat. Ich habe versucht Herrn Ndabeni zu erklären, dass die Vorfreude – mit dem Unterschied, dass in Deutschland die Stadien viel eher ausverkauft waren – sehr ähnlich aussieht, dass es darüber hinaus aber phänomenal ist, wie auf einmal Südafrikaner aller gesellschaftlichen Hintergründe hinter „ihrer“ Bafana Bafana stehen und das die WM hier deswegen viel mehr zu bedeuten scheint.

Das war ihm dann aber wohl zu viel des Guten. Aber wichtig ist ja auch nicht, dass Journalisten darüber schreiben, sondern dass es passiert. Wäre ich pathetisch würde ich jetzt sagen, dass am Ende des Regenbogens zwar ein Goldschatz vergraben sein mag, am Anfang aber definitiv ein Fußball liegt.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Gier und Regulierungswut der FIFA, die sich in den Augen vieler Südafrikaner inzwischen völlig des Landes ermächtigt hat, Obdachlose und Straßenhändler vertreiben lässt und bei sechs Milliarden WM-Kosten für den südafrikanischen Staat noch stolz heraus posaunt, 2010 noch einmal 50 Prozent mehr verdient zu haben als 2006 in Deutschland, diese Stimmung nicht noch abwürgt. Momentan übertönen die Vuvuzelas die kritischen Töne noch lautstark und da die Kohle jetzt eh weg ist und das Fest ansteht, ist das auch gut so.


*Das liegt an den dicken Wänden meiner neuen Behausung. Wenn ich den Laptop vor die Tür stelle, dauern drei MB nur fünf Minuten, aber meist bin ich zu faul alles abzustöpseln.

Donnerstag, 13. Mai 2010

Wie die Südafrikaner die WM retteten



Haha, die WM kann kommen. Ich bin seit vorgestern im Besitz von drei Tickets, die mir Einlass gewähren werden, wenn Didier Drogba das portugisische Star-Schauspiel-Ensemble im Alleingang aus dem Turnier schießt, die mir gestatten, Michael Ballack nicht nur 'im Indärnädd' zu sehen und die es mir schließlich ermöglichen, mit den Engländern das alte Volkslied von den Ten German Bombers anzustimmen. God shave the Queen!

Dafür musste ich zwar ungefähr 1,5 Millerntor-Dauerkarten berappen, aber beim derzeitigen Euro-Kursverfall kommt es da ja auch nicht mehr drauf an. Habt ihr schon 10-Millionen-Euro-Scheine auf eurem Bananen-Kontinent? Sorry, Banken-Kontinent wollte ich sagen. Zurück zum Thema: Immerhin konnte ich die Karten am Schalter erwerben und musste außer meinem Führerschein nicht noch Informationen über den Geburtsort meiner Urgroßmutter, meine Lieblingsschokolade, eine detailierte Weltkarte mit meinen Aufenthaltsorten und -zeiten der letzten 20 Jahre sowie einen mit digitaler Unterschrift bestätigten Schwur, künftig nur noch Coca Cola zu trinken, für die Werbezwecke, äh nein, sorry, die Sicherheitsmaßnahmen der Fifa hinterlassen.

Vielen Südafrikanern ging der Hokuspokus um Online-Ticket-Bewerbungen und Kontoeröffnungen zum bloßen Zwecke, bei im Voraus garantierter Bezahlung um Fußball-Karten betteln zu dürfen, ebenfalls entschieden zu weit. Weil entweder die hiesigen Touristen-Erwartungen, die hoeneß'schen Ängste vor marodierenden Macheten-Banden oder schlicht die Wucherpreise der Airlines, Hotels und Reiseveranstalter hoffnungslos überhöht waren, hatte die Fifa in der Folge ein Problem in Form eines riesigen Ticketbergs im heimischen Schweizer Tresor. Doch dann tat die Fußballweltregierung etwas, dass noch nicht viele gewagt haben. Sie hörten auf einen Ratschlag der Südafrikaner.

Und siehe da: 90 Prozent der Karten vertickt, Tendenz geht auf 95 Prozent, konnte Danny Jordaan, seines Zeichens Chef des südafrikanischen Organisationskomitees, unter der Woche verkünden. Die Südafrikaner haben die WM gerettet. Ein Glück, dann kann die Sause ja bald losgehen! Ich hab's gleich mal zum Anlass genommen meine kleine Serie im Online-Angebot des Weser Kuriers mit einem (um ein kleines Video bereicherten!) Bericht zur Kartensituation zu starten. Sehen Sie, staunen Sie!

Montag, 3. Mai 2010

WM-Vorbereitungen werden sportlich

Trotz aller Unkenrufe sind die Stadien in Südafrika natürlich längst fertig und auch wenn hier und da sicher die ein oder andere Straße nicht mehr vor Turnierbeginn fertig wird, ist das Land reif für die WM. Ob das auch für die eigene Nationalelf gilt, die sich gerade in der deutschen Heimatstadt ihres Ausstatters auf das Turnier vorbereitet und dabei nach einem soliden 0:0 gegen Nordkorea und einigen Absagen von wegweisenden Test-Partien gegen die Zweitvertretungen aus Nürnberg und Fürth ein phänomenales 2:0 gegen die am gleichen Tag eingeflogenen Jamaikaner feiern konnte, ist auch in Südafrika zumindest umstritten.

Vielleicht sollte man der Mannschaft nochmal dieses journalistische Stück Real-Satire vorlegen, welches die hiesige Weekend Post in Kooperation mit dem Kapitän des lokalen Zweitligisten am Sonnabend veröffentlichte, um ihren weniger Fußball affinen Lesern noch schnell das richtige "Ballgefühl" zur WM einzuimpfen.

Böse Zungen behaupten ja, man könne Fußball nicht in einem kurzen Artikel erklären.

Ich liefere nur einen Auszug und lade zur erheiternden Komplett-Lektüre ein:

"Ein Spieler steht abseits, wenn er in der gegnerischen Hälfte des Feldes und der gegnerischen Torlinie näher als sowohl der Ball als auch der vorletzte Gegner ist."

Bitteschön!

PS: Die Weekend Post hatte noch einen lustigen Artikel.

Freitag, 30. April 2010

Lesestoff zu den Feiertagen

Am Dienstag war in Südafrika Nationalfeiertag, Freedom Day genannt. Für die revolutionäre Studenten-Organisation SASCO markiert der Tag heute nur noch den Moment, in dem die wirtschaftliche Freiheit im Tausch für politische Freiheit aufgeben wurde.

"Wir haben eine Demokratie erkämpft, die den Reichen das Recht gibt, Politik und Wirtschaft zu regieren", ließ SASCO-Präsident Mbulelo Mandlana starke Worte folgen.

Erstmal ist aber WM und noch müssen sich deswegen alle lieb haben, denn sowas kommt ja so schnell nicht wieder. Ich habe aber schon in etlichen Interviews und Gesprächen die Einschätzung gehört, dass der Verteilungskampf danach eine andere Dynamik bekommen könnte. Und das ist auch bitter nötig. Denn wenn Präsident Zuma sich jetzt anlässlich des Freiheitstags wieder nur hinstellt und bemerkt, dass die Apartheid ein schweres Erbe hinterlassen hat, das sich immer noch stark auf die Verhältnisse im Land auswirkt, dann ist das zwar richtig, aber 20 Jahre nach dem Beginn der Demokratisierung und 16 Jahre nachdem der ANC Regierungspartei wurde, ist das einfach viel zu wenig. In vier Jahren würden keine Ausreden mehr gelten, meint Zuma. Das sehe ich ganz genauso. Ich befürchte nur für ihn, dass viele schon Ende Juli, wenn es bei Temperaturen um die fünf Grad mal wieder im Wintersturm durchs unisolierte Blechdach regnet, einen wesentlichen Teil ihrer Geduld verlieren.

Der ANC schafft es nicht, seine unbestrittenen Erfolge medienwirksamer darzustellen. Das liegt zum Einen an den Gazetten des Landes, die vorrangig wirtschaftsliberal geprägt sind. Das liegt aber auch daran, dass die Regierungspartei den Zeitungen durch eine endlose Reihe von korrupten Verteilungsprozessen, Untätigkeit, haarsträubendem Missmanagement und Vetternwirtschaft bei der Vergabe von Posten immer genügend Futter liefert. Die Opposition versucht davon zu profitieren, hat aber auch keine glaubwürdigen Konzepte und hat sich viel zu sehr auf ein wohlhabendes Klientel konzentriert, als das sie für das Gros der Armen wählbar wäre. Es wirkt zudem etwas kurios, wenn sich ein von Weißen gelenkter Verein nun 16 Jahre nach Ende der Apartheid hinstellt und bemängelt, dass die Befreiungsbewegung der Unterdrückten, der ANC, den Wohlstand nicht schnell und gerecht genug herbei führt, den die Weißen allen anderen Bevölkerungsgruppen einst gewaltsam vorenthalten haben. In Südafrika im Jahr 2010 sind beileibe nicht alle hellhäuigen Menschen Rassisten, aber wen wählen wohl die Menschen, die der National Party jahrzehntelang die Stimmen und die Unterstützung für die Apartheid geliefert haben?

Wenn es den zuletzt erstmals offen aufmuckenden Gewerkschaften endlich gelingt, die soziale Frage im Land nicht nur auf ihre Stammklientel, die Beschäftigten, zu begrenzen, sondern ganzheitlich zu sehen, dürfte sich in dieser Ecke ein wesentlich stärkerer, aussichtsreicherer und für die Armen auch nützlicherer Widerstand entwickeln. Wir werden es sehen. Doch wie gesagt, erstmal ist WM. Und morgen 1. Mai. Man darf gespannt sein, ob es die Gewerkschaftsführer, die ja in der Dreier-Allianz mit dem ANC verbandelt sind, dort ebenfalls bei Durchhalteparolen belassen, oder den eingeschlagenen Konfrontationskurs der letzten Wochen sogar noch vertiefen.

Zur Rolle der Gewerkschaften habe für 1.Mai-Beilage der Jungen Welt einen Artikel beigesteuert, der leider nur für Online-Abonnenten ersichtlich ist. Ein kurzer Text zum Freiheits-Tag findet sich hier.

Freitag, 16. April 2010

Regenbogenpresse



Heute war mal wieder ein Tag mit Post. Das ist bei mir immer etwas Besonderes, denn normalerweise schreibt mir kaum jemand. Und wenn, dann sind es in der Regel Knöllchen. Aber wenn ich ehrlich bin, war in Bremen auch meist nur Müll in der Post. Das Email-Zeitalter ist schon ein hartes, wenn man das zu Web2.0-Zeiten überhaupt noch so sagen darf. Nun hat mir aber jedenfalls die African Times ein Beleg-Exemplar für meinen Artikel über Mzoli’s geschickt, das erste Township-Restaurant, das es in die Top-100-Liste der südafrikanischen Gourmet-Tempel geschafft hat.

Abend vor Mzoli's Restaurant in Gugulethu

Der gute Mzoli hat in Kapstadts Township Gugulethu in den 80ern mit einem Tante-Emma-Laden – hier korrekter: Onkel-Mzoli-Laden – angefangen, später komplett auf Fleisch umgestellt und vor ein paar Jahren ein Grill-Restaurant angehangen. Seitdem rennen ihm Menschen aller Hautfarben die Bude ein, an Wochenenden legen DJs auf und eine teils kiloweise Fleisch verschlingende, teils tanzende Menschenmenge, die mit Fine Dining eigentlich nicht so viel zu tun hat, transportiert allwöchentlich ganz von allein die Botschaft, dass die Regenbogennation Südafrika eben doch existiert.

Fine Dining mal anders

Meine kleine Reportage, deren Thema für europäische Massenmedien wahrscheinlich viel zu positiv wäre, habe ich nun als haptisches Erlebnis zur fortwährenden Verfügung. Ich würde euch dieses Vergnügen ja auch gern zukommen lassen, aber dafür müsst ihr schon den Computer runterfahren, Schuhe anziehen und in ein gut sortiertes Zeitschriftenfachgeschäft gehen. An dieser Stelle gibt es nur den Link zur Online-Version und immerhin die Möglichkeit direkt zu kommentieren. Wir sind ja schließlich im Web2.0-Zeitalter.

Dienstag, 13. April 2010

Nichts ist umsonst?



Südafrika ist eines der Länder mit dem weltweit höchsten Gefälle zwischen Arm und Reich. Die Townships, von denen jedes noch so kleine Städtchen außerhalb der ehemaligen Homelands für Schwarze mindestens eines hat, sind Beweis dafür. Doch auch hier bleibt die Zeit nicht stehen. Auf Recherchereise für eine Reportage in der jungen Welt habe ich mich Mitte März nach Soweto begeben, dorthin, wo mit dem blutig niedergeschossenen Schüleraufstand von 1976 der Anfang vom Ende der Apartheid eingeläutet wurde. 34 Jahre später hat sich vieles gewandelt, viele Häuschen sind schicker geworden, die Straßen sind meist akkurat und die Menschen leben in würdiger Freiheit. Arm sind die meisten aber immer noch, lediglich 23,7 Prozent haben einen mehr oder minder festen Arbeitsplatz und noch stärker als die Villenviertel in Diepkloof, dem reichsten Teil Sowetos, wachsen die Blechhüttensiedlungen an den Rändern der Township-Ansammlung mit 1,3 Millionen Einwohnern.

Krasser als hier in Johannesburg lässt sich die neue Finanz-Apartheid Südafrikas eigentlich kaum erleben. Die größte und finanzstärkste Finanzmetropole des afrikanischen Kontinents ist mit ihren jüngeren Sattelliten-Townships wie dem verslumten Orange Farm durch eine Straße verbunden, die völlig zu Recht Golden Highway heißt. Der Sand, der hier verbaut ist, stammt nämlich aus den Goldminen, die den Reichtum Johannesburgs begründet haben. Heute könnte man – modernen chemischen Methoden und einem hohen Goldpreis, der das Verfahren rentabel macht sei Dank – aus der Straße Gold gewinnen. Die Bewohner von Orange Farm haben von dem Reichtum freilich nichts. Wir treffen beim Besuch eines Selbsthilfeprojekts mit angeschlossenem Kindergarten auf eine Gruppe älterer, abgekämpft wirkender Männer. Sie waren Arbeiter in den Mangan-Minen der britischen BHP Biliton. Als sie vom Mangan vergiftet erkrankten, hat der Betrieb sie entlassen, um sich vor den Kosten der Behandlung und den Entschädigungszahlungen zu drücken. Das war 1996. Seitdem kämpfen die Männer um Gerechtigkeit, während immer mehr von ihnen durch das Gift in den Körpern dahingerafft werden.


Die ehemaligen Arbeiter vor dem Selbsthilfebüro.

Sogar dem Kindergarten droht inzwischen die Schließung. Denn Orange Farm wartet seit zehn Jahren darauf, dass die Versprechen der Stadtoberen, ihren Stadtteil mit einer Kanalisation und die Haushalte mit fließend Wasser zu versorgen. Das Projekt wird aber immer wieder abgebrochen. Da die Vorschriften für den Betrieb eines Kindergartens aber Toiletten mit Spülung und fließendes Wasser verlangen, steht die liebevoll aus dem Nichts aufgebaute Einrichtung für 85 Kinder aus der Umgebung vor dem aus.


Der Kindergarten des Itsoseng-Projekts. Itsoseng heißt soviel wie "Wach auf!", denn von außen hilft hier keiner.

Selbst wer wie Ashley, ein Freund meines Gastgebers in Johannesburg, das Glück hatte, von den reichen Städtern, für die seine Mutter als Haushälterin arbeitete, auf eine gute Privatschule geschickt worden zu sein, kämpft hier noch auf ziemlich verlorenen Posten. Für die über einstündige Minibus-Taxi-Fahrt von Palm Springs, seinem Heimat-Township, zur Arbeit im westlichen Zentrum Johannesburgs zahlt er monatlich 800 Rand. Für seinen Vollzeit-Job als Kassierer bei Woolworth bekommt er 2000 Rand. Da bleiben 120 Euro zum Leben. Und Ashley zählt sicherlich schon zur Township-Mittelschicht. Er hat Marketing studiert und mit Bachelor abgeschlossen. Er könnte auch einen besseren Job mit besserem Verdienst bekommen – allerdings nur in Kapstadt, wie er erzählt. Aber da will er nicht hin, die Mutter und die Familie halten ihn in Palm Springs.

Wer keinen Job hat, lebt am Existenzminimum. Als im Jahr 2000 auch noch die Strom- und Wasserversorgung teilprivatisiert worden und internationale Konzerne Gewinne mit den Armen machen wollten, erinnerten sich die Township-Bewohner rund um Johannesburg wieder ihres Kampfgeistes. Seitdem verknüpfen tausende flinke Hände fleißig abgeklemmte Stromkabel und verplombte Wasserleitungen neu. „Die sagen ‚Nothing for mahala‘, also nichts ist umsonst, doch das Wasser kommt von Gott“, ereifert sich Jabulani Molobela, einer der Aktivisten, der uns zeigt, wie das Wiederverbinden funktioniert und was der Wasserkrieg mit den Vorgärten in Soweto angerichtet hat: Sie liegen brach, kaum einer baut noch Gemüse vor dem Haus an, weil die Kontrolleure skeptisch werden könnten. Nach Schätzungen versickern bis zu zwei Drittel des nach Soweto gepumpten Wassers im Boden, weil das Leitungssystem hoffnungslos veraltet ist und niemand investieren will. Geht es nach dem halbstaatlichen Konzern Johannesburg Water sollen die Armen das Investitionsvolumen aufbringen, am besten gleich, indem sie ihr Wasser im Büro des Stadtteilbürgermeisters auf Prepaid-Basis kaufen. Das Schild der Wasserfirma ist – anders als das Namensschild des Quasi-Rathauses – das einzige an dem Gebäude, was noch gut lesbar ist.


Profit meets Politik

Doch die Zähler stehen still, kaum einer zahlt. Als eine Frau sich beim Wasserschleppen das Genick brach, haben sie geklagt, bis zum Obersten Gericht, und Recht bekommen. Die Grundversorgung mit Wasser ist in Südafrika ein Menschenrecht. Weil der Konzern die Umsetzung des Urteils mit sogenannten Tricklern, die den Wasserhahn nur tröpfeln lassen und dem Prepaid-System versucht zu unterwandern und weil alle Einsprüche und Protestmärsche erfolglos blieben, haben Jabulani und Co ihren pragmatischen Ansatz gewählt und zum Werkzeug gegriffen. Sie haben schließlich nicht mit ihrer Jugend für den Freiheitskampf bezahlt, um jetzt im Dunkeln zu verdursten, scheint das Gefühl zu sein. Und schließlich sei man noch nicht am Ziel. „Der Kampf geht weiter“, sagt Jabulani.

Die ganze Reportage gibt’s hier.