Gestern Nachmittag hatte ich mal wieder einen Kontakt mit dem südafrikanischen Gesundheitswesen. Keine Sorge mir geht’s gut. Aber zwei Girlies klopften an meiner Tür, um Geld für eine Freundin zu sammeln, die an Unterleibskrebs erkrankt sei. Für zehn Rand konnte ich einen Kugelschreiber erstehen und so meinen Teil zur OP beitragen. Das Fundraising-Modell schien mir ausreichend auf meine Berufsgruppe zugeschnitten, also war ich dabei. Ein blauer Kuli ist jetzt mein Eigen.
Doch dabei wollte ich es nicht bewenden lassen und fragte mal – ganz den unwissenden Deutschen mimend – nach, ob es denn hier keine staatliche Krankenversicherung und Gesundheitsvorsorge für alle gebe. Ganz fair war das sicher nicht, denn mit dem südafrikanischen Gesundheitswesen kenne ich mich zumindest aus zweiter Hand ganz gut aus, meine Freundin ist Ärztin an einem staatlichen Krankenhaus. Für Kranke besteht in diesem Land eine strikte Finanzapartheid: Wer es sich leisten kann, greift auf die noblen Privatkliniken zurück, wer das Geld nicht hat, landet in den oft schäbig anmutenden, von Verwaltungsmissmanagement gebeutelten und materiell und finanziell insbesondere hier im Eastern Cape miserabel ausgestatteten Öffentlichen Krankenhäusern, in denen die vornehmlich jungen Ärzte einen aussichtslosen Kampf um die Versorgung der von ärmlichen Wohnverhältnissen, Fehlernährung und nicht-existenter Vorsorge angetriebenen Patienten-Lawine führen.
Gerade für weiße Südafrikaner sind diese Einrichtungen der blanke Horror. Es gäbe schon freie Gesundheitsfürsorge, sagte das eine Mädel daher auch, aber diese Krankenhäuser seien „widerlich, dreckig, stinkig, überall trieft das Blut und die Leute husten dich an“. Nur die ärmsten Weißen setzen sich soweit herab, ein staatliches Krankenhaus zu betreten. Dann doch lieber für eine Operation woanders betteln gehen. Und um es offen zu sagen: All diese Ekel sind keine reinen Vorurteile, ich möchte auch in keinem dieser Krankenhäuser im momentanen Zustand liegen.
Was mich nachdenklich gemacht hat, war das, was die Mädels danach sagten. Sie hätten „diese Sache namens Apartheid“ gehabt in Südafrika, bis 1993 – nein 1994 war’s vorbei, wirft die Freundin ein, aber die andere ist sich sicher, dass es 1993 war. Naja ein Jahr Unterdrückung mehr oder weniger, was macht das schon. Die beiden sind um die Zeit schätzungsweise gerade geboren worden. „Ich will nicht rassistisch klingen, aber als die Africans das Land übernommen haben, ging alles den Bach runter“ fährt sie wenigstens im Vokabular die Political Correctness wahrend fort. Meinen vorsichtigen Einwand, dass die Versorgungslage für Schwarze vor 1994 nicht unbedingt besser gewesen wäre, haben die beiden dann nicht so richtig verstanden und mir lieber nochmal den Unterschied zwischen privaten und staatlichen Krankenhäusern erzählt. Die beiden Mädchen, vielleicht 17, 18 Jahre alt sind wirklich keine großen Rassisten, das nehme ich ihnen ab - schon gar nicht im internen Vergleich dieses Landes. Trotzdem weiß ich nicht, ob sie sich mit meinem Mitbewohner auch so nett unterhalten hätten, obwohl der eigentlich noch viel charmanter ist, als ich es bin.
„I like your accent“, kicherte mir die eine Kuli-Verkäuferin zum Schluss noch entgegen. „I don’t like your attitude“, dachte ich für mich, aber um es auch auszusprechen, war ich mir nicht sicher genug, ob sie denn wirklich auch versteht, was sie da in Erwartung meines weißen Verständnisses für einen Unsinn erzählt. Beim nächsten Blick in den Briefkasten fand ich dann sogar noch einen Zettel mit Telefonnummer und dem Wunsch, mich besser kennenzulernen. Seitdem weiß ich, dass vrek oulik auf Afrikaans irgendwas wie „süß“ heißt. Ich finde das auch süß. Vielleicht sollte ich ja zusagen. Es gäbe so viel zu erzählen.
Zum Beispiel, dass Südafrika in der ganzen Versöhnungs- und Vereinigungssoße, die seit Jahren wie ein dicker Ölfilm über dem Land liegt, in falschen Umarmungen erstickt, während unterm Deckel die alten Ressentiments weiterköcheln. Wahre Verständigung sieht anders aus, als das Jugendliche heute nicht einmal mehr wissen, wann die Apartheid endete, geschweige denn, worum es ging. Und ohne dieses Wissen kann es auch keine vernünftige Meinungsbildung zu den aktuellen Themen geben. Das Gesundheitssystem ist da natürlich nur ein Brennpunkt, aber ein wichtiger. Natürlich könnte die Versorgung hier viel besser sein. Wenn mehr Menschen Zugang zu Bildung, Arbeit und gesunder Ernährung hätten und darüber hinaus noch in vernünftigen Häusern wohnen würden, anstatt abends halb im Rauch- und Paraffin-Gestank provisorischer Öfen zu ersticken und nachts trotzdem unter durch löchrige Blechdächer nassgeregneten Decken halb zu erfrieren. Wenn dazu die Arm-Reich-Schere ein bisschen weniger offen wäre. Und wenn die Unsummen, die alljährlich in private Krankenversorgung fließen, in einer solidarischen Krankenversicherung gemeinsam mit den spärlichen Mitteln für die Unterklassen verwendet würden. Dann, ja dann und vermutlich auch nur dann, würde das Gesundheitssystem Südafrikas auch viel besser funktionieren und niemand müsste Kugelschreiber verkaufen, um Krebsoperationen zu finanzieren. Aber womit würde ich dann morgen meine Notizen machen…
PS: Dies ist übrigens ein Jubiläum, der hundertste Post. Wäre es mir eher aufgefallen, hätte ich was lustigeres geschrieben. Mal sehen, wann Piet oder Per mir mal wieder über den Weg läuft...
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Donnerstag, 1. Juli 2010
Montag, 21. Juni 2010

Bei der Recherche für einen Artikel auf ZEIT online habe ich mich neulich in zwei der wichtigsten Museen Port Elizabeths begeben, die unterschiedlicher eigentlich nicht sein könnten: Das Red Location Museum und das South End Museum. Ersteres ist nach den rot-braun korrodierten Blechhütten des ältesten Townships von Port Elizabeth, New Brighton, benannt, wo es inmitten einer Hüttensiedlung auch als Monument neuer Architekturkunst ziemlich verwirrend herausragt. Hier wird genau dort an den Kampf gegen die Apartheid erinnert, wo die erste Zelle des bewaffneten Arms des ANC, uMkhonto we Sizwe, entstand. Das Red Location Museum wurde mit Preisen überhäuft, nicht nur für seine Gestaltung, sondern auch für den Inhalt. Drinnen bekommt der Besucher einen Einblick in die Geisteshaltung der Apartheidregierung, wenn er liest, was der damalige Justizminister (welch Oxymoron, ein Apartheid-Justizminister…) Jimmy Kruger zum Tod des zumindest intellektuell wohl wichtigsten schwarzen Widerstandskämpfers Steve Biko 1977 zu sagen hatte:
Ich bin nicht froh und ich bin nicht traurig über Herrn Biko. Sein Tod lässt mich kalt. Ich kann Ihnen nichts sagen. Jeder Mensch der stirbt… Ich sollte auch traurig sein, wenn ich sterbe… (Gelächter).
Dass Biko ermordet wurde, hatte das Regime damals noch vertuscht, doch selbst als Kruger Monate später zugeben musste, dass Biko an Gehirnverletzungen gestorben war, legte er noch zynisch nach.
Ein Mann kann sein Gehirn auf vielerlei Art und Weise verletzen. Ich wollte meinen Kopf auch schon so manches Mal gegen eine Wand schlagen, aber realisiere jetzt, durch die Biko-Autopsie, dass es gut war, dass ich es nicht getan habe.
Ich denke, man muss nicht unbedingt ein besonders blutrünstiger Mensch sein, wenn man in diesem Moment auch gern die Festigkeit von Herrn Krugers Schädel beim wiederholten Aufprall auf eine Betonwand testen würde. Die hohe, kalte und karge Ausstellungshalle, in der auch der vielen vergessenen und häufig längst gestorbenen oder ermordeten Freiheitskämpfer gedacht wird, transportiert eine Gefühlsmischung aus Trauer und Wut. Wenn man dann rauskommt und die Wohnsituation der Menschen in der Hüttensiedlung sieht, steigt die Stimmung nicht gerade.
Das South End Museum ist dagegen eher ein Mauerblümchen. Es kann sich nicht mit internationalen Preisen schmücken, es ist auch nicht Teil der gewinnbringend vermarkteten Touristen-Touren und es hatte auch nicht das Glück, aus prall gefüllten Fördertöpfen schöpfen zu können. South End war der bunte Hafenstadtteil von Port Elizabeth. Hier lebten Moslems und Christen, Coloureds und Weiße nebeneinander. Bis in den siebziger Jahren die Bulldozer und Planierraupen kamen. Ein friedliches multi-ethnisches Zusammenleben durfte es im rassistischen Südafrika nicht geben. Die meisten Einwohner wurden an den entferntesten Stadtrand zwangsumgesiedelt, heute zeugen nur noch ein paar herrliche Gemälde und die als einziges Gebäude erhaltene Moschee von der einstigen Pracht South Ends. Und eben das Museum, das liebevoll unzählige Familienfotos auf Themenwände geklebt hat, um das ganz normale Familienleben in South End nicht in Vergessenheit geraten zu lassen – Kinder in der Viertel-Schwimmhalle, der örtliche Kricket-Verein, die Angler auf der Hafenmole mit ihren stolzen Fängen oder die Spielmannszüge des Stadtteils. Das kleine Gemeinschaftsmuseum will gar nicht die große Politik erklären. Es zeigt einfach nur haarklein, was in South End alles zerstört wurde. Und eigentlich wirkt das noch viel intensiver.
Soweit wäre all das aber noch nicht einmal außergewöhnlich, Museen zeigen eben auch die traurigen Etappen unserer Vergangenheit. Das Schlucken setzte bei mir aber immer dann ein, wenn zur Geschichte plötzlich Bilder mir bekannter Menschen auftauchten. Im Red Location war das der Vater eines Freundes aus Johannesburg, der als einer von vier Ärzten mit seinen Recherchen den Mediziner vor eine Ärztekommission brachte, der an der Ermordung Steve Bikos mit seinen absichtlichen Falschdiagnosen wesentlich beteiligt war. Im South End Museum war ich mit einem guten Freund, der selbst noch in South End gewohnt hat, auf den Fotos fanden wir ihn selbst, seine heutige Frau und deren Brüder wieder. Auch der Museumsleiter, musste South End einst verlassen.
Sie hatten keine Chance, sagt er, wer sich geweigert habe, wurde ruck zuck abgeführt, nicht selten seien widerspenstige Apartheid-Gegner dann im Hochhaus der Apartheid-Polizei rein zufällig aus dem Fenster gefallen. Die damals aufgerissenen Gräben sind natürlich noch längst nicht zugeschüttet. Erstaunlich ist allerdings, dass der Versöhnungsprozess mehrheitlich immer noch von den einstigen Opfern angeschoben wird. Das merkt man auch bei einer Tour durch ein Township, worum es in meinem Artikel hauptsächlich geht.
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Dienstag, 26. Januar 2010
Lesestoff
Zwei Links auf einen Schlag:
Anlässlich der Stadion-Eröffnung in Kapstadt habe ich mich in einem Report auf ZEIT online mit der Kritik an der Arena auseinandergesetzt. Hier geht's lang.
In der jungen Welt vom Montag habe ich eine Themenseite zur Apartheid-Reparationsklage gegen Daimler, Rheinmetall, IBM, Ford und GM beigesteuert. Hier der Link zum Haupttext, wer sich weiter klickt findet noch eine Zeitleiste, das Interview mit der Vorsitzenden des Opfervereins Khulumani ist leider paid content. Aber irgendwie muss die junge Welt meine exorbitanten Honorare ja auch aufbringen.
Ich verbleibe mit kostenlosen Grüßen.
Anlässlich der Stadion-Eröffnung in Kapstadt habe ich mich in einem Report auf ZEIT online mit der Kritik an der Arena auseinandergesetzt. Hier geht's lang.
In der jungen Welt vom Montag habe ich eine Themenseite zur Apartheid-Reparationsklage gegen Daimler, Rheinmetall, IBM, Ford und GM beigesteuert. Hier der Link zum Haupttext, wer sich weiter klickt findet noch eine Zeitleiste, das Interview mit der Vorsitzenden des Opfervereins Khulumani ist leider paid content. Aber irgendwie muss die junge Welt meine exorbitanten Honorare ja auch aufbringen.
Ich verbleibe mit kostenlosen Grüßen.
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