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Montag, 17. Januar 2011

Schneller ans Ziel




“Wenn du das Lenkrad in die Hand nimmst, bist du schon tot.” Der Satz stammt von dem Mann, der bei Masifunde morgens die Kinder zur Schule bringt und sie nachmittags auch wieder abholt. Vorm Arbeitsbeginn wird im Minibus gebetet. Ob das in erster Linie mit seiner Frommheit oder schierer Angst zu tun hat, ist mir nicht bekannt, aber Mfana hat auch einen guten Rat parat: „Du musst hier immer für die anderen mitfahren und auf alles vorbereitet sein.“ Im Gegensatz zu seinem harschen Einstiegssatz ist das die blanke Realität.

In Südafrika hat vor Kurzem eine Kampagne gegen Alkohol am Steuer für Wirbel gesorgt, die damit kokettierte, dass betrunkenen Fahrern im Knast Vergewaltigungen drohen. Angeblich scheint das wohl auch zu stimmen (ich kann das nicht beurteilen, mein investigatives Rechercheinteresse hat Grenzen), aber die Darstellung von Gefängnisinsassen als triebgesteuerte Monster und die gleichzeitige Duldung der Zustände fanden bei Menschenrechtsorganisationen nicht gerade breite Zustimmung. Dass solche Kampagnen überhaupt nötig sind, liegt zum einen daran, dass Alkohol am Steuer von der breiten Mehrheit wenn nicht gar selbst praktiziert dann zumindest toleriert wird und es immer wieder zu tödlichen Unfällen kommt. Südafrika hatte allein im vergangenen Dezember mehr als ein Viertel der Verkehrstoten, die die Statistik für Deutschland im gesamten Jahr 2009 auswies – bei einer halb so großen Bevölkerungszahl und wesentlich weniger Autos pro Kopf. Da spielen natürlich auch andere Faktoren, wie vor allem verkehrsunsichere Autos und Busse eine wesentliche Rolle, aber der zu tiefe Blick ins Glas hat definitiv seinen Anteil an der schrecklichen Statistik. Das Eastern Cape, die Provinz in der ich lebe, ist trauriger Spitzenreiter und stellte im vergangenen Jahr bei einem Fünftel der Bevölkerung die Hälfte der erwischten Autofahrer. Und das liegt nicht gerade an den strengen Kontrollen, denn wer bei einer Verkehrskontrolle ohne Ausfallerscheinungen seinen Führerschein vorzeigen und den eigenen Namen noch fehlerfrei aussprechen kann, wird im Normalfall gar nicht zum Pusten gebeten.

Als Präventivmaßnahme gibt es daher an den Tankstellen des Landes auch keine alkoholischen Getränke zu kaufen. Selbst Supermärkte bieten lediglich Wein an, den Rest gibt es nur in speziellen Liquor-Stores. Vor diesem Hintergrund hat mich die eingangs abgebildete Geschäftsidee, die ich neulich in der Provinzstadt Queenstown bei der Durchreise an der Hauptstraße sah, dann doch überrascht. Da muss man den Wagen nicht einmal verlassen, um Nachschub zu beschaffen. Na dann Prost.

Samstag, 20. Februar 2010

Kein Black Metal

Seit langer Zeit kam ich am Mittwoch endlich mal wieder in den Genuss eines guten Live-Konzerts. Die BLK JKS (sprich: Black Jacks) bereicherten die Kulturwüste Eastern Cape mit mehr als nur einem Tropfen heiligen Rock’n’Roll-Wassers. Die vier Jungs aus Johannesburg spielen einen recht emotionalen, melodischen, bisweilen aber trotzdem recht progressiven Indie-Rock mit unverkennbarem südafrikanischem Einfluss. Sehr empfehlenswert das Ganze und laut lokaler Presse hat die Band auch schon einen Vertrag mit einem US-Label, vielleicht kommt man daher auch in Europa etwas leichter an die Platten. Ich bin mir zwar bewusst, dass die USA nicht zu Europa gehören, aber wer trotzdem ein Album der Band im Plattenladen erspäht, der greife zu!

Ich bin noch nicht im Besitz eines Silberlings, denn die Ansage nach dem Gig war ähnlich erfrischend selbstironisch, wie der Auftritt zuvor: „We have CDs. (Pause) Not here, but in many record stores.“ In Anbetracht der Tatsache, dass die Band südafrikaweit ziemlich bekannt ist, eine glorreiche Aussage…

Apropos Berühmtheit: Dank der Berichterstattung des Daily Dispatch ist auch die meine gestiegen. Wer mich in der Bilderserie entdeckt, darf den ganzen Artikel lesen: Daily Dispatch.

Wirklich gelungen fand ich den Text übrigens nicht, denn der Autor, der die meiste Zeit direkt neben uns saß, bemängelt zunächst, dass seiner Meinung nach der weiße Teil des Publikums nur da war, um zu überprüfen, ob Schwarze tatsächlich rocken können. Das ist allerdings ob der bereits erwähnten Bekanntheit, die die Band bereits genießt, ziemlich unwahrscheinlich. Darüber hinaus schreibt der Mann danach auch selbst nahezu ausschließlich über das „Phänomen“ von Musikern, die nicht im ihrer Hautfarbe zugeordneten Genre unterwegs sind und würdigt das wirklich energetische Konzert, dass er selbst sah, fast überhaupt nicht.

Hätte er zudem im Publikum etwas genauer hingeschaut, wäre ihm ersichtlich geworden, dass es gar kein weißes und schwarzes Lager gab, sondern die Cliquen in sich völlig durchmischt waren. Das gleiche Phänomen ist mir übrigens neulich auch im Fußballstadion in Kapstadt und sogar im Restaurant in Gugulethu (dem ersten Top-100-Restaurant in einem Township) aufgefallen. Ich will ja nichts zu rosa malen und sicherlich hat Südafrika noch viel Wegstrecke vor sich, aber wenn ich die Entwicklung des „Regenbogens“ mit 2005, meinem ersten Südafrika-Jahr, vergleiche, dann hat sich doch schon viel getan. In Europa mag man das für normal halten und weil sich Schulen, Sportvereine, Arbeitskollegien und vieles mehr immer stärker durchmischen, ist das auch irgendwo logisch, aber nach Jahrhunderte langer Rassenunterdrückung und mehr als 40 Jahren institutionalisiertem Rassismus, kann man auch einfach mal dasitzen und denken: Schön.

PS: Hier noch eine Plattenkritik von laut.de.

Dienstag, 19. Januar 2010

Busride diaries

Lange schon hat es auf dieser Plattform keine abgedroschenen Phrasen mehr gegeben, daher gehe ich jetzt gleich mal in die Vollen: Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Pling, da freut sich das Schweinchen. Meine Freude über das Erlebte kam allerdings erst nach dem Überstehen und Überleben dezent auf.

Per Bus begab ich mich am Sonntagnachmittag von East London zurück nach Port Elizabeth, mitten durch das bezaubernde Eastern Cape, in dem sich normale Verkehrsteilnehmer die Straßen mit Hunden, Ziegen, Schafen, Kühen und Minitaxifahrern teilen. Alle fünf sind mitunter ähnlich unberechenbar. Als kleines Schmankerl hat meine Heimatprovinz neulich auch noch die Statistik Alkoholdelikte im Straßenverkehr im landesweiten Vergleich mit beeindruckendem Abstand gewonnen. Obwohl wir keineswegs die bevölkerungsreichste Provinz sind, stellen wir die Hälfte aller betrunkenen Autofahrer in den insgesamt neun Provinzen. Wenn das kein Setting ist.

Ich entschied mich gegen die allergünstigste Busgesellschaft, weil die in jüngster Zeit durch einen regional begrenzten Lizenzentzug, einen Fahrer, der mit fünf Promille erwischt wurde, und einen weiteren Bleifuß, der bereits sagenhafte 29 mal geblitzt wurde, aufgefallen war. Also fiel die Wahl auf City to City, meine bereits auf der Strecke Port Elizabeth-Kapstadt liebgewonnene ehemalige Minenarbeiter-Buslinie. Die sind nämlich die nächst billigen gewesen. Knapp zehn Euro für 300 Kilometer Strecke, da kann man nicht jammern. Und auch nichts anderes als einen MAN-Bus aus den Siebzigern, eine defekte Klimaanlage bei 35 Grad und Vollbesetzung sowie eine dezente Verspätung erwarten.

Gut eine halbe Stunde nach der geplanten Abfahrtszeit, die ich mir mit einem geschmacklich „interessanten“, mit Litschi aromatisierten, kalten Fläschchen Wasser vertrieb, trudelte das antike Gefährt am Bahnhof East Londons ein. Ich hatte mich in grenzenloser Naivität übrigens zunächst am schicken Busbahnhof dieses größten Dorfes des Eastern Capes absetzen lassen, wo mir der gleiche Mensch, der mir dort drei Tage zuvor kommentarlos mein Ticket ausgestellt hatte, auf Nachfrage erklärte, dass der Bus in zwanzig Minuten gut drei Kilometer entfernt in der Innenstadt abfahren würde. Ein wildes Armfuchteln, zehn Minuten im lautesten Minibustaxi der Welt und einen kurzen Sprint über 300 Meter später war ich fünf Minuten vor planmäßiger Abfahrt dann am richtigen Platz. Ein Glück, dass ich mich so beeilt hatte, sonst hätte ich vielleicht nur 20 Minuten an meiner Wasserflasche nuckeln können.

Weitere 20 Minuten gingen dann dafür drauf, dass der Busfahrer versuchte mit einer anscheinend völlig unsortierten Namensliste zu überprüfen, ob auch niemand sein kostbares Ticket gefälscht hatte. Danach zottelte er los, bergauf übrigens gern auch mal im dritten Gang, alte Busse scheucht man schließlich nicht. Nach gut fünf Stunden schwitzen, schaukeln und Kindergeschrei erreichten wir schließlich Port Elizabeth, wo der gute Mann die passende Abfahrt dann einmal in Schwung geraten sogleich links liegen ließ (im Linksverkehr hat diese Floskel sogar einen Sinn). Über meinem Kopf stiegen Fragezeichen auf, die bald in Angstschweiß gedünstet werden sollten, als der Fahrer auf der Sperrlinie der nächsten Ausfahrt zu einem spontanen Halt ansetzte. Da standen wir nun zwischen dreispuriger Autobahn und Abfahrt und keiner wusste warum. Der Fahrer griff zum Handy und plötzlich bewegte sich im Heck des Busses eine Luke. Eine Art Geheimtür öffnete sich und nur in Shorts bekleidet kam ein zweiter Busfahrer zum Vorschein, der sich nun – wir parkten noch immer auf der Autobahn – erst einmal mit einem Hemd bekleidete und dann zum Fahrer schritt. Im Stile Winnetous ließ er, die Hand demonstrativ über den Augen, seinen Blick über Port Elizabeth schweifen. „Wo bin ich?“, stand in Versalien auf seiner Stirn. Ich hätte es ihm ja sagen können, aber ich fand es irgendwie unpassend, ich war ja schließlich Passagier und die sind bei City to City nicht Kunden im Sinne von Königen sondern eher geduldete Bittsteller.

Mit einem kleinen Schlenker durch den wunderschönen Industriestadtteil Korsten schaffte der Mann aus dem Hintergrund, wie ich ihn hier nennen möchte, es dann schließlich, den Bus wieder auf den richtigen Kurs zu bringen und mit einer guten Stunde Verspätung die Haltestelle in Port Elizabeth anzusteuern. Nächste Woche kaufe ich mir ein Auto.