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Dienstag, 8. Juni 2010

Sala kakuhle, Walmer Township, lebe wohl!



Es ist Zeit, einen Abschied bekannt zu geben. Die Zeiten, in denen ich ein komplettes, wenn auch nur einräumiges Haus als Bleibe zur Verfügung hatte, sind verflossen. Nach ziemlich genau drei Monaten habe ich Gqebera den Rücken gekehrt. Aus privaten Gründen und auf eigenen Wunsch würde ich auf einer Pressekonferenz jetzt sagen. Doch keine Sorge: Passiert ist nichts, nur genau das war irgendwann mein Problem. Ich wartete nämlich über die gesamte Zeit auf ein Gittertor vor meiner Tür, das meine Versicherung zur Zahlungsvoraussetzung im Einbruchsfall gemacht hatte. Auch der Fakt, dass das Schloss der Garagentür einfach irgendwann abgefallen und nie ersetzt worden ist, trug nicht zu meiner völligen Beruhigung bei. Und nun ja, bei inzwischen einstelligen Abendtemperaturen wäre eine warme Dusche nach dem Fußball auch ein Segen gewesen, nur dazu hätte man den vorhandenen Boiler in der Tat auch mal anschließen lassen müssen. Schlagt mich, verdammt meine deutsche Ungeduld und mein europäisches Luxus-Streben, aber als bei einem Freund ein Zimmer frei war, habe ich mich daher vom Acker gemacht.

Der Kontrast könnte größer nicht sein. Ich wohne jetzt wieder hinter hohen Mauern und Elektrodraht, in einer abgeschotteten Wohnsiedlung mit circa 20 ewig gleichen Einfamilien-Häuschen. Die Wände sind – ich hatte es bereits erwähnt – so dick, dass mein Internet-Funker Probleme bekommt, aber manche Nachbarn sind doch irgendwie allgegenwärtig. Nur meist nicht so herzlich, wie in Walmer...

Als ich mein Auto von den Umzugskoffern entlud, traf ich beispielsweise den Piet oder Per, so genau konnte ich das dem Genuschel nicht entnehmen. Piet oder Per wohnt auch irgendwo in der Siedlung hier und ist so der Typ Blockwart. Er ist ein kleiner, etwas rundlicher Afrikaaner der "32 years in correctional services" gearbeitet hat. Bis 1997. Ein Job und eine Zeit, die ihn mit seinem Schnurrbart schon mal per se sowas von sympathisch machen. Piet oder Per wollte eigentlich wohl auch nur checken, ob ich nicht auf dem falschen Parkplatz stünde. Ich wohne aber wirklich in Nummer 24. Er hat mich dann noch freundlicherweise rasch aufgeklärt, dass in dem Haus aber vorher Schwarze gewohnt hätten. Krass, ne!? "Oh", meinte Piet oder Per dann nur, als ich ihm verraten hab, das wir zusammen wohnen. Dann hat er lieber schnell weiter nach seiner Katze gesucht und ist laut "Brandyyyyyy" rufend durch die Siedlung getapst. Wäre ich schlagfertig, hätte ich noch fix ein "Welcome to South Africa" in ironischem Unterton hinterher geschoben, wie konservative, weiße Zeitgenossen es hier immer gleich parat haben, wenn mal irgendwo der unterbezahlte braunhäutigere Service-Zuständige nicht augenblicklich parat springt.

Nun will ich mein neues Zuhause aber auch nicht nur schlecht machen. Eine Lounge mit Fernseher, Esstisch und schmucker Küche, dazu ein kleines Büro-Zimmer und ein Schlafraum, in dem es nicht durch alle Spalten und Fugen zieht – all das hat schon was. Auch der Gemeinschaftspool ist nicht zu verachten, wenn es mal wieder wärmer wird. Dazu ein Mitbewohner, der wie ich permanent in der Weltgeschichte herumwuselt, um irgendwelche Dokumentar-Filme zu drehen und auch sonst ein zwar etwas zerstreuter aber absolut brauchbarer Zeitgenosse ist. Ich glaube, dieser Typ Mitmensch passt zu mir, um gewisse Parallelen zur Bremer Vergangenheit mal nur anzudeuten…
An dieser Stelle möchte ich noch Torben Brinkema grüßen und schlafe dann in der himmlischen Stille der Vorstadt ein. Und ganz zum Schluss sei noch erwähnt, dass Walmer mich auch noch nicht ganz los ist. Das Schülermagazin zieht mich natürlich noch jeden Mittwoch ins Township und mein Fußballverein sowieso. Einmal Young Chief, immer Young Chief. Wenn wir denn nur mal wieder ordentlich trainieren, geschweige denn ein Spiel gewinnen würden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und jetzt ab ins neue...

Mittwoch, 4. November 2009

Von Dämonen am Schreiben gehindert?

Der Kulturschock kam zum Schluss. Er kam doppelt und war damit so heftig, dass ich erst jetzt, sieben Wochen nach meiner temporären Rückkehr nach Deutschland, wieder darüber schreiben kann. Doch von vorne.
Es war ein durchschnittlich warmer und bewölkter Tag in Port Elizabeth. Der letzte Mittwoch meines Freiwilligenjahres bei Masifunde und damit auch das letzte Mal Schülermagazintreffen mit den jungen Reportern von Walmer’s Own, dem Schülermagazin der Walmer High School bei uns im Township. Die erste Ausgabe sollte an diesem Tag fertig mit dem letzten Feinschliff vollendet werden, außerdem wollten wir die Nummer 2 planen. (Soviel vorweg, Ausgabe 1 ist inzwischen fertig und auch bereits sehr erfolgreich verkauft. Sobald die digitale Version online steht werde ich den Link nachreichen und bei Interesse reiche ich auch gerne noch einen Eintrag zu diesem noch relativ jungen, aber sehr viel versprechenden Projekt nach.)
Als meine Mitstreiter Balisa, Sören und ich zur Schule kamen, waren wir zunächst überrascht, kaum noch Schüler, dafür aber die Polizei dort zu sehen. Den Grund erfuhren wir rasch. Dämonen haben von einigen Schülern Besitz ergriffen, weshalb der Schuldirektor rasch alle seine noch unversehrten Schützlinge – die „Kinder“ an einer Highschool sind so zwischen 13 und 20 Jahren alt – nach Hause schickte und sodann Polizei und einen traditionellen Heiler zur Hilfe rief. Es überrascht nicht, dass die südafrikanische Polizei den Fall nicht lösen konnte. Der Heiler vollbrachte es unter Zuhilfenahme eines Elixiers von Jahrtausende alter Tradition, einem mystischen Saft, einer Wunderlösung – oder kurz: mit einer Flasche Cola – dann aber allem Anschein nach doch, die Dämonen auszutreiben. Zu allem Überfluss spielte sich das Drama auch noch in dem Raum ab, in dem wir normalerweise unsere Redaktionssitzungen abhalten, weswegen ein Großteil der jugendlichen Redakteure schon geflohen oder vom Direktor vertrieben worden waren. Uns war es aus Sicherheitsgründen natürlich auch nicht möglich, das unheilvolle Zimmer zu betreten, weshalb ich über die genaueren Umstände der Geisteraustreibung hier auch keine Angaben machen kann. Auch ist nicht sicher überliefert, wie sich die Dämonisierung der Kinder ausdrückte, sie sollen sich aber wohl seltsam benommen haben. Balisa, eine studierte und unheimlich intelligente junge Frau, die ich sehr schätze, hat selbst großen Respekt vor Dämonen, weswegen ich mich nicht einmal entsprechend über die ganze Geschichte lustig machen konnte. Ich tröstete mich also damit, dass Menschen in meinem Kulturkreis Statuen von Frauen anbeten, weil sie glauben, dass die Statue mal geweint hat.
Um den Schock zu verarbeiten und zu anderen Zwecken, begab ich mich abends in eine Bar am Meer. Dort kam es dann noch dicker. Ein Mann mit Gitarre stand auf einer kleinen Bühne vorm Mikrofon. Neben sich hatte er einen Laptop aufgebaut, der einen grässlichen Bass und ein noch grässlicheres Schlagzeug imitierte, genau in der Art und Weise, dass der Mann mit Gitarre dazu Schmuse- und Kuschelrockhits von Größen wie Brian Adams und Noch-Nicht-Ganz-So-Größen wie den Plain White T’s singen konnte. Diese Art der halbelektronischen Akustik-Musik, die dann aus wummerden Boxen den Saal beschallt, soll wohl in Port Elizabeth, einer auch ansonsten dem kulturellen Banausentum sehr zugewandten Metropole, inzwischen recht weit verbreitet sein. Ich hatte es noch nicht gesehen und möchte auch nicht noch einmal. Noch tragischer als die Inszenierung auf der Bühne war allerdings das Schauspiel davor. In der Mehrzahl dickliche, ausschließlich weiße Männer jüngeren und mittleren Alters, reckten in einer nahezu durchchoreografierten Rhythmik und Bier getränkter Glückseeligkeit Maßkrüge in die Luft, um aus voller Kehle Klassiker von Boyzone und Co mitzugröhlen.
Fünf Tage später verließ ich das Land.

PS: Weil ich keine thematisch passenden Illustrierungen habe und ja auch irgendwie rechtfertigen muss, warum ich bald wieder zurück fliege, füge ich mal einfach noch ein paar Bilder vom Abschiedsgrillen am Meer an.