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Freitag, 24. Dezember 2010

Frohes Fest



Nicht was ihr denkt, das aber gerne auch. Doch nun zum Thema: In den vergangenen anderthalb Wochen berichtete ich für die junge Welt aus Tshwane von den Weltjugendfestspielen. Ja, die gibt es noch. In etlichen sozialistischen Ländern wie beispielsweise Venezuela oder Kuba und auch in manchen Ländern, die gern mit sozialistischer Rhetorik kokettieren, wie beispielsweise Südafrika, sind die Weltjugendfestspiele sogar wieder zu ziemlich großer Bedeutung angestiegen.

Für den Weltfrieden, gegen das Imperium!

Nun war – die südafrikanische Presse beschränkte sich in ihrer Berichterstattung nahezu völlig auf diesen Aspekt – bei dieser Veranstaltung nicht immer alles ganz bis ins Detail organisiert. Oder anders ausgedrückt: Die ANC-Jugendliga hat vor geraumer Zeit die ehemals unabhängige, staatliche Jugendentwicklungsagentur NYDA übernommen. Das war insofern praktisch, als dass es bei der NYDA dutzende gut dotierte Jobs gibt, in denen man eigentlich überhaupt nichts machen muss. Außer Sonntagsreden erwartet von diesen Stellen hierzulande sowieso niemand irgendetwas. Besagte NYDA übernahm nun die Organisation der Weltjugendfestspiele, federführend dabei war unter anderem einer ihrer Vorstände, Andile Lungisa, der ansonsten auch als Vize-Präsident der ANC-Jugend fungiert. Ich habe ihn am vierten Konferenztag auch zufällig getroffen, als er mich nach dem Eingang zum Medienzentrum gefragt hat. Man weiß, was man tut…

War besser organisiert: Nordkoreanische Delegation

Die engagierten Organisatoren schafften es, die ersten vier Festivaltage zu mehr als fünfzig Prozent dem eigenen Organisationschaos zu opfern, sie vollbrachten es außerdem, tausende Delegierte tagelang ohne regelmäßiges Essen zu lassen (wenn denn mal eine Lieferung ankam, sicherten Wachleute mit Maschinenpistolen die Ausgabe, damit die lechzende Meute nicht zum Sturm ansetzte) und internationale Delegationen bis zu dreimal die Unterkunft wechseln zu lassen, weil die Planung schlicht non-existent war. Da fällt es schon fast nicht mehr ins Gewicht, dass auch die Shuttle-Busse anfangs oft Stunden zu spät kamen, die Akkreditierungsliste unauffindbar war und Rednerinnen wie Winnie Mandela nicht erschienen, weil niemand sie rechtzeitig eingeladen hatte.

Südafrikanische Demonstranten auf der Abschlusskundgebung


Thematisch wäre vielleicht noch zu erwähnen, dass Seminare wie „Wohnraum als Menschenrecht“ oder „Die Rolle junger Menschen im Kampf gegen Analphabetismus“ komplett ausfielen und Diskussionsrunden über freie Bildung und solidarische Krankenversicherungsmodelle – die angeblich soweit oben auf der ANC-Agenda stehen – ohne Südafrikaner im Podium auskamen. Wenn zu dieser Unfähigkeit gut verdienender Polit-Kader dann noch immer wieder das Freiheitslied über Solomon Mahlangu erklingt, dessen Leben 1979 mit 23 Jahren am Galgen des Apartheid-Regimes endete, weil er für die Gleichberechtigung aller Menschen in seinem Land kämpfen wollte, dann hinterlässt das schon ein sehr unwohles Gefühl in der Magengegend. Zur Ehrrettung der Veranstaltung sei allerdings noch erwähnt, dass die zweite Festspiel-Hälfte wesentlich runder lief, die Seminare teilweise sehr interessant und informativ waren und die informellen Kontakte zwischen den Jugenddelegationen, die sich so global vernetzen, sowieso das wichtigste an einem solchen Festival.

Global beliebter Lebensmittelkonzern wirbt vor antiimperialistischer Kulisse.

Außerdem will ich ja nicht nur Leid und Übel beklagen, denn nun wendet sich die Geschichte und ein bezauberndes Märchen beginnt:

Eines Abends trug es sich zu, dass eine Gruppe südafrikanischer Delegierter das Medienzentrum stürmte. Die Männer und Frauen gaben an, ihre Führung zu suchen. Die ließ natürlich nur höchst selten dazu herab, sich mit dem Fußvolk zu vermischen und war auch an diesem Abend abwesend. Man muss ja schließlich nicht gleich in Aktionismus verfallen, nur weil man 12000 internationale Gäste eingeladen hat, die gern mehr über die politische Lage des eigenen Landes wissen wollen. Das haben sie auf diese Art und Weise ja schließlich auch selbst bestens herausgefunden. Auf die Frage, was sie denn so auf die Palme brächte, erklärten nun also einige der so aufgebrachten Menschen, dass sie seit Ewigkeiten nichts zu essen bekommen hätten und außerdem die Busse, die sie zu ihrer Unterkunft bringen sollten, nicht aufzufinden sein. Das klang realistisch. Aber es war leider komplett falsch, wie bei der Pressekonferenz am Tag darauf zu erfahren war. Die Jugendlichen seien von der Konferenz so aufgeputscht gewesen, dass sie den Imperialismus gleich hier und jetzt besiegen wollten. Daher der Sturm. Auch das leuchtete mir ein, obwohl es natürlich schade ist, dass die eigentlich beteiligten anscheinend gar nicht wussten, was sie taten. Die Frage ist nur, ob die Jugendliga-Oberen sich bewusst sind, in welcher Rolle sie bei diesem Spiel wären. Halleluja!

Enthusiasmus pur auf der Abschlusskundgebung

Mittwoch, 9. Juni 2010

Die Geschichte hinter den drohenden WM-Streiks

Neben der WM passieren in Südafrika tatsächlich auch noch andere Dinge und im Geräuschpegel von Millionen Vuvuzelas wäre so fast untergegangen, dass eine Horde gieriger ANC-Kader ziemlich fahrlässig den Fortbestand der Allianz mit dem Gewerkschaftsbund COSATU riskiert hat. Und auf einmal drohen Streiks zur WM. Aber warum denn nur, wieso denn bloß?

Man sieht: Es geht um Fat Cats.

ANC und COSATU sind – mit der kommunistischen Partei Südafrikas als dritten im Boot – seit dem Kampf gegen die Apartheid fest miteinander verbündet. Zuletzt hatte es aber immer mehr gekriselt, weil wirtschaftsnahe Kreise im ANC die politische Agenda lieber allein bestimmen und die Allianz-Partner eher als nützliches Stimmvieh denn echte Partner betrachten. Die Wirtschaftsnähe dieser Damen und Herren rührt übrigens nicht selten daher, dass sie ihre Lebenspartner, Kinder, Geschwister, Strohmänner oder manchmal auch einfach sich selbst mit lukrativen Aufträgen oder Unternehmensbeteiligungen versorgt haben und weiter versorgen. Letzteres wird dann häufig noch als großer Erfolg der „Revolution“ dargestellt, weil ja nun Schwarze in Führungspositionen sitzen. Gerade so, als hätten die Arbeiter, Lebenskünstler und Arbeitslosen des Landes noch nicht erkannt, dass ein schwarzer Boss sie mindestens genauso schlecht behandeln und genauso gut feuern kann wie ein weißer Boss.
Dem COSATU-Generalsekretär Zwelinzima Vavi, dessen Frau übrigens – das sei der Vollständigkeit halber erwähnt – von einem Finanzdienstleister ordentliche Bezüge kassiert, damit sie dafür sorgt, dass Gewerkschaftsmitglieder ihre Rentenversicherungen bei dem betreffenden Unternehmen abschließen, ging das nun entweder alles ein bisschen zu weit oder er brauchte nur einen passenden Mantel, um seine Attacke auf die nach wie vor neoliberale Alleinherrschaftspolitik des ANC zu verkleiden. Jedenfalls hat er Präsident Jacob Zuma öffentlich dafür kritisiert, nicht gegen die Korruption und Selbstbelohnung in den eigenen Reihen vorzugehen – schön mit Namen und Hausnummern von zwei Ministern. Die fanden das erwartungsgemäß unappetitlich und schwuppdiwupp ein paar Tage später brachte ein Führungsgremium des ANC ein Partei-Disziplinarverfahren gegen Vavi auf den Weg. Der ist nämlich wegen eingangs erwähnter Allianz gleichzeitig ANC-Mitglied und somit per Protokoll natürlich verpflichtet bei korrupten Machenschaften schön die Klappe zu halten. Zumindest haben das einige ANC-Helden recht unverblümt so rübergebracht. Ein Glück, dass der ANC nicht in die Hölle sozialistischer Unfreiheiten abgedriftet ist, möchte man da hinzufügen. Viva Taschenbefüllung!

Die Reaktion der Gewerkschaften war ein Proteststurm, der den ANC zur Rücknahme dieses wahnwitzigen Versuchs der Partner-Abstrafung gezwungen hat, aber das Spiel ist natürlich noch lange nicht aus. Es geht nach wie vor um den politischen Einfluss auf Regierungsentscheidungen und COSATU will da viel mehr mitreden als bisher. Nur ein Beispiel: Der ANC hat im Alleingang der halbstaatlichen Stromgesellschaft Eskom eine Verdopplung der Strompreise in den nächsten drei Jahren versprochen, die ersten 25 Prozent kommen schon dieses Jahr auf die Rechnung. Die ganz dicken Industriefische zahlen übrigens jetzt schon bis zu hundertmal weniger als die Mama mit acht Kindern in ihrer Township-Hütte. Diese dicken Fische, Aluminiumschmelzen und dergleichen, haben übrigens auch langfristige Verträge und zahlen weiterhin keinen Cent zusätzlich. Diese Industriebetriebe zahlen sogar weniger als den Preis der Stromproduktion, sie werden also quasi von den Armen noch indirekt bezuschusst – aber das nur als populistischer Einschub am Rande.

COSATU findet das weniger schön. Aber COSATU ist eben auch – anders als der ANC – nicht über seinen Investmentflügel an der Firma beteiligt, die von dem schönen vielen neuen Geld, das Eskom nun bekommt, lukrative Aufträge beim Kraftwerkbau bekommt. Auch von dem milliardenschweren Weltbankkredit, den der ANC für Eskom durchgewunken hat, hat COSATU daher nichts.

Kein Wunder, dass die neidisch sind. Und weil die zuständige Regierungsbehörde die monatelange Forderung COSATUs, die Strompreiserhöhung zurück zu nehmen, nun am 14. Juni, drei Tage nach WM-Start, beraten will, haben die miesen Erpresser von den Gewerkschaften nun angekündigt, ebenfalls am 14. Juni über Streiks zu beraten. Und eines ist sicher: Wenn COSATU streikt, dann ist Ruhe im Land. Das wusste die Regierung zwar lange vorher, aber wenn die Fat Cats eines gelernt haben, dann ist es die Übung, den Schuldigen immer woanders zu suchen. In den eigenen Taschen kann der schwarze Peter ja schließlich nicht stecken, denn die sind schon anderweitig voll.

Ich habe zum Thema auch zwei Artikel am alles regelnden Markt. Einen in der jungen Welt und einen in der heutigen Ausgabe des Weser Kuriers. Es verbleiben mehr als 23 Stunden zum Kauf, denn online wird es das Stück wohl nicht geben.

Freitag, 30. April 2010

Lesestoff zu den Feiertagen

Am Dienstag war in Südafrika Nationalfeiertag, Freedom Day genannt. Für die revolutionäre Studenten-Organisation SASCO markiert der Tag heute nur noch den Moment, in dem die wirtschaftliche Freiheit im Tausch für politische Freiheit aufgeben wurde.

"Wir haben eine Demokratie erkämpft, die den Reichen das Recht gibt, Politik und Wirtschaft zu regieren", ließ SASCO-Präsident Mbulelo Mandlana starke Worte folgen.

Erstmal ist aber WM und noch müssen sich deswegen alle lieb haben, denn sowas kommt ja so schnell nicht wieder. Ich habe aber schon in etlichen Interviews und Gesprächen die Einschätzung gehört, dass der Verteilungskampf danach eine andere Dynamik bekommen könnte. Und das ist auch bitter nötig. Denn wenn Präsident Zuma sich jetzt anlässlich des Freiheitstags wieder nur hinstellt und bemerkt, dass die Apartheid ein schweres Erbe hinterlassen hat, das sich immer noch stark auf die Verhältnisse im Land auswirkt, dann ist das zwar richtig, aber 20 Jahre nach dem Beginn der Demokratisierung und 16 Jahre nachdem der ANC Regierungspartei wurde, ist das einfach viel zu wenig. In vier Jahren würden keine Ausreden mehr gelten, meint Zuma. Das sehe ich ganz genauso. Ich befürchte nur für ihn, dass viele schon Ende Juli, wenn es bei Temperaturen um die fünf Grad mal wieder im Wintersturm durchs unisolierte Blechdach regnet, einen wesentlichen Teil ihrer Geduld verlieren.

Der ANC schafft es nicht, seine unbestrittenen Erfolge medienwirksamer darzustellen. Das liegt zum Einen an den Gazetten des Landes, die vorrangig wirtschaftsliberal geprägt sind. Das liegt aber auch daran, dass die Regierungspartei den Zeitungen durch eine endlose Reihe von korrupten Verteilungsprozessen, Untätigkeit, haarsträubendem Missmanagement und Vetternwirtschaft bei der Vergabe von Posten immer genügend Futter liefert. Die Opposition versucht davon zu profitieren, hat aber auch keine glaubwürdigen Konzepte und hat sich viel zu sehr auf ein wohlhabendes Klientel konzentriert, als das sie für das Gros der Armen wählbar wäre. Es wirkt zudem etwas kurios, wenn sich ein von Weißen gelenkter Verein nun 16 Jahre nach Ende der Apartheid hinstellt und bemängelt, dass die Befreiungsbewegung der Unterdrückten, der ANC, den Wohlstand nicht schnell und gerecht genug herbei führt, den die Weißen allen anderen Bevölkerungsgruppen einst gewaltsam vorenthalten haben. In Südafrika im Jahr 2010 sind beileibe nicht alle hellhäuigen Menschen Rassisten, aber wen wählen wohl die Menschen, die der National Party jahrzehntelang die Stimmen und die Unterstützung für die Apartheid geliefert haben?

Wenn es den zuletzt erstmals offen aufmuckenden Gewerkschaften endlich gelingt, die soziale Frage im Land nicht nur auf ihre Stammklientel, die Beschäftigten, zu begrenzen, sondern ganzheitlich zu sehen, dürfte sich in dieser Ecke ein wesentlich stärkerer, aussichtsreicherer und für die Armen auch nützlicherer Widerstand entwickeln. Wir werden es sehen. Doch wie gesagt, erstmal ist WM. Und morgen 1. Mai. Man darf gespannt sein, ob es die Gewerkschaftsführer, die ja in der Dreier-Allianz mit dem ANC verbandelt sind, dort ebenfalls bei Durchhalteparolen belassen, oder den eingeschlagenen Konfrontationskurs der letzten Wochen sogar noch vertiefen.

Zur Rolle der Gewerkschaften habe für 1.Mai-Beilage der Jungen Welt einen Artikel beigesteuert, der leider nur für Online-Abonnenten ersichtlich ist. Ein kurzer Text zum Freiheits-Tag findet sich hier.

Dienstag, 13. April 2010

Nichts ist umsonst?



Südafrika ist eines der Länder mit dem weltweit höchsten Gefälle zwischen Arm und Reich. Die Townships, von denen jedes noch so kleine Städtchen außerhalb der ehemaligen Homelands für Schwarze mindestens eines hat, sind Beweis dafür. Doch auch hier bleibt die Zeit nicht stehen. Auf Recherchereise für eine Reportage in der jungen Welt habe ich mich Mitte März nach Soweto begeben, dorthin, wo mit dem blutig niedergeschossenen Schüleraufstand von 1976 der Anfang vom Ende der Apartheid eingeläutet wurde. 34 Jahre später hat sich vieles gewandelt, viele Häuschen sind schicker geworden, die Straßen sind meist akkurat und die Menschen leben in würdiger Freiheit. Arm sind die meisten aber immer noch, lediglich 23,7 Prozent haben einen mehr oder minder festen Arbeitsplatz und noch stärker als die Villenviertel in Diepkloof, dem reichsten Teil Sowetos, wachsen die Blechhüttensiedlungen an den Rändern der Township-Ansammlung mit 1,3 Millionen Einwohnern.

Krasser als hier in Johannesburg lässt sich die neue Finanz-Apartheid Südafrikas eigentlich kaum erleben. Die größte und finanzstärkste Finanzmetropole des afrikanischen Kontinents ist mit ihren jüngeren Sattelliten-Townships wie dem verslumten Orange Farm durch eine Straße verbunden, die völlig zu Recht Golden Highway heißt. Der Sand, der hier verbaut ist, stammt nämlich aus den Goldminen, die den Reichtum Johannesburgs begründet haben. Heute könnte man – modernen chemischen Methoden und einem hohen Goldpreis, der das Verfahren rentabel macht sei Dank – aus der Straße Gold gewinnen. Die Bewohner von Orange Farm haben von dem Reichtum freilich nichts. Wir treffen beim Besuch eines Selbsthilfeprojekts mit angeschlossenem Kindergarten auf eine Gruppe älterer, abgekämpft wirkender Männer. Sie waren Arbeiter in den Mangan-Minen der britischen BHP Biliton. Als sie vom Mangan vergiftet erkrankten, hat der Betrieb sie entlassen, um sich vor den Kosten der Behandlung und den Entschädigungszahlungen zu drücken. Das war 1996. Seitdem kämpfen die Männer um Gerechtigkeit, während immer mehr von ihnen durch das Gift in den Körpern dahingerafft werden.


Die ehemaligen Arbeiter vor dem Selbsthilfebüro.

Sogar dem Kindergarten droht inzwischen die Schließung. Denn Orange Farm wartet seit zehn Jahren darauf, dass die Versprechen der Stadtoberen, ihren Stadtteil mit einer Kanalisation und die Haushalte mit fließend Wasser zu versorgen. Das Projekt wird aber immer wieder abgebrochen. Da die Vorschriften für den Betrieb eines Kindergartens aber Toiletten mit Spülung und fließendes Wasser verlangen, steht die liebevoll aus dem Nichts aufgebaute Einrichtung für 85 Kinder aus der Umgebung vor dem aus.


Der Kindergarten des Itsoseng-Projekts. Itsoseng heißt soviel wie "Wach auf!", denn von außen hilft hier keiner.

Selbst wer wie Ashley, ein Freund meines Gastgebers in Johannesburg, das Glück hatte, von den reichen Städtern, für die seine Mutter als Haushälterin arbeitete, auf eine gute Privatschule geschickt worden zu sein, kämpft hier noch auf ziemlich verlorenen Posten. Für die über einstündige Minibus-Taxi-Fahrt von Palm Springs, seinem Heimat-Township, zur Arbeit im westlichen Zentrum Johannesburgs zahlt er monatlich 800 Rand. Für seinen Vollzeit-Job als Kassierer bei Woolworth bekommt er 2000 Rand. Da bleiben 120 Euro zum Leben. Und Ashley zählt sicherlich schon zur Township-Mittelschicht. Er hat Marketing studiert und mit Bachelor abgeschlossen. Er könnte auch einen besseren Job mit besserem Verdienst bekommen – allerdings nur in Kapstadt, wie er erzählt. Aber da will er nicht hin, die Mutter und die Familie halten ihn in Palm Springs.

Wer keinen Job hat, lebt am Existenzminimum. Als im Jahr 2000 auch noch die Strom- und Wasserversorgung teilprivatisiert worden und internationale Konzerne Gewinne mit den Armen machen wollten, erinnerten sich die Township-Bewohner rund um Johannesburg wieder ihres Kampfgeistes. Seitdem verknüpfen tausende flinke Hände fleißig abgeklemmte Stromkabel und verplombte Wasserleitungen neu. „Die sagen ‚Nothing for mahala‘, also nichts ist umsonst, doch das Wasser kommt von Gott“, ereifert sich Jabulani Molobela, einer der Aktivisten, der uns zeigt, wie das Wiederverbinden funktioniert und was der Wasserkrieg mit den Vorgärten in Soweto angerichtet hat: Sie liegen brach, kaum einer baut noch Gemüse vor dem Haus an, weil die Kontrolleure skeptisch werden könnten. Nach Schätzungen versickern bis zu zwei Drittel des nach Soweto gepumpten Wassers im Boden, weil das Leitungssystem hoffnungslos veraltet ist und niemand investieren will. Geht es nach dem halbstaatlichen Konzern Johannesburg Water sollen die Armen das Investitionsvolumen aufbringen, am besten gleich, indem sie ihr Wasser im Büro des Stadtteilbürgermeisters auf Prepaid-Basis kaufen. Das Schild der Wasserfirma ist – anders als das Namensschild des Quasi-Rathauses – das einzige an dem Gebäude, was noch gut lesbar ist.


Profit meets Politik

Doch die Zähler stehen still, kaum einer zahlt. Als eine Frau sich beim Wasserschleppen das Genick brach, haben sie geklagt, bis zum Obersten Gericht, und Recht bekommen. Die Grundversorgung mit Wasser ist in Südafrika ein Menschenrecht. Weil der Konzern die Umsetzung des Urteils mit sogenannten Tricklern, die den Wasserhahn nur tröpfeln lassen und dem Prepaid-System versucht zu unterwandern und weil alle Einsprüche und Protestmärsche erfolglos blieben, haben Jabulani und Co ihren pragmatischen Ansatz gewählt und zum Werkzeug gegriffen. Sie haben schließlich nicht mit ihrer Jugend für den Freiheitskampf bezahlt, um jetzt im Dunkeln zu verdursten, scheint das Gefühl zu sein. Und schließlich sei man noch nicht am Ziel. „Der Kampf geht weiter“, sagt Jabulani.

Die ganze Reportage gibt’s hier.

Donnerstag, 25. März 2010

Lesestoff

Wer immer schon danach lechzte, meine Einschätzung der politischen Entwicklung und Situation Südafrikas auf mehrere Seiten aufgeschlüsselt als Lektüre zur Verfügung zu haben, dem ist nun geholfen. Hier geht's lang.

Mittwoch, 24. Februar 2010

Kalte Dusche für Zuma



Mir ist neulich eine alte Sunday Times von letzter Woche in die Hände gefallen, die mir offenbarte, dass die Dusche zurück ist. „Die Dusche“ hat der beste Karikaturist Südafrikas, Zapiro, einst auf Jacob Zumas Kopf installiert, als dieser noch nicht Präsident war und vor Gericht die unrühmliche Aussage produzierte, er habe nach dem Geschlechtsverkehr mit einer HIV-positiven Frau heiß geduscht, um eine Ansteckung zu verhindern.
Nachdem Zuma im Präsidentenamt anfangs eine ganz erquickliche Arbeit ablieferte, nahm Zapiro – medial viel beachtet – die Brause von seinem Kopf. Das galt auch als Zeichen des Respekts, der im ganzen Land für Zuma wuchs. Nachdem der Präsident nun – schlechtes Timing, ziemlich direkt vor seiner Rede an die Nation – zugeben musste, mit der Tochter eines Freundes im Rahmen einer Affäre sein offiziell zwanzigstes Kind gezeugt zu haben, schwand der Respekt ins Nichts. Die Südafrikaner, die sich anhand des schleichenden Veränderungsprozess sowieso bereit fragten, was ihr Präsident eigentlich den ganzen Tag macht, glauben es nun zu wissen.
Besonders peinlich wurde die Angelegenheit für Zuma, als er in besagter Rede zur Parlamentseröffnung standesgemäß auch die Verdienste der WM-Organisatoren zu würdigen hatte. Zu denen gehört nämlich auch sein Freund und jetziger Opa seines Kindes, Irvin Khoza. Als er diesem namentlich weiterhin viel Erfolg wünschte, brach in einigen Teilen der Parlamentsreihen sogar offenes Gelächter aus. Auch Zumas Ansatz des Nationbuilding, in Südafrika aufgrund der ethnischen Differenzen ja nach wie vor ein heikles Thema, wurde von vielen amüsant falsch verstanden.
Leadership? Vorbildfunktion? Respektsperson? Vater der Nation? Nun gut, letzteres in zunehmenden Maße, sonst ist von Zumas präsidentieller Strahlkraft momentan nicht viel übrig.
Und wer den Schaden hat, braucht für den Spott bekanntlich nicht zu sorgen. Zapiro hat deswegen nochmal nachgelegt. Hervorragend.

Donnerstag, 30. Juli 2009

Lesestoff

Ich schrieb zum Thema Streiks in Südafrika. Hier.

Donnerstag, 28. Mai 2009

Welch dreiste Lüge...

... schließlich gibt es ja noch andere Wahlen. Sie, verehrte Leserschaft, dürfen statistisch gesehen daran in der Mehrzahl sogar teilnehmen. Selbst wenn der Enthusiasmus für die EU-Wahlen, um die es hier geht, in der Vergangenheit in Mitgliedsländerbevölkerungskreisen tendentiell geringer war, als bei Wahlen in Südafrika, hätte ich hier den Link zu meinem Artikel zu den Wahlthemen zu bieten.

PS: Warum schlägt mich eigentlich keiner dafür, dass es hier seit Ewigkeiten keine ordentlichen Geschichten aus Walmer gab? Ah ja, weil ich ein Township-Boy bin und alle Angst vor mir haben. Das leuchtet ein...

Samstag, 9. Mai 2009

Lesestoff

Ich hatte hier ja bereits vom Wahltag berichtet, hab jetzt aber auch noch eine größere Reportage geschrieben, die heute in der jungen Welt erschienen ist. Es geht um die Bedeutung des Wählens und einiges drumherum. Wer sich für Südafrika und speziell für mehr als Löwen, Strände und verkleidete Tänzer interessiert, findet hier den Link.

Mittwoch, 29. April 2009

Plausible Argumentationen II

Heute ein Fundstück aus der Hamburger Morgenpost. Kann es in puncto Zynik durchaus mit seinem Vorgänger aufnehmen...

"Abschiebung - weil er kein Spitzel sein will
Yassir Miloudi brachte nicht genug Infos / Jetzt soll der 24-Jährige ausgewiesen werden"


Sein Visum war abgelaufen, die Ausländerbehörde drohte mit sofortiger Abschiebung - da erschien das "Angebot" des freundlichen Beamten als rettender Anker: Yassir Miloudi (24) könne Asyl beantragen und zunächst im Land bleiben, wenn er im Gegenzug die linke Szene für den Hamburger Verfassungsschutz ausspähen würde. Der junge Marokkaner sagte zu, in der Hoffnung auf Bleiberecht und Studienplatz. Er war kein guter Spitzel, jetzt soll er abgeschoben werden.
(...)

Verfassungsschutzchef Heino Vahldieck betonte auf MOPO-Nachfrage, dass der Verfassungsschutz niemanden zur Zusammenarbeit nötige.


Wenn man Herrn Vahldieck jetzt darlegen würde, sämtliche seiner Lebensträume zu zerstören, wenn er nicht sofort zurücktrete, fiele das demnach wohl auch nicht unter den Straftatbestand der Nötigung...

Den ganzen Artikel gibt es hier.

Freitag, 24. April 2009

Wahlberichterstattung

Ich bin zwar spät dran mit der Ankündigung, aber ich schrieb zwei Vorberichte zur Wahl in Südafrika, einen für den Weser Kurier und einen für die junge Welt. Ersterer steht leider nirgends online, letzteren findet der interessierte Leser hier.

In den nächsten Tagen dürfte in den beiden Zeitungen auch noch was folgen, ich verspreche, es kund zu tun...

NACHTRAG: Der Aufmacher in der jungen Welt von heute. Ich muss gestehen, dass der Alliterationsansatz in der Überschrift nicht von mir ist und frage mich nun schon den ganzen Morgen, warum ich nicht selbst auf etwas wie "Hütten-Held hält Hoffnung hoch" gekommen bin. Gone Fishing...

Donnerstag, 23. April 2009

Eine Wahl als Volksfest

„Wenn Wahlen etwas ändern könnten, dann wären sie verboten.“ So oder so ähnlich hat es Bertold Brecht mal gesagt. Ich fand dieses Zitat immer recht überzeugend. Bis heute.
Dieser 22. April, der Tag der vierten freien, demokratischen und für alle Bürger des Landes zugänglichen Parlamentswahlen in Südafrika, hat mir sehr eindrucksvoll vor Augen geführt, was das Wahlrecht für Menschen bedeuten kann. Es ist ein Recht, etwas Wertvolles, ein Privileg. In diesen Worten steckt viel pathetische Verklärung. Natürlich haben die meisten Leute hierzulande auch längst erkannt, dass Versprechungen und Realität sich ungefähr diametral gegenüber stehen. Natürlich gibt es daher eine gewisse Resignation. Aber es sind die allerwenigsten, die deswegen der Wahl fernbleiben würden. Die Hauptsichtweise in Südafrika ist die: Unsere Vorfahren haben lange für dieses Recht gekämpft, gute Menschen haben ihr Leben geopfert für diesen Kampf, wie respektlos wäre es also nicht zur Wahl zu gehen. Daher wird die Wahl zelebriert, das durfte ich heute erleben.
Der Wahltag war zum staatlichen Feiertag erklärt wurden, damit jeder genügend Zeit hat, zu wählen. Diese Zeit braucht man hier auch. In Kapstadts guten Vierteln steht man dem Vernehmen nach eine halbe Stunde an, in Port Elizabeths elitären Stadtteilen schon etwas länger und in Walmer Township eben sechs Stunden. So wie mein Kollege Lubabalo von 6.30 Uhr bis 12.30 Uhr. Es gab drei Wahllokale für schätzungsweise 50 000 bis 100 000 Menschen, davon vielleicht 60 Prozent wahlberechtigt. Gegen Abend sind zeitweise sogar die Stimmzettel ausgegangen, trotzdem sind die Leute in der Schlange geblieben, um irgendwann ihre Wahl treffen zu können.

Lubabalo zeigt, was man zum Wählen braucht


Apropos Schlange: Eine solche Disziplin im Anstellen gepaart mit einer solchen Gelassenheit, Freundlichkeit und guten, fast feierlichen Laune habe ich auf der ganzen Welt noch nicht gesehen. Es war wie ein Volksfest, bei dem man die ganze Zeit in einer Schlange steht. Ich habe mich eine Weile dazu gestellt, weil es einfach eine so wahnsinnig gute Stimmung war und habe Lubabalo und meinem Fußball-Trainer Baily zwischendrin einen Kaffee von Zuhause geholt. Hier und da mal ein Schwätzchen mit Bekannten und Freunden, ein kleiner Plausch mit dem Damen vom ANC-Wahlwerbungsstand, ein Chat mit den Herren von COPE – toll, bereichernd, gute Laune erzeugend.

Wahlkampf auf südafrikanisch

Und was war nicht alles befürchtet worden im Vorfeld: Ausschreitungen, Armee-Einsatz, Bürgerkrieg. Ist ja schließlich Afrika. Pustekuchen, geduldige, friedliche und gut gelaunte Menschen freuen sich, wählen zu können. Ein Privileg mehr als eine Pflicht.
Lubabalo hat übrigens eine gute Bekannte, die heute ein Wahllokal geleitet hat und hätte sich da sicher in fünf Minuten seinen Zettel holen können, um fix zu wählen. Er hat es nicht getan, nach eigener Ansage, weil er das Gefühl des Wählens, die Stimmung, die Atmosphäre voll mitnehmen wollte. Der Schreiber dieser Zeilen, der bisher noch nie ein Wahllokal von Innen gesehen hat, sondern immer per Brief gewählt hat, war ziemlich überwältigt. Ich finde, diese Menschen haben eine richtig gute Regierung verdient. Möge sich Herr Zuma, der sie aller Wahrscheinlichkeit als neuer Präsident Südafrikas anführen wird, sich das zu Herzen nehmen.

Donnerstag, 5. März 2009

Aus der Schlacht berichtet für Sie...

Einen Artikel zum Mythos "Gewaltätiger Wahlkampf" in Südafrika habe ich für die junge Welt geschrieben. Wer Blut sehen will, sollte anderweitig suchen, non-science-fiction gibt's hier.

Freitag, 20. Februar 2009

Terrorverdächtige Minderjährige malen Bilder von Menschen mit Turban

Ich will diesen Blog ja nicht über die Maßen politisieren und schon gar nicht überdeutschen, aber was zur Hölle geht denn bei Euch in Deutschland bitte ab? Hier!

Da kann man ja die Gesetze zur Stammzellenforschung und zur Terrorzellenbekämpfung auch gleich noch zusammenlegen, denn ich bin mir sicher, bald kommt der erste, der beisteuert, dass man solche "Tendenzen zum Bösen im Blut" haben müsste. Womit die christlich-moralistische Union dann natürlich vor einem Dilemma stünde. Dürfen künstlich befruchtete Eizellen auf ihr Erbgut untersucht werden, wenn man dadurch ausschließen kann, kleine Terroristen an unser gesegnetes deutsches Erdenlicht zu bringen? Kann man eine so große Bedrohung einfach der Allmacht Gottes überlassen? Und welchen Sonderweg kann Bayern gehen? Ich denke, die Union steht vor einem heftigen Flügelkampf und präge hiermit schon einmal die sicherlich dabei noch häufig benötigten Vokabeln "Konservo-Sponti" und "Christ-Realo".

Viel Spaß ansonsten weiter im schönen Deutschland und passt auf, dass sich in eurer Umgebung keine Kinder aufhalten, die ihre Weihnachtssterne rot ausmalen.

Dienstag, 4. November 2008

Umleitung nach links

Wer den politischen Doktor Selzsam in Reinform erleben will, betrachte die junge Welt von gestern*. Ich habe meine rare freie Zeit genutzt, um einen Korrepondentenbericht über die Hintergründe des Spaltungsprozesses im African National Congress zu schreiben. Eine Gruppe von Abtrünnigen, die sich erst South African National Congress nennen wollte, das dann aber nicht durfte (diese Detail-Information ist schon wieder frischer als der Artikel...), löst hier nämlich momentan relativ viel Lärm aus, aber politisch gesehen weiß so recht niemand warum. Meinen Erklärungsversuch gibt es hier.

*Leider habe ich heute erst von der Veröffentlichung erfahren, weil die Seite der jungen Welt hier gestern nicht erreichbar war. Ich hoffe, der Link hält diesmal etwas länger, als der zum Weser-Kurier neulich.