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Freitag, 16. Juli 2010

Lesestoff zum Wegträumen

Es ist zwar schon etwas her, aber ich habe hier bisher noch einen Artikel vorenthalten, den es online leider nicht gab. Weil es allerdings ein Reisethema war und das Ziel gerade jetzt im südafrikanischen Winter – der dort extrem mild ausfällt – seinen vollen Reiz entfaltet, schiebe ich es jetzt mal nach:



Südafrika aus der dörflichen Perspektive
Die Transkei-Siedlung Nqileni an der Wildcoast lockt mit unberührter Natur und aufgeschlossenen Bewohnern

Der Blick hinunter ins Tal des
Bulungula-Flusses ist wie eine Erlösung.
Nach zweieinhalb Stunden auf holprigen
Staubstraßen ist die gleichnamige Lodge
hier erstmals in Sichtweite – und nur noch
eine einstündige Wanderung entfernt.
„Das Paradies ist per Definition schwer zu
erreichen!“, lässt die Website der Herberge
direkt am Indischen Ozean mit einem
Augenzwinkern wissen.

In der Tat: Bulungula ist vermutlich das
am weitesten von moderner Infrastruktur
abgelegene Feriendomizil Südafrikas.
Doch längst nicht nur das macht es so besonders.

„Ihre Türen brauchen Sie nicht abzuschließen,
denn es gibt hier keine Kriminalität“,
sagt die Lodge-Leiterin Liesl Benjamin
den Gästen auf der Begrüßungstour. In
Südafrika klingt das zunächst wie ein
schlechter Witz, doch hier in Nqileni ist es
wahr. Schon das Gepäck lassen die Urlauber
am Parkplatz in einer offenen Rundhütte
zurück, der Jeep der Lodge bringt es
am späten Nachmittag nach. Wer nicht
wandern mag, kann auch mitfahren. Eine
Pkw-Straße zur Lodge gibt es nicht.

Die Herberge hält noch weitere Überraschungen
parat. Der Strom wird mit einer
Solaranlage erzeugt und warmes Wasser
strömt nur aus den so genannten Raketenduschen
– der aufgefangene Regen wird in
dieser abenteuerlichen Konstruktion durch
eine Stahlröhre geleitet, an deren unterem
Ende ein Paraffinfeuer für die nötige Erwärmung
sorgt.

Die Unterkünfte bestehen aus stabilen
Safari-Zelten und zehn traditionellen Rundhütten
mit Reetdach, wie sie auch in den
Dörfern ringsum überall zu finden sind.
Das Mobiliar beschränkt sich auf ein bequemes
Doppelbett und einen an zwei Seilen
aufgehängten Stock, der als Handtuchhalter
dient. Luxus gibt es hier tief im Eastern
Cape nicht – dafür aber ein weitgehend unverfälschtes
Kennenlernen der Xhosa-Gemeinschaft.
„Natürlich hat die Bulungula Lodge einen
großen kulturellen Einfluss auf die
Dorfgemeinschaft“, stellt Benjamin mit
Blick auf die Gäste aus aller Welt klar.
„Man kann keine große Glaskuppel haben,
zu der die Leute dann hingehen und
schauen, wie die Einheimischen leben.“ Im
Gegenteil: Das Zusammentreffen von Touristen
und Einheimischen ist gewollter Bestandteil
des Konzepts der Fair Trade akkreditierten
Herberge. Zäune gibt es nur,
um die Ziegen von den frisch gepflanzten
Büschen und Bäumchen rund um die
Lodge fernzuhalten.

Gemeinsam am Lagerfeuer


Am Lagerfeuer sitzen die Menschen aus
Nqileni mit den Urlaubern zusammen,
auch der große Aufenthaltsraum im Haupthaus
wird von allen gemeinsam genutzt.
Die Einheimischen profitieren von der
Lodge. Der Dorfgemeinschaft gehören 40
Prozent des Unternehmens, von den Gewinnen
haben sie bereits einen Traktor angeschafft
und einen Kindergarten mit Vorschule
aufgebaut. Insgesamt 50 Arbeitsplätze
sind in Nqileni und Umgebung
durch den Tourismus entstanden.

Die 23-jährige Khunjulwa Palamenti hat
so einen Weg gefunden, ihre Familie zu unterstützen.
Die Gästeführerin lädt zu einem
Rundgang durch ihr Dorf ein, erklärt Geschichte
und Kultur und übersetzt bei den
Gesprächen mit den Einheimischen. Die im
ländlichen Eastern Cape ansässigen Xhosa
sprechen fast ausschließlich ihre gleichnamige
Muttersprache. Seit Kurzem begleitet
Palamenti die Gäste auch als Übersetzerin
auf der Tour mit dem Sangoma, einem der
in Südafrika noch weit verbreiteten Naturheiler.
Melidinga Mdoseni streift dann mit der
Gruppe durch den Qane-Urwald und erzählt
von der Heilwirkung der verschiedenen
Borken, Blätter und Wurzeln. Glaubt
man ihm, ist gegen jedes Leid ein Kraut gewachsen,
selbst gegen gewalttätige Ehemänner
hat er einen Baumrindentee im Angebot.
Doch auch wer eher der Schulmedizin
vertraut, kommt auf seine Kosten, wenn
der 56-Jährige in seinem grünen Heiler-
Overall die Fauna erklärt, frisch vom Baum
geschälte Borke zum Zähneputzen verteilt
oder plötzlich mitten im Urwald eine einem
Rettich ähnelnde Wurzel ausgräbt und in
Stücke gehackt seiner zögerlichen Kundschaft
zum Verzehr anbietet.

Da Kriminalität in und um Nqileni keine
Rolle spielt, kann man auch auf eigene
Faust endlos über die grünen Hügel, durch
die verbliebenen Urwälder und entlang
der faszinierenden Küste wandern. Die Lagune
direkt vor der Lodge, in der der Bulungula-
Fluss langsam in den Ozean mündet,
lädt zudem zu Kanu-Touren ein, auch auf
dem Pferderücken lässt sich die Gegend
hervorragend erkunden und wer mag,
kann einen Tag mit den Frauen der Dorfgemeinschaft
verbringen und lernen, aus
Lehm Steine für die Rundhütten zu fertigen
oder Umqombothi, ein Mais-Bier, zu
brauen.

Pilsener und Lager gibt es dagegen an
der Lodge-Bar, die auch drei erschwingliche
warme Mahlzeiten pro Tag anbietet.
Selbstversorger müssen ihr Essen mitbringen,
einen Einkaufsmarkt gibt es nicht,
aber im Meer kann man sich an Langusten,
Krabben, Austern und Fischen bedienen,
die abends selbst am Lagerfeuer gegrillt
werden können. Wer beim Beutezug nicht
allein sein will, kann auch hier auf die Erfahrung
eines Guides zurückgreifen.

Das Konzept geht auf. „Unsere Gäste
kommen wegen der kulturellen Erfahrungen
und wegen der traumhaften Lage“, berichtet
Benjamin. Fernab des Haupt-Touristenstroms
versucht sich die gastfreundliche
Dorfgemeinschaft mit Hilfe der Urlauber
weiterzuentwickeln. Als Hintergrund dient
eine touristisch unberührte Traumlandschaft.

Ganzjährig Badetemperaturen

Das Wasser ist ganzjährig warm und selbst
im südafrikanischen Winter von Mai bis
September ist es meist 20 bis 25 Grad warm
und in der Regel sonnig. Das ländliche Eastern Cape
hat etwas von der Klischee-Vorstellung
des traditionellen Afrikas. Kein
Strommast stört das Panoramabild, kein
Lichtsmog macht die Sternschnuppen unsichtbar
und kein Straßenlärm kann die
Idylle stören. Wenn es Krach gibt, dann
sind es entweder Kühe, Esel oder Hühner.

Nqileni ist ein armes Dorf, aber es hat seinen
eigenen Rhythmus, der den Ort paradiesisch
anmuten lässt. Ein Eindruck, der
spätestens dann zum Wiederkehren verleitet,
wenn man wieder in das normale Südafrika
und den hektischen Verkehr auf der
Fernstraße N2 einbiegt.

Buchungen unter Tel. 0027-(0)47-577 89 00.
Doppelzimmer ab umgerechnet 26 Euro), Einzelbett
im Gemeinschaftsschlafraum 11 Euro.
Anreise: Der nächste Flughafen ist das drei Autostunden
entfernte Umthatha. Von dort per Shuttlebus
zur Lodge
Informationen im Internet:
www.bulungula.com

Der Artikel erschien am 22.5. 2010 im Weser Kurier.

Montag, 20. Juli 2009

Mission Hummer



Ich habe einen neuen Grund, warum Südafrika – und trotz aller Gerüchte nicht Schweden – das schönste Land der Welt ist. Wer jetzt glaubt, dass Franz Beckenbauers Einschätzung, die Fußballnationalmannschaft Bafana Bafana sei ein WM-Favorit, dahinter steckt, liegt falsch. Der einzig wahre Grund ist, dass man hier auch im Winter herrlichen Sommerurlaub machen kann. Man muss nur von Port Elizabeth einen Tagesritt die Küste gen Nordosten fahren, mit Schlaglöchern übersäte Straßen überleben und nicht vergessen, abends den Sherry mit an den Strand zu nehmen – sonst ist es nämlich doch ganz schön kalt. All diese Tricks haben wir für eine Woche lang umgesetzt und tagsüber war es dann auch ohne Betäubungsmitteleinsatz sommerlich warm. Dazu wurde ich Zeuge einer immensen Verstrahlung, wie ich sie bisher selten bei einem Menschen erlebt habe. Doch der Reihe nach.
Los ging die Tour mit dem kulturellen Teil, in Grahamstown war nämlich gerade das Nationale Kunst- und Kultur-Festival, das größte Südafrikas übrigens. Und Grahamstown lag auf dem Weg, das bot sich fürs Urlaubs-Einstiegs-Wochenende also optimal an. Blöd nur, dass wir natürlich nix gebucht hatten und der Backpacker mit Horden von kulturgierigen Menschen überfüllt war. Weil Grahamstown in den Bergen liegt und derzeit mit kuscheligen Nachttemperaturen um die Gefriergrenze lockt, war das durchaus ein Problem. Weil aber gleichzeitig Festival war, konnte man diese Misslichkeit auch erstmal hinter ein paar Kaltgetränken verstecken, denn schließlich ist hier immer noch Afrika und da klappt immer alles irgendwie. Letztendlich haben wir also ziemlich zerschossen auf dem Zimmerfußboden einer Freundin genächtigt, die mit dem Kapstädter Orchester vor Ort war – und das, weil es so schön war, gleich für zwei Nächte. Der zweite Abend hielt dann noch einige ganz brauchbare Bands parat, darunter eine Ska-Kapelle deren circa 120 Kilogramm schwerer Sänger beim Umherspringen mit einem Bein durch die Spannholzplattenbühne gekracht ist. Nach kurzer Behandlungspause, um den Blutverlust wenigstens etwas einzudämmen, hat der Junge das Konzert trotzdem bravourös zu Ende gespielt und sich damit meiner Meinung nach für eine Death-Metal-Band empfohlen. Doch das nur am Rande.



Reisend ging es weiter nach Cintsa, wo wir einige Nächte hoch oben über einer Lagunenmündung residierten und tagsüber zu Fuß und per Kanu die Umgebung erkundeten. Am Ende unserer Paddeltour, die Hannah nicht zu Unrecht etwas an „Heart of Darkness“ erinnert hat, weil man so gar keinen Plan hatte, was hinter der Uferböschung kommt und dazu irgendwo Musik aus der Ferne erschallte, ereignete sich dann die obskurste Begegnung meines bisherigen Südafrikaaufenthalts. Während ich das Kanu routiniert wie immer mit kraftvollen Ruderschlägen gen Ufer trieb (Das ist noch nicht der Haupt-Witz.), brachte sich eine Schar von circa zehn Fotografen in Stellung, um uns massiv ins Visier zu nehmen. Nun war mein letztes Young-Chiefs-Spiel zwar tatsächlich erfolggekrönt, so ganz erklären konnten wir uns die Paparazzi-Brigade aber trotzdem nicht. Nachfragen half und siehe da, die jungen Damen und Herren waren Mitglieder eines US-amerikanischen Fotographie-Zirkels und zum Missionieren nach Afrika gekommen. Bilder von Hannah und mir im Boot im Sonnenuntergang sollen dann vermutlich bald dazu herhalten, Menschen das Christentum näher zu bringen. Eine phantastische Vorstellung für einen Menschen, dessen religiöseste Ausschweifung der eigene Vorname ist. Doch halten wir uns damit nicht auf, denn viel interessanter ist die Frage, welche Menschen die weit gereisten jungen Foto-Freunde mit ihrer Sicht der Welt beglücken wollen. In ländliche Regionen wolle ihre Gruppe morgen weiter reisen, sprudelt es aus der von uns inquisitorisch Ausgefragten heraus, in ein Dorf dorthin, wo es noch nicht einmal fließendes Wasser dafür aber, Achtung Zitat, „Stämme“ gibt. In ihren Augen erleuchtete förmlich das Bild des in Ledershorts und Holzsandalen mit Speer um ein Lagerfeuer hüpfenden Afrikaners, der gefangen in rückständiger, heidnischer Spiritualität nun endlich auf den richtigen Weg zum richtigen Gott gebracht werden muss. Wie das Dorf, in dem sie am Folgetag die Menschen bekehren wollte, hieß, wusste die Dame nicht, aber das ist ja vermutlich auch nicht so wichtig, da der Name wahrscheinlich eh irgendeiner Stammessprache entspringt. Hölle, wenn ich mir überlege, wie vielen Kindern man mit den Reisekosten dieser verblendeten Supermissionare die Schulausbildung finanzieren könnte, dreht sich mir der Magen um.







Wir sind am nächsten Tag nach Bulungula, einem kleinen Dorf in der Transkei weitergereist. Dort gibt es ein Backpacker, das zu 40 Prozent der Dorfgemeinschaft gehört. Aus deren Reihen kommen auch die Guides, die Kanutouren, Wanderungen mit dem Kräutersammler, Fischzüge oder Reitausflüge anbieten und sich so ihr täglich Brot verdienen. Die Initiatoren des Backpackers unterstützen außerdem die örtliche Schule und achten darauf, dass die Menschen im Dorf vom Tourismus aktiv profitieren. Das hat den genialen Nebeneffekt, dass kein Neid aufkommt, niemand bettelt und Kriminalität ein Fremdwort ist. Das alles an einem Stück traumhafter Küste und einem warmen Meer mit schier unglaublichen Hummervorkommen.







Da war ich wohl nicht zum letzen Mal. Der Link zum Backpacker lohnt sich übrigens.