Freitag, 24. Dezember 2010

Frohes Fest



Nicht was ihr denkt, das aber gerne auch. Doch nun zum Thema: In den vergangenen anderthalb Wochen berichtete ich für die junge Welt aus Tshwane von den Weltjugendfestspielen. Ja, die gibt es noch. In etlichen sozialistischen Ländern wie beispielsweise Venezuela oder Kuba und auch in manchen Ländern, die gern mit sozialistischer Rhetorik kokettieren, wie beispielsweise Südafrika, sind die Weltjugendfestspiele sogar wieder zu ziemlich großer Bedeutung angestiegen.

Für den Weltfrieden, gegen das Imperium!

Nun war – die südafrikanische Presse beschränkte sich in ihrer Berichterstattung nahezu völlig auf diesen Aspekt – bei dieser Veranstaltung nicht immer alles ganz bis ins Detail organisiert. Oder anders ausgedrückt: Die ANC-Jugendliga hat vor geraumer Zeit die ehemals unabhängige, staatliche Jugendentwicklungsagentur NYDA übernommen. Das war insofern praktisch, als dass es bei der NYDA dutzende gut dotierte Jobs gibt, in denen man eigentlich überhaupt nichts machen muss. Außer Sonntagsreden erwartet von diesen Stellen hierzulande sowieso niemand irgendetwas. Besagte NYDA übernahm nun die Organisation der Weltjugendfestspiele, federführend dabei war unter anderem einer ihrer Vorstände, Andile Lungisa, der ansonsten auch als Vize-Präsident der ANC-Jugend fungiert. Ich habe ihn am vierten Konferenztag auch zufällig getroffen, als er mich nach dem Eingang zum Medienzentrum gefragt hat. Man weiß, was man tut…

War besser organisiert: Nordkoreanische Delegation

Die engagierten Organisatoren schafften es, die ersten vier Festivaltage zu mehr als fünfzig Prozent dem eigenen Organisationschaos zu opfern, sie vollbrachten es außerdem, tausende Delegierte tagelang ohne regelmäßiges Essen zu lassen (wenn denn mal eine Lieferung ankam, sicherten Wachleute mit Maschinenpistolen die Ausgabe, damit die lechzende Meute nicht zum Sturm ansetzte) und internationale Delegationen bis zu dreimal die Unterkunft wechseln zu lassen, weil die Planung schlicht non-existent war. Da fällt es schon fast nicht mehr ins Gewicht, dass auch die Shuttle-Busse anfangs oft Stunden zu spät kamen, die Akkreditierungsliste unauffindbar war und Rednerinnen wie Winnie Mandela nicht erschienen, weil niemand sie rechtzeitig eingeladen hatte.

Südafrikanische Demonstranten auf der Abschlusskundgebung


Thematisch wäre vielleicht noch zu erwähnen, dass Seminare wie „Wohnraum als Menschenrecht“ oder „Die Rolle junger Menschen im Kampf gegen Analphabetismus“ komplett ausfielen und Diskussionsrunden über freie Bildung und solidarische Krankenversicherungsmodelle – die angeblich soweit oben auf der ANC-Agenda stehen – ohne Südafrikaner im Podium auskamen. Wenn zu dieser Unfähigkeit gut verdienender Polit-Kader dann noch immer wieder das Freiheitslied über Solomon Mahlangu erklingt, dessen Leben 1979 mit 23 Jahren am Galgen des Apartheid-Regimes endete, weil er für die Gleichberechtigung aller Menschen in seinem Land kämpfen wollte, dann hinterlässt das schon ein sehr unwohles Gefühl in der Magengegend. Zur Ehrrettung der Veranstaltung sei allerdings noch erwähnt, dass die zweite Festspiel-Hälfte wesentlich runder lief, die Seminare teilweise sehr interessant und informativ waren und die informellen Kontakte zwischen den Jugenddelegationen, die sich so global vernetzen, sowieso das wichtigste an einem solchen Festival.

Global beliebter Lebensmittelkonzern wirbt vor antiimperialistischer Kulisse.

Außerdem will ich ja nicht nur Leid und Übel beklagen, denn nun wendet sich die Geschichte und ein bezauberndes Märchen beginnt:

Eines Abends trug es sich zu, dass eine Gruppe südafrikanischer Delegierter das Medienzentrum stürmte. Die Männer und Frauen gaben an, ihre Führung zu suchen. Die ließ natürlich nur höchst selten dazu herab, sich mit dem Fußvolk zu vermischen und war auch an diesem Abend abwesend. Man muss ja schließlich nicht gleich in Aktionismus verfallen, nur weil man 12000 internationale Gäste eingeladen hat, die gern mehr über die politische Lage des eigenen Landes wissen wollen. Das haben sie auf diese Art und Weise ja schließlich auch selbst bestens herausgefunden. Auf die Frage, was sie denn so auf die Palme brächte, erklärten nun also einige der so aufgebrachten Menschen, dass sie seit Ewigkeiten nichts zu essen bekommen hätten und außerdem die Busse, die sie zu ihrer Unterkunft bringen sollten, nicht aufzufinden sein. Das klang realistisch. Aber es war leider komplett falsch, wie bei der Pressekonferenz am Tag darauf zu erfahren war. Die Jugendlichen seien von der Konferenz so aufgeputscht gewesen, dass sie den Imperialismus gleich hier und jetzt besiegen wollten. Daher der Sturm. Auch das leuchtete mir ein, obwohl es natürlich schade ist, dass die eigentlich beteiligten anscheinend gar nicht wussten, was sie taten. Die Frage ist nur, ob die Jugendliga-Oberen sich bewusst sind, in welcher Rolle sie bei diesem Spiel wären. Halleluja!

Enthusiasmus pur auf der Abschlusskundgebung

Dienstag, 7. Dezember 2010

Von Roten Römern, Soldaten und Warzenschweinrücken

Soso, leicht verspätet nun auch die offizielle Verlautbarung. Ich bin zurück. Zurück in Südafrika und damit auch zurück im Sommer. Diese Nachricht ist allerdings hochgradig unspektakulär, zumal ich hier seitdem – mit Ausnahme eines fiesen Plus‘ an Arbeit – im Wesentlichen nichts anderes gemacht habe, als im Deutschland-Urlaub: Steinpilze sammeln und Angeln.



In Wirklichkeit ist dieser ganze Mythos des freien Korrespondenten ja auch nur vorgeschoben, um meine obsessive Steinpilzsucht über die europäische Saison hinaus zu befriedigen. Der Plan ging nun auf der Südhalbkugel erstmals auf und zwar in einem malerischen Bergdorf mit dem noch malerischeren Namen Hogsback – was übersetzt so viel wie „Warzenschweinrücken“ heißt.

Meine Oma hatte Angst, dass ich ob der Entdeckung hiesiger Steinpilzvorkommen nun gar nicht mehr nach Deutschland käme. In Anbetracht dieser Tagesausbeute sollte sie beruhigt sein...

Pilze sammeln in Südafrika ist allerdings mit anderen Hürden verbunden als in Deutschland. Zwar läuft man in den hiesigen Kiefernplantagen seltener Gefahr von Hundertschaften Cross-Rallye fahrender Jäger über den Haufen gefahren zu werden und auch die fiese Pilzmade hat die Migration gen Süden wohl nicht mitgemacht, doch dafür bevölkern größere Pavian-Gruppen die Wälder und laben sich an den Steinpilz-Stielen. Die Kappen überlassen sie dann der sommerlichen Hitze, auf dass sie schaurig am Waldboden vergammeln. Ein tragisches Bild, an den beiden Tagen auf dem Warzenschweinrücken war ich allerdings oft genug vor den Affen da, sodass es letztendlich für eine ordentliche Portion Steinpilznudeln reichte.

Um meine Diät etwas eiweißreicher zu gestalten, ließ ich mich dann noch vom guten Skipper Jerry in die Geheimnisse des südafrikanischen Hochseeangelns einweihen. Weil Fischer-Kollege Ansgar mehr mit Fische anfüttern beschäftigt war, fanden Beres und ich in Jerry einen hervorragenden Ersatz-Partner für die Aufgabe, die obligatorische Flasche Old Brown Sherry zu leeren. Sonst beißen die Fische nämlich nicht. Das Angeln an sich ist relativ simpel: Man hängt halbe Sardinen an riesigen Haken unter Zuhilfenahme massiver Grundbleie 30 bis 50 Meter in die Tiefe des Indischen Ozeans, wo eine bunte Runde mir bisher größtenteils vollkommen unbekannter Fischarten sich daran macht, den Köder zupfend zu entwenden. Manchmal bleiben sie dabei hängen, was ein Ruckeln an der knüppelgleichen Pilk-Rute in der Hand des Fischenden auslöst.


Profis!


Frag mich keiner, wie das Tier heißt. Es schmeckt jedenfalls gut.

Schwierig wird es erst, wenn der Fisch an Bord ist. Denn ob Roter Römer, Grünäugiger Hai, Daggarad oder Soldat: Die meisten kurios getauften Tiefseegeschöpfe haben irgendwelche fiesen Stacheln oder Giftdrüsen. Jerry konnte das allerdings nicht aus der Ruhe bringen und so gingen wir mit einer Kühltruhe voll Fisch die Heimreise an. Trotz der absolut unspaghettimonsterlichen Abfahrtszeit um 5.30 Uhr schreit dieser Trip nach Wiederholung. Zumal wir angeblich noch viel tollere Fischarten mit mir größtenteils entfallenen Namen verpasst haben. Ich gelobe unterdessen auch wiederholte Aktivität an dieser Stelle.


Hai and bye!

Freitag, 8. Oktober 2010

So fern und doch so nah



Es gibt in meinem Leben immer mal Dinge, die mir sehr gut gefallen, die ich aber nur schwer beschreiben kann - geschweige dann mitnehmen. Eine solcher scheinbar untransportablen Wohlfühlgeschichten habe ich neulich gefunden. Ganz unvorbereitet in einer Berliner Dusche: Den Geist von Kapstadt.

Wer ihn riechen, fühlen oder sogar auf der nackten Haut spüren möchte, der kann ihn kaufen. Wem es allerdings reicht, die Kapstädter Lebensart einmal aus der Beobachterperspektive zu sehen, der findet sie hier.

Ich war hin und weg, dann allerdings auch kurz verwirrt. Denn ich dachte bisher immer, der Geist von Kaapstad sei das hier.

Montag, 27. September 2010

Kontrapunkte gegen die graue Suppe



Dass an dieser Stelle schon seit längerer Zeit Funkstille herrschte, liegt vornehmlich daran, dass ich nach Deutschland entschwebt bin. Übrigens mit einem kleinen kostensparenden Umweg über Dubai, wo ich der im Namen versteckten Aufforderung nachkam: I did buy. Mit tollen mittel-östlichen Souvenirs und nachgeordnet auch schierer Anwesenheit konnte ich dann bei meiner Familie punkten, doch wenn ich jetzt das Taschentuch vor der Nase wegnehme und aus dem Fenster schaue, schwant mir, dass der Trip keine ausschließlich weise Entscheidung war.

Ich will aber keineswegs jammern, denn die Tage und Wochen bisher waren wunderbar und es hat ja auch einiges für sich, von seinen Freunden mal wieder mehr als den Facebook-Account zu sehen. Momentan ist mir trotzdem das Gemüt nach einem kräftigen Kontrapunkt gegen die deutsche Witterungsrealität und was böte sich da mehr an, den Reisebericht aus Botsuana endlich einmal nachzureichen. Dort in der trockenen Dornstrauchsavanne haben wir die erste Wolke, die uns nach knapp zwei Wochen begegnete, noch freudig überrascht fotografiert.


Rechts neben dem Sonnenstrahl, knapp über den Bäumchen...


Nur zum Wolkensuchen waren wir allerdings gar nicht da. Es ging eher um Menschen und um Wildnis. Die San sind so ein Beispiel, die zwar kulturhistorisch als die erste Volksgruppe auf dem Gebiet des heutigen Botsuana betrachtet werden, inzwischen aber als Minderheit an den gesellschaftlichen Rand gedrängt ein eher bitteres Dasein fristen. Nun sind – wer hätte es gedacht – auch nicht alle San gleich. Über die, die wir trafen, behauptete eine Broschüre, dass sie auf dem weitläufigen Stück Savanne namens Dqae Qare, das sie ihr Eigen nennen, noch ihrer traditionellen Lebensweise nachgehen können. Elsie, die sympathische, junge Frau, die in dem kleinen Ressort Managerin ist, gibt allerdings offen zu, dass das gar nicht möglich wäre, weil sie das Land nur bekamen, um ein Tourismus-Projekt aufzubauen. Niemand darf hier jagen, wie es die Vorväter taten, niemand sammelt hier noch Beeren und Wurzeln, weil Medizin Tablettenform hat und Essen aus Supermärkten kommt, und kein San lebt in den für die Touristen mit stabilen Holzbetten eingerichteten Grashütten. Trotzdem ist diese kleine Tourismus-Farm ein Hoffnungsschimmer. Die San-Gemeinschaft des nächsten Ortes kann sie selbst verwalten, sich ein Einkommen schaffen und ist nicht gezwungen, sich als billige Arbeitskräfte den Nachfahren der Land-„Besitzer“ anzudienen, die ihnen vor vier, fünf Generationen die Lebensgrundlage raubten. Trotzdem: Kultur und Lebensart der San verblassen so immer weiter. Das bemängelt auch Elsie, aber was solle sie denn machen, es gäbe keine andere Möglichkeit. Die San, die die andere Möglichkeit weiter suchen und sich weigern, ihr Leben im Zentral-Kalahari Nationalpark aufzugeben, der übrigens einst auch ausdrücklich zu ihrem Schutz angelegt worden war, werden von der Zentralregierung in Gaborone gegängelt, schikaniert und nach und nach vertrieben. Ihr nomadisierender Lebensstil wird als rückständig und unzivilisiert beleidigt, die San sollen gezwungen werden, nach den Normen der „Moderne“ zu leben. Man fragt sich, warum eine Regierung sich so viel Stress macht mit ein paar Nomaden, in dieser extrem dünn besiedelten, scheinbar endlosen Weite der Kalahari. Angeblich lagern Diamanten unter dem sandigen Wüstenboden.

Ein paar hundert Kilometer nördlich, im Okavango-Delta, sind solche Probleme unbekannt. Hier hat sich eine Gruppe von Einbaum-Boot-Fahrern zusammengeschlossen, um Touristen das Delta zu zeigen. Sie leiden ein wenig unter der Globalen Finanzkrise, weil deshalb in diesem Jahr weniger Urlauber kamen, erzählt unser Guide, in dessen Dorf Seronga es nur zwei kleine Lädchen, eine Bar und eine Fleischerei gibt, die allerdings während unseres Aufenthalts gerade nicht über Fleisch verfügte. Das lag allerdings nicht an den Lehman Brothers, sondern eher an mangelnder lokaler Nachfrage. Wirklich schlimm hat die Krise Seronga auch gar nicht erwischt, denn wer selbst Vieh hält, seine Maisfelder erfolgreich gegen die Elefanten verteidigt und dazu noch weiß, wie Wasserlilien und Termiten zubereitet und konserviert werden, den haut so schnell nichts um. Selbst die Fische in der Region lassen sich von kühnen Europäern nicht überlisten, wie ich ernüchtert feststellen musste, allerdings hatten sie auch unlautere Hilfe von machohaften Flusspferden, die permanent ihren Revieranspruch über meine Angelplätze untermauern mussten. Um es kurz zu machen: Ich glaube, ich habe es noch nie geschafft, dem Alltag so elegant und allumfassend zu entfliehen, wie in der endlosen Ruhe des Deltas. Trotz der gefühlt 40-köpfigen Gruppe Spanier, die mitten in der Nacht mit ihrem Viva Espana doch lauter waren als die blökenden Flusspferde. Aber dass man vor den Absurditäten der globalisierten Welt auch auf einer unbesiedelten, mit Elefanten-Kot übersäten Insel im Okavango-Delta nicht sicher ist, hatten wir von unserem Bootsmann ja schon aus dessen Erfahrungen mit der Krise gelernt...






























PS: Zu dem Tourismus-Projekt im Okavango-Delta schrieb ich bei ZEIT Online.
PPS: Passt gar nicht rein, aber ebenfalls bei ZEIT Online findet sich auch noch ein Artikel über einen deutschen Lehrer in Kapstadt, den ich bisher unterschlagen hatte.

Montag, 19. Juli 2010

Der Traum von einer besseren Welt

Gestern war in Südafrika Mandela-Day, den die UNO jetzt ja sogar international ausgerufen hat. Zum 92. Geburtstag Nelson Mandelas sollte jeder 67 Minuten seiner Zeit spendieren, um etwas Gutes zu tun. Und so wurden für einen Tag Altenheime mit Gutmenschen überflutet und all die vergessenen Menschen des Landes saugten soviel Tee und Aufmerksamkeit in sich herein, wie sonst in einem ganzen Jahr nicht.

Ich habe eine alte Frau im Rollstuhl vor mir über die Straße gelassen. Das ging zwar wesentlich schneller, aber ich muss auch zugeben, dass ich solche Ereignisse kollektiven Moral-Reinwaschens auch nicht für besonders sinnvoll halte. Das hat etwas vom weihnachtlichen Kirchgang. Die Zahl 67 ist ebenso fragwürdig. Der Grund ist nämlich, dass Mandela 67 Jahre seines Lebens darauf verwendet habe, die Welt besser zu machen. Die Kampagne gab es aber schon letztes Jahr, mit der gleichen Zahl an Jahren, angefangen 1942 mit Mandelas erster Menschenrechtskampagne. Hieße also, der alte Herr habe im vergangenen Jahr nichts gemacht. Dabei hat Mandela doch auch kürzlich zumindest die Party der FIFA besser gemacht, einfach durch seine Anwesenheit. Dass er dazu laut Vorwürfen seines Enkels von der Blatter-Mafia gezwungen worden war, wollen wir hier mal nicht weiter erwähnen.

Der Jubel, den Mandela auslöste, indem er vorm WM-Finale in die Menge winkte, zeigte dann auch der ganzen Welt, wie sehr die Südafrikaner ihren Befreiungshelden noch immer anhimmeln. Das Bild ist nicht falsch, aber auch nicht vollständig. Leute, wie der Mittvierziger den ich Anfang März in Orange Farm, einem der ärmsten Townships bei Johannesburg traf, wo seit dem Ende der Apartheid noch nicht einmal fließend Wasser oder eine Kanalisation verlegt worden ist, waren nämlich mutmaßlich nicht im Stadion. Sie konnten Mandela also nicht zuwinken, weil der Eintritt dazu ein paar Monatsgehälter gekostet hätte – wenn sie nicht Mitte der Neunziger eh entlassen worden und seitdem arbeitslos wären. „Mandela hat uns verraten“, sagte der Mann recht bitter. Er sammelt heute Müll, um ihn zu recyclen und sich so über Wasser zu halten. (Die ganze Geschichte hatte ich zwar damals schon einmal verlinkt, aber wer mag, hier geht’s lang.) Der Grund für seine markigen Worte ist das neoliberale Wachstumsprogramm GEAR, das 1996 unter dem Präsidenten Mandela eingeführt wurde, von Wirtschaft und Weltbank viel Lob bekam und mehrere Millionen Arbeitsplätze vernichtete. Mit der Wirtschaft ist damals allerdings auch die Wut vieler Menschen gewachsen, nicht nur in Orange Farm.

Die Sache Mandela allein anzuhängen, wäre aber sicherlich falsch, denn erstens war er bei den wichtigen Verhandlungen über die Metamorphose des Apartheid-Staates noch inhaftiert und dann stellt sich in Südafrika auch immer noch die Frage wer und warum eigentlich ausschlaggebend für das Ende der Apartheid war – und was diese Kräfte dafür haben wollten. Es ist schlicht naiv, zu glauben, Mandela hätte 1996 einfach mal eben sein eigenes Ding durchziehen können, die Freiheits-Charta eins zu eins umsetzen und den modernen Sozialismus implementieren, der sich aus diesem Kern-Dokument des ANC an vielen Stellen erschließt. Das Land und deren Schätze sollen allen Menschen gehören, die auf ihm leben… Nun, die Menschen in Walmer Township leben zu großen Teilen auf einer ehemaligen Müllhalde, aber wir wollen ja nicht zynisch werden.

Mandela nun auf die gescheiterte Armutsbekämpfungen und die gescheiterte soziale Revolution nach der gelungenen anti-rassistischen zu reduzieren, würde diesem großen Mann einfach nicht gerecht werden. Er hat großes vollbracht, sein Leben in den Dienst des Anti-Rassismus gestellt und während der Transitionsphase den Frieden erhalten. Wie Südafrikas Zukunft nun gestaltet wird, kann nicht mehr Mandelas Aufgabe sein, anlässlich seines Geburtstags habe ich mich mit dieser Frage aber auseinander gesetzt. Hier mein Artikel dazu, erschienen gestern im Weser Kurier:

Hoffnung zu Mandelas Geburtstag


Die WM hinterlässt in Südafrika viele Schulden aber auch ein neues Nationalgefühl

Der lauteste Jubel-Sturm brach im Soccer-City-Stadion von Johannesburg am vergangenen Sonntag schon vorm Anpfiff des Fußball-Weltmeisterschafts-Finales aus. „Madiba, Madiba“ erschallte in Sprechchören als Nelson Rolihlahla Mandela in einem offenen Golfwagen eine Runde durch das Stadion drehte und den knapp 85000 Zuschauern zuwinkte. Was wohl kaum einer derer, die den Clan-Namen Mandelas riefen, wusste: Der Mann, der für die Befreiung Südafrikas vom Rassismus 27 Jahre im Gefängnis saß, war nicht ganz freiwillig da. Das behauptet zumindest sein Enkel Mandla Mandela, der dem Weltfußballverband FIFA vorwirft, großen Druck auf seinen Großvater ausgeübt zu haben. Im Vorfeld hatte es Bedenken gegeben, der Auftritt könnte zu anstrengend sein für den alten Mann. Das Spiel verfolgte Mandela dann auch tatsächlich lieber vor dem heimischen Fernseher in Soweto. Dort, im Kreise seiner Familie und etlicher Kinder aus seinem Heimatdorf Qunu feiert er heute auch seinen 92. Geburtstag. Den Mandela-Day, den selbst die UNO erstmals für den 18. Juli international ausgerufen hat, begeht Südafrika fast wie einen Feiertag.

Der Jubel und die Begeisterung für Mandela zeigen, welche Bedeutung der Vater der Nation für Südafrika noch hat und wie sehr sich die Menschen nach seinen rar gewordenen öffentlichen Auftritten sehnen. Die Liebe für den Ex-Präsidenten weist aber auch auf die Unzufriedenheit der Südafrikaner mit der aktuellen Regierung hin, die immerhin die erfolgreiche Weltmeisterschaft organisiert hat. Die vierwöchige Fußball-Party hat am Kap viele Probleme in den Hintergrund gedrängt, lösen konnte sie sie aber freilich nicht. Nun stellt sich – ausgerechnet zu Mandelas Geburtstag – die Frage, was bleibt von dieser WM.

Pravin Gordhan hatte darauf bereits eine Antwort. Gordhan ist südafrikanischer Finanzminister, kein Mann vom Glanze eines Mandelas aber als kühler und solider Zahlen-Experte geschätzt. Um 0,4 Prozent werde die WM das Bruttoinlandsprodukt anheben, rechnet Gordhan vor, abschließende Zahlen hat er aber noch nicht, weil noch Daten aus den Provinzen fehlen.

So banal lassen sich die WM-Auswirkungen aber sowieso nicht beschreiben. Südafrika hat in der globalen Finanzkrise ungefähr eine Million Arbeitsplätze verloren und etliche davon durch die WM-Investitionen wieder auffangen können. Präsident Jacob Zuma wird nicht müde, diesen Fakt zu erwähnen, unterschlägt dabei aber geflissentlich, dass das Gros der Jobs lediglich temporär war. Sobald die Straßen und Stadien fertig waren, mussten auch die Arbeiter gehen. Dieses Spiel von Licht und Schatten zieht sich durch die WM-Bewertung wie ein roter Faden, zu fast jeder positiven Nachricht lässt sich ein Kritikpunkt finden. Viele der monumentalen Stadien beispielsweise – entgegen weitverbreiteter pessimistischer Annahmen lange vor der WM vollendet – drohen zu „Weißen Elefanten“, also Großinvestitionen ohne Nutzen, zu werden. Selbst die ausgebaute Infrastruktur – Straßen, Zuglinien, Flughäfen und Telekommunikationseinrichtungen, die selbstverständlich weit über den finalen Schlusspfiff gebraucht werden – wird den Armen im Lande nichts bringen, weil sie sie nicht nutzen können.

Trotzdem: Mit der erfolgreichen WM-Organisation und –Durchführung hat Südafrika das globale Afrika-Bild verbessert, bei potentiellen Investoren eine eindrucksvolle Bewerbung hinterlegt und wenn man einer kleinen Umfrage des Tourismusministeriums des Western Capes am Kapstädter Flughafen glauben darf, auch die Touristen überzeugt. 66 Prozent der befragten ausländischen Gäste gaben dort an, mit ihren Familien ans Kap zurückkommen zu wollen.

Wenn südafrikanische Medien die umgerechnet vier Milliarden Euro gegenrechnen, die die WM das Land gekostet hat, taucht neben den wirtschaftlichen Folgen aber auch immer das neue Nationalgefühl als wichtigstes WM-Ergebnis auf: Die Südafrikaner sind als Gesellschaft zusammengerückt. „Die WM war für uns eine Anlaufstelle, um zusammenzukommen und stolz zu sein“, beschreibt mit dem Soziologen Udesh Pillay vom Forschungszentrum für Sozialwissenschaften in Durban auch ein renommierter Kritiker der anfangs überschätzten WM-Erwartungen das neue Bewusstsein. Und in der Tat: Wer gesehen hat wie sich in Kneipen, Fan-Parks und im Stadion Menschen aller Hautfarben mit Freudentränen in den Armen lagen, als Siphiwe Tshabalala Südafrika im Eröffnungsspiel gegen Mexiko in Front schoss, weiß, dass die WM in Südafrika nicht nur in Heller und Pfennig bewertet werden kann.

Die Südafrikaner haben der Welt ein freundliches Gesicht der Einigkeit gezeigt und auch nach dem Ausscheiden der eigenen Bafana Bafana noch andere Mannschaften unterstützt. Ghana wurde als letzter afrikanischer Vertreter oft hervorgehoben, doch eigentlich waren gefühlt mindestens ebenso viele Fans in den Farben Englands oder Brasiliens geschminkt.

Umso verstörender waren die Nachrichten am Morgen nach dem Finale. Noch in Nacht des Endspiels hatten sich die Gerüchte von neuen fremdenfeindlichen Ausschreitungen bestätigt, in Kapstädter Townships gab es Überfälle auf afrikanische Ausländer. Polizei-Chef Bheki Cele sah dahinter gewöhnliche Kriminelle, die sich in den Geschäften der Ausländer bedienen wollten, und auch Präsident Zuma spielte das Thema zunächst herunter und rief lediglich dazu auf, die „kriminellen Elemente“ zu isolieren. Obwohl die Regierung einerseits mit der raschen Entsendung von starken Polizei- und Armeekräften Unruhen im Keim erstickte, hält sich die Rhetorik, dass es sich bei den neuerlichen Krawallen nur um selbst-erfüllende Gerüchte handele, beständig weiter.

Das mag im Einzelfall sogar stimmen, aber die Probleme liegen tiefer. Es ist die extrem hohe Arbeitslosigkeit und das Ausbleiben von lange versprochenen sozialen Leistungen, wie Kliniken, Wasser-, Strom- und Kanalisationsanschlüssen oder besserer Schulbildung in den Townships, die die Menschen immer wieder auf die Straße bringen. In manchen Fällen schlägt die Wut dann – Berichten zufolge auch von korrupten Lokal-Politikern gesteuert – auf die Einwanderer nieder. Geht es nach Sozialforscher Pillay müsste die Regierung hier – trotz leerer Kassen – die Dynamik der Weltmeisterschaft nutzen, um die lange versprochenen Verbesserungen der Lebensumstände in den Armenvierteln in die Tat umzusetzen. „Wir haben jetzt diese positive Stimmung im Land, wir haben jetzt den Stolz und das nationale Bewusstsein um diese Herausforderungen anzugehen“, sagt Pillay.

Die Südafrikaner haben während der WM gesehen, zu welchen Leistungen ihre Regierung im Stande sein kann, wenn sie nur will. Der Mandela-Day, so will es übrigens die UNO, soll Menschen weltweit dazu aufrufen, ihre Umwelt mit kleinen Taten ein klein wenig besser zu machen. Der heutige Tag dürfte am Kap daher nicht nur ein inoffizieller Feiertag sondern auch ein Tag der Hoffnung sein.

Der Traum von einer besseren Welt

Gestern war in Südafrika Mandela-Day, den die UNO jetzt ja sogar international ausgerufen hat. Zum 92. Geburtstag Nelson Mandelas sollte jeder 67 Minuten seiner Zeit spendieren, um etwas Gutes zu tun. Und so wurden für einen Tag Altenheime mit Gutmenschen überflutet und all die vergessenen Menschen des Landes saugten soviel Tee und Aufmerksamkeit in sich herein, wie sonst in einem ganzen Jahr nicht.

Ich habe eine alte Frau im Rollstuhl vor mir über die Straße gelassen. Das ging zwar wesentlich schneller, aber ich muss auch zugeben, dass ich solche Ereignisse kollektiven Moral-Reinwaschens auch nicht für besonders sinnvoll halte. Das hat etwas vom weihnachtlichen Kirchgang. Die Zahl 67 ist ebenso fragwürdig. Der Grund ist nämlich, dass Mandela 67 Jahre seines Lebens darauf verwendet habe, die Welt besser zu machen. Die Kampagne gab es aber schon letztes Jahr, mit der gleichen Zahl an Jahren, angefangen 1942 mit Mandelas erster Menschenrechtskampagne. Hieße also, der alte Herr habe im vergangenen Jahr nichts gemacht. Dabei hat Mandela doch auch kürzlich zumindest die Party der FIFA besser gemacht, einfach durch seine Anwesenheit. Dass er dazu laut Vorwürfen seines Enkels von der Blatter-Mafia gezwungen worden war, wollen wir hier mal nicht weiter erwähnen.

Der Jubel, den Mandela auslöste, indem er vorm WM-Finale in die Menge winkte, zeigte dann auch der ganzen Welt, wie sehr die Südafrikaner ihren Befreiungshelden noch immer anhimmeln. Das Bild ist nicht falsch, aber auch nicht vollständig. Leute, wie der Mittvierziger den ich Anfang März in Orange Farm, einem der ärmsten Townships bei Johannesburg traf, wo seit dem Ende der Apartheid noch nicht einmal fließend Wasser oder eine Kanalisation verlegt worden ist, waren nämlich mutmaßlich nicht im Stadion. Sie konnten Mandela also nicht zuwinken, weil der Eintritt dazu ein paar Monatsgehälter gekostet hätte – wenn sie nicht Mitte der Neunziger eh entlassen worden und seitdem arbeitslos wären. „Mandela hat uns verraten“, sagte der Mann recht bitter. Er sammelt heute Müll, um ihn zu recyclen und sich so über Wasser zu halten. (Die ganze Geschichte hatte ich zwar damals schon einmal verlinkt, aber wer mag, hier geht’s lang.) Der Grund für seine markigen Worte ist das neoliberale Wachstumsprogramm GEAR, das 1996 unter dem Präsidenten Mandela eingeführt wurde, von Wirtschaft und Weltbank viel Lob bekam und mehrere Millionen Arbeitsplätze vernichtete. Mit der Wirtschaft ist damals allerdings auch die Wut vieler Menschen gewachsen, nicht nur in Orange Farm.

Die Sache Mandela allein anzuhängen, wäre aber sicherlich falsch, denn erstens war er bei den wichtigen Verhandlungen über die Metamorphose des Apartheid-Staates noch inhaftiert und dann stellt sich in Südafrika auch immer noch die Frage wer und warum eigentlich ausschlaggebend für das Ende der Apartheid war – und was diese Kräfte dafür haben wollten. Es ist schlicht naiv, zu glauben, Mandela hätte 1996 einfach mal eben sein eigenes Ding durchziehen können, die Freiheits-Charta eins zu eins umsetzen und den modernen Sozialismus implementieren, der sich aus diesem Kern-Dokument des ANC an vielen Stellen erschließt. Das Land und deren Schätze sollen allen Menschen gehören, die auf ihm leben… Nun, die Menschen in Walmer Township leben zu großen Teilen auf einer ehemaligen Müllhalde, aber wir wollen ja nicht zynisch werden.

Mandela nun auf die gescheiterte Armutsbekämpfungen und die gescheiterte soziale Revolution nach der gelungenen anti-rassistischen zu reduzieren, würde diesem großen Mann einfach nicht gerecht werden. Er hat großes vollbracht, sein Leben in den Dienst des Anti-Rassismus gestellt und während der Transitionsphase den Frieden erhalten. Wie Südafrikas Zukunft nun gestaltet wird, kann nicht mehr Mandelas Aufgabe sein, anlässlich seines Geburtstags habe ich mich mit dieser Frage aber auseinander gesetzt. Hier mein Artikel dazu, erschienen gestern im Weser Kurier:

Hoffnung zu Mandelas Geburtstag


Die WM hinterlässt in Südafrika viele Schulden aber auch ein neues Nationalgefühl

Der lauteste Jubel-Sturm brach im Soccer-City-Stadion von Johannesburg am vergangenen Sonntag schon vorm Anpfiff des Fußball-Weltmeisterschafts-Finales aus. „Madiba, Madiba“ erschallte in Sprechchören als Nelson Rolihlahla Mandela in einem offenen Golfwagen eine Runde durch das Stadion drehte und den knapp 85000 Zuschauern zuwinkte. Was wohl kaum einer derer, die den Clan-Namen Mandelas riefen, wusste: Der Mann, der für die Befreiung Südafrikas vom Rassismus 27 Jahre im Gefängnis saß, war nicht ganz freiwillig da. Das behauptet zumindest sein Enkel Mandla Mandela, der dem Weltfußballverband FIFA vorwirft, großen Druck auf seinen Großvater ausgeübt zu haben. Im Vorfeld hatte es Bedenken gegeben, der Auftritt könnte zu anstrengend sein für den alten Mann. Das Spiel verfolgte Mandela dann auch tatsächlich lieber vor dem heimischen Fernseher in Soweto. Dort, im Kreise seiner Familie und etlicher Kinder aus seinem Heimatdorf Qunu feiert er heute auch seinen 92. Geburtstag. Den Mandela-Day, den selbst die UNO erstmals für den 18. Juli international ausgerufen hat, begeht Südafrika fast wie einen Feiertag.

Der Jubel und die Begeisterung für Mandela zeigen, welche Bedeutung der Vater der Nation für Südafrika noch hat und wie sehr sich die Menschen nach seinen rar gewordenen öffentlichen Auftritten sehnen. Die Liebe für den Ex-Präsidenten weist aber auch auf die Unzufriedenheit der Südafrikaner mit der aktuellen Regierung hin, die immerhin die erfolgreiche Weltmeisterschaft organisiert hat. Die vierwöchige Fußball-Party hat am Kap viele Probleme in den Hintergrund gedrängt, lösen konnte sie sie aber freilich nicht. Nun stellt sich – ausgerechnet zu Mandelas Geburtstag – die Frage, was bleibt von dieser WM.

Pravin Gordhan hatte darauf bereits eine Antwort. Gordhan ist südafrikanischer Finanzminister, kein Mann vom Glanze eines Mandelas aber als kühler und solider Zahlen-Experte geschätzt. Um 0,4 Prozent werde die WM das Bruttoinlandsprodukt anheben, rechnet Gordhan vor, abschließende Zahlen hat er aber noch nicht, weil noch Daten aus den Provinzen fehlen.

So banal lassen sich die WM-Auswirkungen aber sowieso nicht beschreiben. Südafrika hat in der globalen Finanzkrise ungefähr eine Million Arbeitsplätze verloren und etliche davon durch die WM-Investitionen wieder auffangen können. Präsident Jacob Zuma wird nicht müde, diesen Fakt zu erwähnen, unterschlägt dabei aber geflissentlich, dass das Gros der Jobs lediglich temporär war. Sobald die Straßen und Stadien fertig waren, mussten auch die Arbeiter gehen. Dieses Spiel von Licht und Schatten zieht sich durch die WM-Bewertung wie ein roter Faden, zu fast jeder positiven Nachricht lässt sich ein Kritikpunkt finden. Viele der monumentalen Stadien beispielsweise – entgegen weitverbreiteter pessimistischer Annahmen lange vor WM der vollendet – drohen zu „Weißen Elefanten“, also Großinvestitionen ohne Nutzen, zu werden. Selbst die ausgebaute Infrastruktur – Straßen, Zuglinien, Flughäfen und Telekommunikationseinrichtungen, die selbstverständlich weit über den finalen Schlusspfiff gebraucht werden – wird den Armen im Lande nichts bringen, weil sie sie nicht nutzen können.

Trotzdem: Mit der erfolgreichen WM-Organisation und –Durchführung hat Südafrika das globale Afrika-Bild verbessert, bei potentiellen Investoren eine eindrucksvolle Bewerbung hinterlegt und wenn man einer kleinen Umfrage des Tourismusministeriums des Western Capes am Kapstädter Flughafen glauben darf, auch die Touristen überzeugt. 66 Prozent der befragten ausländischen Gäste gaben dort an, mit ihren Familien ans Kap zurückkommen zu wollen.

Wenn südafrikanische Medien die umgerechnet vier Milliarden Euro gegenrechnen, die die WM das Land gekostet hat, taucht neben den wirtschaftlichen Folgen aber auch immer das neue Nationalgefühl als wichtigstes WM-Ergebnis auf: Die Südafrikaner sind als Gesellschaft zusammengerückt. „Die WM war für uns eine Anlaufstelle, um zusammenzukommen und stolz zu sein“, beschreibt mit dem Soziologen Udesh Pillay vom Forschungszentrum für Sozialwissenschaften in Durban auch ein renommierter Kritiker der anfangs überschätzten WM-Erwartungen das neue Bewusstsein. Und in der Tat: Wer gesehen hat wie sich in Kneipen, Fan-Parks und im Stadion Menschen aller Hautfarben mit Freudentränen in den Armen lagen, als Siphiwe Tshabalala Südafrika im Eröffnungsspiel gegen Mexiko in Front schoss, weiß, dass die WM in Südafrika nicht nur in Heller und Pfennig bewertet werden kann.

Die Südafrikaner haben der Welt ein freundliches Gesicht der Einigkeit gezeigt und auch nach dem Ausscheiden der eigenen Bafana Bafana noch andere Mannschaften unterstützt. Ghana wurde als letzter afrikanischer Vertreter oft hervorgehoben, doch eigentlich waren gefühlt mindestens ebenso viele Fans in den Farben Englands oder Brasiliens geschminkt.

Umso verstörender waren die Nachrichten am Morgen nach dem Finale. Noch in Nacht des Endspiels hatten sich die Gerüchte von neuen fremdenfeindlichen Ausschreitungen bestätigt, in Kapstädter Townships gab es Überfälle auf afrikanische Ausländer. Polizei-Chef Bheki Cele sah dahinter gewöhnliche Kriminelle, die sich in den Geschäften der Ausländer bedienen wollten, und auch Präsident Zuma spielte das Thema zunächst herunter und rief lediglich dazu auf, die „kriminellen Elemente“ zu isolieren. Obwohl die Regierung einerseits mit der raschen Entsendung von starken Polizei- und Armeekräften Unruhen im Keim erstickte, hält sich die Rhetorik, dass es sich bei den neuerlichen Krawallen nur um selbst-erfüllende Gerüchte handele, beständig weiter.

Das mag im Einzelfall sogar stimmen, aber die Probleme liegen tiefer. Es ist die extrem hohe Arbeitslosigkeit und das Ausbleiben von lange versprochenen sozialen Leistungen, wie Kliniken, Wasser-, Strom- und Kanalisationsanschlüssen oder besserer Schulbildung in den Townships, die die Menschen immer wieder auf die Straße bringen. In manchen Fällen schlägt die Wut dann – Berichten zufolge auch von korrupten Lokal-Politikern gesteuert – auf die Einwanderer nieder. Geht es nach Sozialforscher Pillay müsste die Regierung hier – trotz leerer Kassen – die Dynamik der Weltmeisterschaft nutzen, um die lange versprochenen Verbesserungen der Lebensumstände in den Armenvierteln in die Tat umzusetzen. „Wir haben jetzt diese positive Stimmung im Land, wir haben jetzt den Stolz und das nationale Bewusstsein um diese Herausforderungen anzugehen“, sagt Pillay.

Die Südafrikaner haben während der WM gesehen, zu welchen Leistungen ihre Regierung im Stande sein kann, wenn sie nur will. Der Mandela-Day, so will es übrigens die UNO, soll Menschen weltweit dazu aufrufen, ihre Umwelt mit kleinen Taten ein klein wenig besser zu machen. Der heutige Tag dürfte am Kap daher nicht nur ein inoffizieller Feiertag sondern auch ein Tag der Hoffnung sein.

Freitag, 16. Juli 2010

Lesestoff zum Wegträumen

Es ist zwar schon etwas her, aber ich habe hier bisher noch einen Artikel vorenthalten, den es online leider nicht gab. Weil es allerdings ein Reisethema war und das Ziel gerade jetzt im südafrikanischen Winter – der dort extrem mild ausfällt – seinen vollen Reiz entfaltet, schiebe ich es jetzt mal nach:



Südafrika aus der dörflichen Perspektive
Die Transkei-Siedlung Nqileni an der Wildcoast lockt mit unberührter Natur und aufgeschlossenen Bewohnern

Der Blick hinunter ins Tal des
Bulungula-Flusses ist wie eine Erlösung.
Nach zweieinhalb Stunden auf holprigen
Staubstraßen ist die gleichnamige Lodge
hier erstmals in Sichtweite – und nur noch
eine einstündige Wanderung entfernt.
„Das Paradies ist per Definition schwer zu
erreichen!“, lässt die Website der Herberge
direkt am Indischen Ozean mit einem
Augenzwinkern wissen.

In der Tat: Bulungula ist vermutlich das
am weitesten von moderner Infrastruktur
abgelegene Feriendomizil Südafrikas.
Doch längst nicht nur das macht es so besonders.

„Ihre Türen brauchen Sie nicht abzuschließen,
denn es gibt hier keine Kriminalität“,
sagt die Lodge-Leiterin Liesl Benjamin
den Gästen auf der Begrüßungstour. In
Südafrika klingt das zunächst wie ein
schlechter Witz, doch hier in Nqileni ist es
wahr. Schon das Gepäck lassen die Urlauber
am Parkplatz in einer offenen Rundhütte
zurück, der Jeep der Lodge bringt es
am späten Nachmittag nach. Wer nicht
wandern mag, kann auch mitfahren. Eine
Pkw-Straße zur Lodge gibt es nicht.

Die Herberge hält noch weitere Überraschungen
parat. Der Strom wird mit einer
Solaranlage erzeugt und warmes Wasser
strömt nur aus den so genannten Raketenduschen
– der aufgefangene Regen wird in
dieser abenteuerlichen Konstruktion durch
eine Stahlröhre geleitet, an deren unterem
Ende ein Paraffinfeuer für die nötige Erwärmung
sorgt.

Die Unterkünfte bestehen aus stabilen
Safari-Zelten und zehn traditionellen Rundhütten
mit Reetdach, wie sie auch in den
Dörfern ringsum überall zu finden sind.
Das Mobiliar beschränkt sich auf ein bequemes
Doppelbett und einen an zwei Seilen
aufgehängten Stock, der als Handtuchhalter
dient. Luxus gibt es hier tief im Eastern
Cape nicht – dafür aber ein weitgehend unverfälschtes
Kennenlernen der Xhosa-Gemeinschaft.
„Natürlich hat die Bulungula Lodge einen
großen kulturellen Einfluss auf die
Dorfgemeinschaft“, stellt Benjamin mit
Blick auf die Gäste aus aller Welt klar.
„Man kann keine große Glaskuppel haben,
zu der die Leute dann hingehen und
schauen, wie die Einheimischen leben.“ Im
Gegenteil: Das Zusammentreffen von Touristen
und Einheimischen ist gewollter Bestandteil
des Konzepts der Fair Trade akkreditierten
Herberge. Zäune gibt es nur,
um die Ziegen von den frisch gepflanzten
Büschen und Bäumchen rund um die
Lodge fernzuhalten.

Gemeinsam am Lagerfeuer


Am Lagerfeuer sitzen die Menschen aus
Nqileni mit den Urlaubern zusammen,
auch der große Aufenthaltsraum im Haupthaus
wird von allen gemeinsam genutzt.
Die Einheimischen profitieren von der
Lodge. Der Dorfgemeinschaft gehören 40
Prozent des Unternehmens, von den Gewinnen
haben sie bereits einen Traktor angeschafft
und einen Kindergarten mit Vorschule
aufgebaut. Insgesamt 50 Arbeitsplätze
sind in Nqileni und Umgebung
durch den Tourismus entstanden.

Die 23-jährige Khunjulwa Palamenti hat
so einen Weg gefunden, ihre Familie zu unterstützen.
Die Gästeführerin lädt zu einem
Rundgang durch ihr Dorf ein, erklärt Geschichte
und Kultur und übersetzt bei den
Gesprächen mit den Einheimischen. Die im
ländlichen Eastern Cape ansässigen Xhosa
sprechen fast ausschließlich ihre gleichnamige
Muttersprache. Seit Kurzem begleitet
Palamenti die Gäste auch als Übersetzerin
auf der Tour mit dem Sangoma, einem der
in Südafrika noch weit verbreiteten Naturheiler.
Melidinga Mdoseni streift dann mit der
Gruppe durch den Qane-Urwald und erzählt
von der Heilwirkung der verschiedenen
Borken, Blätter und Wurzeln. Glaubt
man ihm, ist gegen jedes Leid ein Kraut gewachsen,
selbst gegen gewalttätige Ehemänner
hat er einen Baumrindentee im Angebot.
Doch auch wer eher der Schulmedizin
vertraut, kommt auf seine Kosten, wenn
der 56-Jährige in seinem grünen Heiler-
Overall die Fauna erklärt, frisch vom Baum
geschälte Borke zum Zähneputzen verteilt
oder plötzlich mitten im Urwald eine einem
Rettich ähnelnde Wurzel ausgräbt und in
Stücke gehackt seiner zögerlichen Kundschaft
zum Verzehr anbietet.

Da Kriminalität in und um Nqileni keine
Rolle spielt, kann man auch auf eigene
Faust endlos über die grünen Hügel, durch
die verbliebenen Urwälder und entlang
der faszinierenden Küste wandern. Die Lagune
direkt vor der Lodge, in der der Bulungula-
Fluss langsam in den Ozean mündet,
lädt zudem zu Kanu-Touren ein, auch auf
dem Pferderücken lässt sich die Gegend
hervorragend erkunden und wer mag,
kann einen Tag mit den Frauen der Dorfgemeinschaft
verbringen und lernen, aus
Lehm Steine für die Rundhütten zu fertigen
oder Umqombothi, ein Mais-Bier, zu
brauen.

Pilsener und Lager gibt es dagegen an
der Lodge-Bar, die auch drei erschwingliche
warme Mahlzeiten pro Tag anbietet.
Selbstversorger müssen ihr Essen mitbringen,
einen Einkaufsmarkt gibt es nicht,
aber im Meer kann man sich an Langusten,
Krabben, Austern und Fischen bedienen,
die abends selbst am Lagerfeuer gegrillt
werden können. Wer beim Beutezug nicht
allein sein will, kann auch hier auf die Erfahrung
eines Guides zurückgreifen.

Das Konzept geht auf. „Unsere Gäste
kommen wegen der kulturellen Erfahrungen
und wegen der traumhaften Lage“, berichtet
Benjamin. Fernab des Haupt-Touristenstroms
versucht sich die gastfreundliche
Dorfgemeinschaft mit Hilfe der Urlauber
weiterzuentwickeln. Als Hintergrund dient
eine touristisch unberührte Traumlandschaft.

Ganzjährig Badetemperaturen

Das Wasser ist ganzjährig warm und selbst
im südafrikanischen Winter von Mai bis
September ist es meist 20 bis 25 Grad warm
und in der Regel sonnig. Das ländliche Eastern Cape
hat etwas von der Klischee-Vorstellung
des traditionellen Afrikas. Kein
Strommast stört das Panoramabild, kein
Lichtsmog macht die Sternschnuppen unsichtbar
und kein Straßenlärm kann die
Idylle stören. Wenn es Krach gibt, dann
sind es entweder Kühe, Esel oder Hühner.

Nqileni ist ein armes Dorf, aber es hat seinen
eigenen Rhythmus, der den Ort paradiesisch
anmuten lässt. Ein Eindruck, der
spätestens dann zum Wiederkehren verleitet,
wenn man wieder in das normale Südafrika
und den hektischen Verkehr auf der
Fernstraße N2 einbiegt.

Buchungen unter Tel. 0027-(0)47-577 89 00.
Doppelzimmer ab umgerechnet 26 Euro), Einzelbett
im Gemeinschaftsschlafraum 11 Euro.
Anreise: Der nächste Flughafen ist das drei Autostunden
entfernte Umthatha. Von dort per Shuttlebus
zur Lodge
Informationen im Internet:
www.bulungula.com

Der Artikel erschien am 22.5. 2010 im Weser Kurier.