Werte Leser und Mitstreiter, mein kleiner Online-Kuriositätenladen ist umgezogen. Unter www.selzsam.de haben wir kräftig ausgebaut, aber gebloggt wird auch immer noch.
Christian
Selz
Mittwoch, 27. April 2011
Sonntag, 10. April 2011
Ein leiser Sonntag
Die Frage nach dem eigenen Wohlbefinden, wird mir in Walmer Township auch heute immer noch mal wieder gestellt. Dahinter vermute ich eine seltsame Dankbarkeit der Viertel-Bewohner gegenüber der Bleichnase, die sich „mit ihnen einlässt“, einfach nur genau dafür. Dementsprechend nervt mich das, obwohl es natürlich eigentlich nur nett gemeint sein soll. Die Begegnung kurz vorm Anpfiff des Länderspiels zwischen Ägypten und Südafrika schien zunächst daher auch nur so eine von vielen zu sein. Nach dem ersten „Are you happy?“ fand ich sogar den selbst ernannten „Präsidenten von Walmer“, ein offensichtlich geistig verwirrter Alkoholiker, der viertel-bekannt ist und an diesem Tag mal wieder auftauchte, noch kreativer. Der vermutete nämlich, meine Freundin sei Japanerin, was zwar abwegig ist, ihn aber auch nach ihrem Bekenntnis zu Südafrika nicht davon abhielt, sein Mitleid über die Katastrophe in Japan auszuschütten. Einen kleinen Kritikpunkt hat er dann aber doch noch eingebaut, denn glaubt man dem Präsidenten von Walmer, haben die Japaner wahrscheinlich nicht ausreichend intensiv zu Gott gebetet. Wohl dem, der sich tagein tagaus in einer erdbebensicheren Zone 800 Kilometer entfernt vom nächsten Atomkraftwerk die Kante gibt.
Doch zurück zum eigentlich Mann des Tages. Der hatte nämlich mich nach meiner Herkunft gefragt und auf die Antwort nur kurz „Spräschen ssie deuts?“ geantwortet. Er war einmal in Brandenburg, erzählte er dann, „zum Arbeiten“, und als er mir dann auch noch von seinen Erlebnissen beim Motorradrennen auf dem Teterower Bergring berichtete, habe ich ihm die Geschichte auch spätestens abgenommen. Unter Honecker sei das noch gewesen, erzählte der Mann nicht ohne Stolz und vor allem nicht ohne ausdrückliche Dankbarkeit gegenüber der DDR. Seine dargebotenen Russisch-Künste kann ich zwar nicht qualitativ beurteilen, es klang aber echt… Damit war dann auch klar, was der Herr meinte, mit der „Arbeit“, von der er sprach. Vor mir stand ein ehemaliger Freiheitskämpfer, ein Soldat Umkhonto we Sizwes (MK), der im Exil in der DDR und in der Sowjetunion für den Kampf gegen das Apartheidregime ausgebildet worden war. Die BRD zog es zu der Zeit vor, ihre Unternehmen gepanzerte Fahrzeuge und sogar eine ganze Waffenfabrik an die rassistische Minderheitsregierung liefern zu lassen. Das war produktiver. Doch davon wollte der Mann gar nicht zu lang erzählen. Bafana Bafana spielte schließlich und siegte sogar sensationell durch einen Treffer in der dritten Minute der Nachspielzeit. Auf dem Platz vor der Fleischerei mit Grill und Kneipenanschluss, wo wir das Spiel auf eine Hauswand projiziert verfolgt hatten, bildeten sich Jubeltrauben. Keiner musste jetzt noch fragen, ob sich irgendwer wohl fühlte.
Irgendwie kamen wir dann später aber doch noch auf Chris Hani zu sprechen. Der Mann kannte den ehemaligen Stabschef MKs persönlich. Das verwundert nicht, Hani galt als volksnah und hat seine Truppen im Exil häufig besucht. Hani war die Verkörperung jener revolutionären Aufrichtigkeit, die in der heutigen politischen Elite Südafrikas so schmerzlich vermisst wird. Hani, das gilt als sicher, wäre 1999 Nachfolger Nelson Mandelas geworden. Und unter Hani, der später Generalsekretär der Kommunistischen Partei Südafrikas war, hätte Südafrika heute wahrscheinlich ein anderes Gesicht. Dass Hani tot ist, davon wollte der ältere Herr nichts hören. Er legte nur seinen Zeigefinger auf seine Lippen. Pause. „Er mag gegangen sein, aber hier drin ist er immer noch da“, sagte er dann leise, während er sich beide Hände flach auf den Brustkorb legte.
Am 10. April 1993, heute vor genau 18 Jahren, ist Martin Thembisile Hani, Deckname Chris, gegangen. Ein Rassist war vor seinem Haus vorgefahren und hatte seiner kleinen Tochter zu gewunken. Die hatte in der Tür auf ihren Vater gewartet, der gerade durch die Einfahrt schritt. Das Mädchen machte Hani auf den Fremden aufmerksam. Als er sich umdrehte fielen die Schüsse.
Doch zurück zum eigentlich Mann des Tages. Der hatte nämlich mich nach meiner Herkunft gefragt und auf die Antwort nur kurz „Spräschen ssie deuts?“ geantwortet. Er war einmal in Brandenburg, erzählte er dann, „zum Arbeiten“, und als er mir dann auch noch von seinen Erlebnissen beim Motorradrennen auf dem Teterower Bergring berichtete, habe ich ihm die Geschichte auch spätestens abgenommen. Unter Honecker sei das noch gewesen, erzählte der Mann nicht ohne Stolz und vor allem nicht ohne ausdrückliche Dankbarkeit gegenüber der DDR. Seine dargebotenen Russisch-Künste kann ich zwar nicht qualitativ beurteilen, es klang aber echt… Damit war dann auch klar, was der Herr meinte, mit der „Arbeit“, von der er sprach. Vor mir stand ein ehemaliger Freiheitskämpfer, ein Soldat Umkhonto we Sizwes (MK), der im Exil in der DDR und in der Sowjetunion für den Kampf gegen das Apartheidregime ausgebildet worden war. Die BRD zog es zu der Zeit vor, ihre Unternehmen gepanzerte Fahrzeuge und sogar eine ganze Waffenfabrik an die rassistische Minderheitsregierung liefern zu lassen. Das war produktiver. Doch davon wollte der Mann gar nicht zu lang erzählen. Bafana Bafana spielte schließlich und siegte sogar sensationell durch einen Treffer in der dritten Minute der Nachspielzeit. Auf dem Platz vor der Fleischerei mit Grill und Kneipenanschluss, wo wir das Spiel auf eine Hauswand projiziert verfolgt hatten, bildeten sich Jubeltrauben. Keiner musste jetzt noch fragen, ob sich irgendwer wohl fühlte.
Irgendwie kamen wir dann später aber doch noch auf Chris Hani zu sprechen. Der Mann kannte den ehemaligen Stabschef MKs persönlich. Das verwundert nicht, Hani galt als volksnah und hat seine Truppen im Exil häufig besucht. Hani war die Verkörperung jener revolutionären Aufrichtigkeit, die in der heutigen politischen Elite Südafrikas so schmerzlich vermisst wird. Hani, das gilt als sicher, wäre 1999 Nachfolger Nelson Mandelas geworden. Und unter Hani, der später Generalsekretär der Kommunistischen Partei Südafrikas war, hätte Südafrika heute wahrscheinlich ein anderes Gesicht. Dass Hani tot ist, davon wollte der ältere Herr nichts hören. Er legte nur seinen Zeigefinger auf seine Lippen. Pause. „Er mag gegangen sein, aber hier drin ist er immer noch da“, sagte er dann leise, während er sich beide Hände flach auf den Brustkorb legte.
Am 10. April 1993, heute vor genau 18 Jahren, ist Martin Thembisile Hani, Deckname Chris, gegangen. Ein Rassist war vor seinem Haus vorgefahren und hatte seiner kleinen Tochter zu gewunken. Die hatte in der Tür auf ihren Vater gewartet, der gerade durch die Einfahrt schritt. Das Mädchen machte Hani auf den Fremden aufmerksam. Als er sich umdrehte fielen die Schüsse.
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Walmer Township
Dienstag, 15. März 2011
Fast wie versprochen
Waren dann doch ein paar Tage mehr, nun aber...

Lihleli will das neue Südafrika leben
Auf das außerschulische Engagement ihrer Tochter angesprochen, muss Nosandla Kutase lachen. „Manchmal habe ich fast die Nase voll, weil sie jeden Tag bei Masifunde ist“, scherzt sie. Lihleli ist gleichzeitig Chefredakteurin der Schülerzeitung, aktiv in der Kunstgruppe und lernt im Nachmittagsprogramm Learn4Life! einmal wöchentlich „fürs Leben“ – über gesundes Essen, Umweltschutz und Krankheitsvorbeugung zum Beispiel. Bei all dem Pensum kümmere sie sich überhaupt nicht mehr um ihre Aufgaben im Haushalt. „Faul ist die!“, schimpft die Mutter. Doch der Vorwurf ist natürlich kaum ernst gemeint. Nosandla bekommt glänzende Augen, wenn sie von der Zukunft spricht, die ihrer Tochter einmal möglich sein kann. „Ich bin froh, dass sie solche Chancen hat“, sagt sie. Denn ihr selbst waren sie verbaut.
Als die heute 43-Jährige zur Schule ging, eskalierte in und um Port Elizabeth der Kampf gegen die Apartheid. Streiks und Proteste prägten das Leben, immer wieder verschwanden Menschen in den Fängen der weißen Geheimpolizei. Nosandla hat ihr Abitur trotzdem abgelegt und danach eine Ausbildung zur Buchhalterin angefangen. Doch das Geld reichte nicht, vor dem Abschluss musste sie abbrechen. Trotzdem: Essen sei immer genug da in der Blechhütte, auch den Strom könne sie immer bezahlen. Das festzuhalten, ist ihr wichtig. Aber Luxus hat die vierfache Mutter immer nur gesehen, nie gehabt.
Jahrelang arbeitete Nosandla für eine Touristen-Lodge. Der Eigentümer sei oft verreist gewesen, neben der Herrichtung der Zimmer habe sie sich daher auch um die Buchungen und Abrechnungen gekümmert. Der Lohn waren umgerechnet 50 Euro pro Woche, im Februar hat sie gekündigt und zuhause eine kleine, private Kinderkrippe aufgebaut. „Ich bin es leid für andere Leute Geld zu machen“, sagt sie. Lihleli soll das einmal erspart bleiben. Am besten sollte die Tochter Anwältin werden – „um Leute über Ohr zu hauen, denn das ist es, was die machen.“ Für eine gesunde Portion Ironie ist in der kleinsten Hütte Platz.
Nun ist es nichts Ungewöhnliches, wenn Mütter in Walmer Township die rosigsten Zukunftsszenarien für ihre Sprösslinge herbei wünschen – nur bleibt es oft beim Traum, für die Realisierung fehlen Ausbildung und Kontakte. Lihleli ist da realistischer und sie vertraut auf ihr eigenes Talent: „Ich arbeite hart in allem, was ich mache, und versuche immer 100 Prozent zu geben.“ Ihr Einsatz bleibt nicht unbemerkt. Obwohl sie mit 14-Jahren und knapp 1,50 Metern die Kleinste in der Gruppe ist, hat die Schülerzeitungsredaktion Lihleli vor einem halben Jahr zur Chefredakteurin gewählt. „Ich war nicht sehr überrascht“, sagt sie selbstbewusst, „denn ich glaube, ich hatte den Job am meisten verdient und wollte ihn auch am stärksten haben.“ Was fast überheblich klingt, ist die pure Realität. Während andere Kinder gelegentlich eine Aufgabe „vergessen“ oder gar zur Stunde „wichtigere Aufgaben“ haben, ist auf Lihleli grundsätzlich Verlass. „Sie hat sich sehr gut entwickelt“, findet daher auch Nosandla. Auch Lihleli selbst hat bemerkt, wie die Arbeit in der Schülerzeitung sie verändert hat. Sie mische sich stärker ein als vorher. „Wenn ältere Jungs meinen kleinen Bruder ärgern, gehe ich raus und schimpfe mit denen – ich bin hilfsbereiter geworden.“
Das äußert sich auch in Lihlelis wahrem Berufswunsch. Umweltaktivistin will sie einmal werden und für den Erhalt der Natur kämpfen. Wenn möglich am besten mit den Mitteln, die sie momentan lernt, als Rechercheurin einer Umweltorganisation. „Wenn ich einen schönen Baum sehe, kann ich ihn minutenlang einfach nur ansehen“, begründet sie träumerisch.

Viele Naturschönheiten gibt es in Lihlelis kleiner Welt allerdings nicht. Walmer Township ist einer der am dichtest besiedelten Stadtteile von Port Elizabeth und zum Teil auf einer ehemaligen Müllkippe direkt neben dem Flughafen errichtet. Wenn der Wind mal wieder kräftig vom Meer bläst, fliegen die weggeworfenen Plastiktüten hier meterhoch durch die Luft, ehe sie irgendwann an einem rostigen Blechdach hängen bleiben. Auch Lihlelis Familie wohnt noch immer in einer Blechhütte. Sie warten auf das Hausbau-Programm der Regierung. „Die versprechen uns immer wieder ein Haus, aber wir wissen nicht, wann wir eines bekommen“, sagt Nosandla. Ein paar Straßenzüge weiter wird allerdings bereits kräftig gebaut, Lihlelis beste Freundin Asanda recherchiert gerade zu dem Thema.
Ihre Tochter soll sich später einmal nicht auf solche Versprechen verlassen müssen, das ist Nosandla schon heute klar. „Lihleli muss zur Uni gehen“, sagt sie. „Sie ist so vernarrt in Bücher und lernt so fleißig!“ Dass das nicht einfach wird, weiß sie, denn Hochschulbildung ist in Südafrika kostenpflichtig: „Wir haben das Geld nicht unter der Matratze, aber ich werde es versuchen.“ Doch vorerst wird Lihleli noch drei Jahre zu Schule gehen.
Dort an der Walmer High School haben Künstler gerade die kargen, grauen Wände mit vielen bunten Bildern verschönert. Viele Schüler schimpften, dass es bei ihnen jetzt aussehe, wie in einem Kindergarten, erzählt Lihleli. Doch sie hat sich die beiden Portraits unter den Malereien herausgesucht, um über die Persönlichkeiten dahinter zu schreiben: Nelson Mandela und Steve Biko. Der eine ist heute weltweit bekannt, der andere wurde mit 30 Jahren in Port Elizabeth zu Tode gefoltert, weil er für die Entstehung des schwarzen Selbstbewusstseins gegen die Apartheid gekämpft hat. „Die stärkste Waffe in der Hand des Unterdrückers ist der Geist der Unterdrückten“, hat Biko gesagt. In seiner Zelle in der Polizeistation des ehemals „weißen“ Teils von Walmer, nur knapp zwei Kilometer entfernt vom Township, haben sie auch ein kleines Portrait an die Wand gemalt. Lihleli war neulich da und hat sich alles angesehen. Sie lebt den Geist des neuen Südafrikas.
(zuerst erschienen in der Neuen Wernigeröder Zeitung)
Lihleli will das neue Südafrika leben
Auf das außerschulische Engagement ihrer Tochter angesprochen, muss Nosandla Kutase lachen. „Manchmal habe ich fast die Nase voll, weil sie jeden Tag bei Masifunde ist“, scherzt sie. Lihleli ist gleichzeitig Chefredakteurin der Schülerzeitung, aktiv in der Kunstgruppe und lernt im Nachmittagsprogramm Learn4Life! einmal wöchentlich „fürs Leben“ – über gesundes Essen, Umweltschutz und Krankheitsvorbeugung zum Beispiel. Bei all dem Pensum kümmere sie sich überhaupt nicht mehr um ihre Aufgaben im Haushalt. „Faul ist die!“, schimpft die Mutter. Doch der Vorwurf ist natürlich kaum ernst gemeint. Nosandla bekommt glänzende Augen, wenn sie von der Zukunft spricht, die ihrer Tochter einmal möglich sein kann. „Ich bin froh, dass sie solche Chancen hat“, sagt sie. Denn ihr selbst waren sie verbaut.
Als die heute 43-Jährige zur Schule ging, eskalierte in und um Port Elizabeth der Kampf gegen die Apartheid. Streiks und Proteste prägten das Leben, immer wieder verschwanden Menschen in den Fängen der weißen Geheimpolizei. Nosandla hat ihr Abitur trotzdem abgelegt und danach eine Ausbildung zur Buchhalterin angefangen. Doch das Geld reichte nicht, vor dem Abschluss musste sie abbrechen. Trotzdem: Essen sei immer genug da in der Blechhütte, auch den Strom könne sie immer bezahlen. Das festzuhalten, ist ihr wichtig. Aber Luxus hat die vierfache Mutter immer nur gesehen, nie gehabt.
Jahrelang arbeitete Nosandla für eine Touristen-Lodge. Der Eigentümer sei oft verreist gewesen, neben der Herrichtung der Zimmer habe sie sich daher auch um die Buchungen und Abrechnungen gekümmert. Der Lohn waren umgerechnet 50 Euro pro Woche, im Februar hat sie gekündigt und zuhause eine kleine, private Kinderkrippe aufgebaut. „Ich bin es leid für andere Leute Geld zu machen“, sagt sie. Lihleli soll das einmal erspart bleiben. Am besten sollte die Tochter Anwältin werden – „um Leute über Ohr zu hauen, denn das ist es, was die machen.“ Für eine gesunde Portion Ironie ist in der kleinsten Hütte Platz.
Nun ist es nichts Ungewöhnliches, wenn Mütter in Walmer Township die rosigsten Zukunftsszenarien für ihre Sprösslinge herbei wünschen – nur bleibt es oft beim Traum, für die Realisierung fehlen Ausbildung und Kontakte. Lihleli ist da realistischer und sie vertraut auf ihr eigenes Talent: „Ich arbeite hart in allem, was ich mache, und versuche immer 100 Prozent zu geben.“ Ihr Einsatz bleibt nicht unbemerkt. Obwohl sie mit 14-Jahren und knapp 1,50 Metern die Kleinste in der Gruppe ist, hat die Schülerzeitungsredaktion Lihleli vor einem halben Jahr zur Chefredakteurin gewählt. „Ich war nicht sehr überrascht“, sagt sie selbstbewusst, „denn ich glaube, ich hatte den Job am meisten verdient und wollte ihn auch am stärksten haben.“ Was fast überheblich klingt, ist die pure Realität. Während andere Kinder gelegentlich eine Aufgabe „vergessen“ oder gar zur Stunde „wichtigere Aufgaben“ haben, ist auf Lihleli grundsätzlich Verlass. „Sie hat sich sehr gut entwickelt“, findet daher auch Nosandla. Auch Lihleli selbst hat bemerkt, wie die Arbeit in der Schülerzeitung sie verändert hat. Sie mische sich stärker ein als vorher. „Wenn ältere Jungs meinen kleinen Bruder ärgern, gehe ich raus und schimpfe mit denen – ich bin hilfsbereiter geworden.“
Das äußert sich auch in Lihlelis wahrem Berufswunsch. Umweltaktivistin will sie einmal werden und für den Erhalt der Natur kämpfen. Wenn möglich am besten mit den Mitteln, die sie momentan lernt, als Rechercheurin einer Umweltorganisation. „Wenn ich einen schönen Baum sehe, kann ich ihn minutenlang einfach nur ansehen“, begründet sie träumerisch.
Viele Naturschönheiten gibt es in Lihlelis kleiner Welt allerdings nicht. Walmer Township ist einer der am dichtest besiedelten Stadtteile von Port Elizabeth und zum Teil auf einer ehemaligen Müllkippe direkt neben dem Flughafen errichtet. Wenn der Wind mal wieder kräftig vom Meer bläst, fliegen die weggeworfenen Plastiktüten hier meterhoch durch die Luft, ehe sie irgendwann an einem rostigen Blechdach hängen bleiben. Auch Lihlelis Familie wohnt noch immer in einer Blechhütte. Sie warten auf das Hausbau-Programm der Regierung. „Die versprechen uns immer wieder ein Haus, aber wir wissen nicht, wann wir eines bekommen“, sagt Nosandla. Ein paar Straßenzüge weiter wird allerdings bereits kräftig gebaut, Lihlelis beste Freundin Asanda recherchiert gerade zu dem Thema.
Ihre Tochter soll sich später einmal nicht auf solche Versprechen verlassen müssen, das ist Nosandla schon heute klar. „Lihleli muss zur Uni gehen“, sagt sie. „Sie ist so vernarrt in Bücher und lernt so fleißig!“ Dass das nicht einfach wird, weiß sie, denn Hochschulbildung ist in Südafrika kostenpflichtig: „Wir haben das Geld nicht unter der Matratze, aber ich werde es versuchen.“ Doch vorerst wird Lihleli noch drei Jahre zu Schule gehen.
Dort an der Walmer High School haben Künstler gerade die kargen, grauen Wände mit vielen bunten Bildern verschönert. Viele Schüler schimpften, dass es bei ihnen jetzt aussehe, wie in einem Kindergarten, erzählt Lihleli. Doch sie hat sich die beiden Portraits unter den Malereien herausgesucht, um über die Persönlichkeiten dahinter zu schreiben: Nelson Mandela und Steve Biko. Der eine ist heute weltweit bekannt, der andere wurde mit 30 Jahren in Port Elizabeth zu Tode gefoltert, weil er für die Entstehung des schwarzen Selbstbewusstseins gegen die Apartheid gekämpft hat. „Die stärkste Waffe in der Hand des Unterdrückers ist der Geist der Unterdrückten“, hat Biko gesagt. In seiner Zelle in der Polizeistation des ehemals „weißen“ Teils von Walmer, nur knapp zwei Kilometer entfernt vom Township, haben sie auch ein kleines Portrait an die Wand gemalt. Lihleli war neulich da und hat sich alles angesehen. Sie lebt den Geist des neuen Südafrikas.
(zuerst erschienen in der Neuen Wernigeröder Zeitung)
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Walmer's Own
Dienstag, 22. Februar 2011
Nächster Halt Weltherrschaft (Kauft Walmer’s Own!)

"Wir sind umgezogen", heißt es seit Kurzem bei Walmer's Own. Die Schülerzeitung, an deren Perfektion ich zusammen mit meiner reizenden Kollegin Racheal jeden Donnerstag arbeite, hat jetzt einen eigenen Redaktionsraum mit fünf Computern direkt im Masifunde-Büro-Haus. Dass wir die kargen Baracken der Walmer High School gegen diese schon fast professionelle Heimat eintauschen konnten, verdanken wir übrigens neben einer Reihe weiterer Spender auch den Vorstandsmitgliedern der Deutschen Journalistinnen und Journalisten Union (dju) in ver.di – die haben nämlich ihre alten Fachbuchbestände geschröpft, auf einem Buchbasar geopfert und hinterher eine Schicke Summe für die technische Ausstattung des Schülermagazins überwiesen. Vielen Dank dafür!
Damit auch ihr, verehrte drei Blog-Leser, was von dieser technischen Revolution habt, gibt es Walmer’s Own ab der nächsten Ausgabe auch digital – als E-Paper sozusagen. Für nur einen Euro im Monat auf unser Spendenkonto flattert jede Ausgabe unseres vierteljährlichen Magazins direkt in euren Posteingang, exakt in dem Moment, wenn sie auch in der Druckerei eintrifft. Die Vorteile: Ihr lernt Südafrika aus einer anderen Perspektive kennen und wir können erstens weitermachen und zweitens mehr (subventioniert verkaufte) Hefte drucken, um noch mehr Menschen in Walmer Township zu erreichen. Also, einfach Dauerauftrag über einen Euro einrichten an „Masifunde Bildungsförderung e.V., Spendenkonto: 160 585 6, Bankleitzahl: 509 500 68, Sparkasse Bensheim“ und Abo Walmer’s Own sowie die eigene Emailadresse (wegen Sonderzeichenverbot mit (at) statt @) in den Überweisungszweck schreiben.
Hier und hier stehen für Neugierige übrigens zwei alte Hefte zum Download.
Es dankt
Der große Verleger
PS: In ein paar Tagen bringe ich hier noch eine Geschichte über die Walmer’s Own Chefredakteurin unters Volk. Also weitersagen, der fünfte Leser bekommt einen Blumenstrauß.*
*Selbstabholer
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Samstag, 12. Februar 2011
Wenn ich hier nicht permanent blogge, hat das natürlich – wie könnte es anders sein – meist mit harter Arbeit zu tun, die anderswo ruft. Weil mir das kein Warzenschwein glaubt, versuche ich es jetzt einmal zu dokumentieren.
Symbolbild.
Es ist Donnerstag-Abend. Es könnte der erste Abend in meiner neuen Behausung werden, die ich am Vortag bezogen, aber dann zur Prime-Time doch lieber gegen ein Gemeinschaftsforum mit Filmvorführung zum Thema „Die Rolle der Gemeinschaft beim Klimawandel und der Begrünung unseres Planeten“ eingetauscht hatte. Und auch am zweiten Abend wird es nichts mit Heimlichkeit zwischen den nach wie vor wild umherliegenden Taschen und Koffern. Nachdem ich mir den Morgen mit dem Versand von wohlklingenden Themenvorschlägen vertrieben, unter Mittag mit einem halben Dutzend Verkäufer-Seelen um meine neue Matratze gefeilscht und anschließend im Stammlokal des lokalen ANC-Büros in grober Missachtung des Vorabends eine halbe, gut durch gekochte Kuh und ein dreiviertel Maisfeld verzehrt hatte, war zumindest schon einmal Halbzeit. Nachmittags durfte ich dann meine munter verstreute Schülerzeitungsredaktion auf den Straßen Walmer Townships einsammeln, weil die Lausebengels und -mädels sich nicht eine Woche lang merken können, wo sie sich wann treffen sollen, und sie anschließend in die heilige Halle des neuen Masifunde-Multimedia-Raums einweihen, der ab sofort unser Redaktionszuhause ist.
Nachdem ich nur Stunden vor dem ersten Rammstein-Auftritt in Kapstadt über das mit der Räumlichkeit einhergehende Regelwerk und die neue deutsche Härte referieren konnte, war auch endlich der Masifunde-Bus von der Inspektion zurück und ich konnte ohne das halbe Klassenzimmer auf der Rückbank die Fahrt zum Supermarkt antreten. Die war nötig, weil ich mir meinen nächsten Arbeitsplatz erst noch erkochen musste. Auf dem Programm stand nämlich die sehnsüchtig erwartete Rede zur Lage der Nation, mit der mich der ehrwürdige Staatspräsident Jacob Zuma auf gleich zwei von vier frei verfügbaren Fernsehkanälen begrüßen würde. Das Problem besteht nur darin, dass auch frei verfügbare Sender zum Empfang ein Empfangsgerät voraussetzen. Und weil ich den Besitz eines solchen ob der Qualität eben jener Sender für redundant halte, quartierte ich mich bei einer Kollegin ein – die dafür Wegezoll in Form von Verspeisbarem verlangte.
Als Zuma fertig war, all die ehrenwerten Gäste einzeln zu umschmeicheln und auch die ausländischen Journalisten ausdrücklich begrüßt hatte, waren auch die Nudeln al dente. Irgendwo zwischen all den positiven Programmankündigungen und gut gemeinten Versprechungen (die ich etwas ernsthafter hier niederschrieb) hat mich der Präsident dann allerdings schwer verwirrt. Er lobte sich für den Bau zweier neuer, klimaschonender Kohlekraftwerke, die später einmal dafür sorgen sollen, dass die Zeiten der geplanten, stadtteilweisen Stromabschaltungen am Kap nicht so schnell wiederkehren und die jetzt schon dafür sorgen, dass sich der ANC und einige seiner ehrenwerten Wirtschaftspartner über einen milliardenschweren Weltbank-Kredit so richtig schön die Konten füllen. Das soll ja auch alles so sein, genau dafür haben Biko, Hani und Co ja schließlich ihr Leben gegeben. Aber dann sprach Zuma davon, dass das Fußvolk auch weiterhin Strom sparen müsse, wegen der Umwelt und des ewigen Lichts und sowieso. Und noch ehe ich gehorsam den Fernseher auschalten wollte, sagte er das Unfassbare. Wir sollen tagsüber den Warmwasserboiler abstellen. Schockstarre. Das aus dem Mund eben jenes Mannes, der die heiße Dusche einst unsterblich machte. Für die Zukunft kann es da nur heißen: Aids oder Stromausfall. Für mich hieß es aber zunächst: Lachen unterdrücken, zuhören, mitschreiben. So oder so, das Leben ist hart.
Symbolbild.Es ist Donnerstag-Abend. Es könnte der erste Abend in meiner neuen Behausung werden, die ich am Vortag bezogen, aber dann zur Prime-Time doch lieber gegen ein Gemeinschaftsforum mit Filmvorführung zum Thema „Die Rolle der Gemeinschaft beim Klimawandel und der Begrünung unseres Planeten“ eingetauscht hatte. Und auch am zweiten Abend wird es nichts mit Heimlichkeit zwischen den nach wie vor wild umherliegenden Taschen und Koffern. Nachdem ich mir den Morgen mit dem Versand von wohlklingenden Themenvorschlägen vertrieben, unter Mittag mit einem halben Dutzend Verkäufer-Seelen um meine neue Matratze gefeilscht und anschließend im Stammlokal des lokalen ANC-Büros in grober Missachtung des Vorabends eine halbe, gut durch gekochte Kuh und ein dreiviertel Maisfeld verzehrt hatte, war zumindest schon einmal Halbzeit. Nachmittags durfte ich dann meine munter verstreute Schülerzeitungsredaktion auf den Straßen Walmer Townships einsammeln, weil die Lausebengels und -mädels sich nicht eine Woche lang merken können, wo sie sich wann treffen sollen, und sie anschließend in die heilige Halle des neuen Masifunde-Multimedia-Raums einweihen, der ab sofort unser Redaktionszuhause ist.
Nachdem ich nur Stunden vor dem ersten Rammstein-Auftritt in Kapstadt über das mit der Räumlichkeit einhergehende Regelwerk und die neue deutsche Härte referieren konnte, war auch endlich der Masifunde-Bus von der Inspektion zurück und ich konnte ohne das halbe Klassenzimmer auf der Rückbank die Fahrt zum Supermarkt antreten. Die war nötig, weil ich mir meinen nächsten Arbeitsplatz erst noch erkochen musste. Auf dem Programm stand nämlich die sehnsüchtig erwartete Rede zur Lage der Nation, mit der mich der ehrwürdige Staatspräsident Jacob Zuma auf gleich zwei von vier frei verfügbaren Fernsehkanälen begrüßen würde. Das Problem besteht nur darin, dass auch frei verfügbare Sender zum Empfang ein Empfangsgerät voraussetzen. Und weil ich den Besitz eines solchen ob der Qualität eben jener Sender für redundant halte, quartierte ich mich bei einer Kollegin ein – die dafür Wegezoll in Form von Verspeisbarem verlangte.
Als Zuma fertig war, all die ehrenwerten Gäste einzeln zu umschmeicheln und auch die ausländischen Journalisten ausdrücklich begrüßt hatte, waren auch die Nudeln al dente. Irgendwo zwischen all den positiven Programmankündigungen und gut gemeinten Versprechungen (die ich etwas ernsthafter hier niederschrieb) hat mich der Präsident dann allerdings schwer verwirrt. Er lobte sich für den Bau zweier neuer, klimaschonender Kohlekraftwerke, die später einmal dafür sorgen sollen, dass die Zeiten der geplanten, stadtteilweisen Stromabschaltungen am Kap nicht so schnell wiederkehren und die jetzt schon dafür sorgen, dass sich der ANC und einige seiner ehrenwerten Wirtschaftspartner über einen milliardenschweren Weltbank-Kredit so richtig schön die Konten füllen. Das soll ja auch alles so sein, genau dafür haben Biko, Hani und Co ja schließlich ihr Leben gegeben. Aber dann sprach Zuma davon, dass das Fußvolk auch weiterhin Strom sparen müsse, wegen der Umwelt und des ewigen Lichts und sowieso. Und noch ehe ich gehorsam den Fernseher auschalten wollte, sagte er das Unfassbare. Wir sollen tagsüber den Warmwasserboiler abstellen. Schockstarre. Das aus dem Mund eben jenes Mannes, der die heiße Dusche einst unsterblich machte. Für die Zukunft kann es da nur heißen: Aids oder Stromausfall. Für mich hieß es aber zunächst: Lachen unterdrücken, zuhören, mitschreiben. So oder so, das Leben ist hart.
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Dienstag, 25. Januar 2011
Sie haben keine Wal
Weil ich gerade absolut verdient im Urlaub verweile, gibt es mal wieder etwas Konserven-Kost, vorabgedruckt in der jungen Welt. Südafrika hat nämlich die große Ehre, den netten Konzern Wal-Mart willkommen zu heißen. Die Euphorie hält sich allerdings noch merklich in Grenzen - und das in einem Land, in dem Menschen einst "We love you, Mr. Blatter" auf Plakate schrieben... Hier der Link.
Freitag, 21. Januar 2011
Sonntag im Zoo

Nur einen Zoo gibt es in Südafrika noch. Als ich so durch das schattige Areal unter den herrlich grünen Bäumen in East London wandelte, kam mir der Gedanke, dass das auch gut so ist. Für umgerechnet 2,50 Euro geht’s rein in die Welt der verstörten Affen, Tiger und Wölfe. Sogar drei Schlangen sind hier in Glasboxen von der Größe eines mittleren Fernsehers ausgestellt. Eine kommt aus den Südstaaten der USA, eine ist heimisch und die dritte hat kein Namensschild mehr. Vermutlich handelt es sich um Thabo Mbeki. Kleiner Polit-Joke am Rande…


Die Giraffe erfreut sich neben ein paar Böckchen relativer Lauffreiheit. Man fragt sich lediglich, warum das Tier hier mitten in der Innenstadt, nur einen Katzenwurf von der Haupt-Minibus-Station entfernt, überhaupt ausgestellt wird, wo Giraffen doch auch in der näheren Umgebung in großer Zahl ihre langen Hälse in den Himmel strecken. Doch diese Frage müsste man sich dann auch bei der Kuh stellen, die ein paar Meter weiter neben dem Kamel auf der Wiese steht. Doch das sind Luxusprobleme. Die offensichtlich verhaltensgestörten Paviane haben es da in ihrem verdächtig nach außen verbogenen Käfig schon wesentlich schwerer. Während der Tiger wenigstens noch etwas Platz zum tigern hat und sich das kleine Rudel Wölfe in seinem schlauchförmigen Gehege immerhin auf und ab den obligatorischen Wolf laufen kann, erschloss sich mir nicht, ob das Nil-Krokodil nur zu faul oder in seiner Badewanne einfach des Platzes beraubt war, sich einmal umzudrehen. Ja, so ein Zoo ist schon eine tierfreundliche Einrichtung. Zumindest für die Kaninchen, die überall frei rumliefen und sich sichtlich über die Gefangenen lustig machten.




Man glaubt nun, das Leben der Tiere sei bereits hart genug. Doch weit gefehlt, es gibt ja noch die Zoo-Besucher. Ich habe noch nirgendwo Menschen so schamlos Affen mit Erdnüssen füttern, Giraffen mit Pullovern schlagen oder Raubkatzen mit plötzlichem Klatschen animieren sehen, wie in diesem Innenstadtidyll East Londons. Der Höhepunkt war allerdings die Familie mit drei Kindern, die dem Schimpansen tatsächlich ihre Pepsi zuwarfen. Gut, so konnte er wenigstens zwischen den beiden Marktführern für derlei Brausen wählen, denn Coca Cola war natürlich auch hier schon zuerst vertreten. Zumindest die Besucher haben es also verinnerlicht, das Motto, das die Toten Hosen einst besangen: „Hier sind wir frei, an einem Sonntag im Zoo.“
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Montag, 17. Januar 2011
Schneller ans Ziel

“Wenn du das Lenkrad in die Hand nimmst, bist du schon tot.” Der Satz stammt von dem Mann, der bei Masifunde morgens die Kinder zur Schule bringt und sie nachmittags auch wieder abholt. Vorm Arbeitsbeginn wird im Minibus gebetet. Ob das in erster Linie mit seiner Frommheit oder schierer Angst zu tun hat, ist mir nicht bekannt, aber Mfana hat auch einen guten Rat parat: „Du musst hier immer für die anderen mitfahren und auf alles vorbereitet sein.“ Im Gegensatz zu seinem harschen Einstiegssatz ist das die blanke Realität.
In Südafrika hat vor Kurzem eine Kampagne gegen Alkohol am Steuer für Wirbel gesorgt, die damit kokettierte, dass betrunkenen Fahrern im Knast Vergewaltigungen drohen. Angeblich scheint das wohl auch zu stimmen (ich kann das nicht beurteilen, mein investigatives Rechercheinteresse hat Grenzen), aber die Darstellung von Gefängnisinsassen als triebgesteuerte Monster und die gleichzeitige Duldung der Zustände fanden bei Menschenrechtsorganisationen nicht gerade breite Zustimmung. Dass solche Kampagnen überhaupt nötig sind, liegt zum einen daran, dass Alkohol am Steuer von der breiten Mehrheit wenn nicht gar selbst praktiziert dann zumindest toleriert wird und es immer wieder zu tödlichen Unfällen kommt. Südafrika hatte allein im vergangenen Dezember mehr als ein Viertel der Verkehrstoten, die die Statistik für Deutschland im gesamten Jahr 2009 auswies – bei einer halb so großen Bevölkerungszahl und wesentlich weniger Autos pro Kopf. Da spielen natürlich auch andere Faktoren, wie vor allem verkehrsunsichere Autos und Busse eine wesentliche Rolle, aber der zu tiefe Blick ins Glas hat definitiv seinen Anteil an der schrecklichen Statistik. Das Eastern Cape, die Provinz in der ich lebe, ist trauriger Spitzenreiter und stellte im vergangenen Jahr bei einem Fünftel der Bevölkerung die Hälfte der erwischten Autofahrer. Und das liegt nicht gerade an den strengen Kontrollen, denn wer bei einer Verkehrskontrolle ohne Ausfallerscheinungen seinen Führerschein vorzeigen und den eigenen Namen noch fehlerfrei aussprechen kann, wird im Normalfall gar nicht zum Pusten gebeten.
Als Präventivmaßnahme gibt es daher an den Tankstellen des Landes auch keine alkoholischen Getränke zu kaufen. Selbst Supermärkte bieten lediglich Wein an, den Rest gibt es nur in speziellen Liquor-Stores. Vor diesem Hintergrund hat mich die eingangs abgebildete Geschäftsidee, die ich neulich in der Provinzstadt Queenstown bei der Durchreise an der Hauptstraße sah, dann doch überrascht. Da muss man den Wagen nicht einmal verlassen, um Nachschub zu beschaffen. Na dann Prost.
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Vekehrstote
Dienstag, 4. Januar 2011
Wichtig!
Symbolbild (Dem Frosch ist nichts passiert!)Falls es noch eines Beweises bedurfte, dass das Südafrika-Interesse in Deutschland in letzter Zeit gestiegen ist, Stern.de hat ihn geliefert. Doch lest selbst, welch dramatische Ereignisse sich nur 1000 Kilometer nördlich meiner beschaulichen Heimatstadt Port Elizabeth abspielten. Und sagt nicht, das wäre alles nur Quak.
Ansonsten hätte ich zur allgemeinen Heiterkeit noch eine Sammlung von Touristenbeschwerden anzubieten, die die Kollegen von Sueddeutsche.de bereitstellen.
Ich kann leider weiter nichts beitragen, ich muss weg.
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Freitag, 24. Dezember 2010
Frohes Fest
Nicht was ihr denkt, das aber gerne auch. Doch nun zum Thema: In den vergangenen anderthalb Wochen berichtete ich für die junge Welt aus Tshwane von den Weltjugendfestspielen. Ja, die gibt es noch. In etlichen sozialistischen Ländern wie beispielsweise Venezuela oder Kuba und auch in manchen Ländern, die gern mit sozialistischer Rhetorik kokettieren, wie beispielsweise Südafrika, sind die Weltjugendfestspiele sogar wieder zu ziemlich großer Bedeutung angestiegen.
Nun war – die südafrikanische Presse beschränkte sich in ihrer Berichterstattung nahezu völlig auf diesen Aspekt – bei dieser Veranstaltung nicht immer alles ganz bis ins Detail organisiert. Oder anders ausgedrückt: Die ANC-Jugendliga hat vor geraumer Zeit die ehemals unabhängige, staatliche Jugendentwicklungsagentur NYDA übernommen. Das war insofern praktisch, als dass es bei der NYDA dutzende gut dotierte Jobs gibt, in denen man eigentlich überhaupt nichts machen muss. Außer Sonntagsreden erwartet von diesen Stellen hierzulande sowieso niemand irgendetwas. Besagte NYDA übernahm nun die Organisation der Weltjugendfestspiele, federführend dabei war unter anderem einer ihrer Vorstände, Andile Lungisa, der ansonsten auch als Vize-Präsident der ANC-Jugend fungiert. Ich habe ihn am vierten Konferenztag auch zufällig getroffen, als er mich nach dem Eingang zum Medienzentrum gefragt hat. Man weiß, was man tut…
Die engagierten Organisatoren schafften es, die ersten vier Festivaltage zu mehr als fünfzig Prozent dem eigenen Organisationschaos zu opfern, sie vollbrachten es außerdem, tausende Delegierte tagelang ohne regelmäßiges Essen zu lassen (wenn denn mal eine Lieferung ankam, sicherten Wachleute mit Maschinenpistolen die Ausgabe, damit die lechzende Meute nicht zum Sturm ansetzte) und internationale Delegationen bis zu dreimal die Unterkunft wechseln zu lassen, weil die Planung schlicht non-existent war. Da fällt es schon fast nicht mehr ins Gewicht, dass auch die Shuttle-Busse anfangs oft Stunden zu spät kamen, die Akkreditierungsliste unauffindbar war und Rednerinnen wie Winnie Mandela nicht erschienen, weil niemand sie rechtzeitig eingeladen hatte.
Thematisch wäre vielleicht noch zu erwähnen, dass Seminare wie „Wohnraum als Menschenrecht“ oder „Die Rolle junger Menschen im Kampf gegen Analphabetismus“ komplett ausfielen und Diskussionsrunden über freie Bildung und solidarische Krankenversicherungsmodelle – die angeblich soweit oben auf der ANC-Agenda stehen – ohne Südafrikaner im Podium auskamen. Wenn zu dieser Unfähigkeit gut verdienender Polit-Kader dann noch immer wieder das Freiheitslied über Solomon Mahlangu erklingt, dessen Leben 1979 mit 23 Jahren am Galgen des Apartheid-Regimes endete, weil er für die Gleichberechtigung aller Menschen in seinem Land kämpfen wollte, dann hinterlässt das schon ein sehr unwohles Gefühl in der Magengegend. Zur Ehrrettung der Veranstaltung sei allerdings noch erwähnt, dass die zweite Festspiel-Hälfte wesentlich runder lief, die Seminare teilweise sehr interessant und informativ waren und die informellen Kontakte zwischen den Jugenddelegationen, die sich so global vernetzen, sowieso das wichtigste an einem solchen Festival.
Außerdem will ich ja nicht nur Leid und Übel beklagen, denn nun wendet sich die Geschichte und ein bezauberndes Märchen beginnt:
Eines Abends trug es sich zu, dass eine Gruppe südafrikanischer Delegierter das Medienzentrum stürmte. Die Männer und Frauen gaben an, ihre Führung zu suchen. Die ließ natürlich nur höchst selten dazu herab, sich mit dem Fußvolk zu vermischen und war auch an diesem Abend abwesend. Man muss ja schließlich nicht gleich in Aktionismus verfallen, nur weil man 12000 internationale Gäste eingeladen hat, die gern mehr über die politische Lage des eigenen Landes wissen wollen. Das haben sie auf diese Art und Weise ja schließlich auch selbst bestens herausgefunden. Auf die Frage, was sie denn so auf die Palme brächte, erklärten nun also einige der so aufgebrachten Menschen, dass sie seit Ewigkeiten nichts zu essen bekommen hätten und außerdem die Busse, die sie zu ihrer Unterkunft bringen sollten, nicht aufzufinden sein. Das klang realistisch. Aber es war leider komplett falsch, wie bei der Pressekonferenz am Tag darauf zu erfahren war. Die Jugendlichen seien von der Konferenz so aufgeputscht gewesen, dass sie den Imperialismus gleich hier und jetzt besiegen wollten. Daher der Sturm. Auch das leuchtete mir ein, obwohl es natürlich schade ist, dass die eigentlich beteiligten anscheinend gar nicht wussten, was sie taten. Die Frage ist nur, ob die Jugendliga-Oberen sich bewusst sind, in welcher Rolle sie bei diesem Spiel wären. Halleluja!
Dienstag, 7. Dezember 2010
Von Roten Römern, Soldaten und Warzenschweinrücken
Soso, leicht verspätet nun auch die offizielle Verlautbarung. Ich bin zurück. Zurück in Südafrika und damit auch zurück im Sommer. Diese Nachricht ist allerdings hochgradig unspektakulär, zumal ich hier seitdem – mit Ausnahme eines fiesen Plus‘ an Arbeit – im Wesentlichen nichts anderes gemacht habe, als im Deutschland-Urlaub: Steinpilze sammeln und Angeln.

In Wirklichkeit ist dieser ganze Mythos des freien Korrespondenten ja auch nur vorgeschoben, um meine obsessive Steinpilzsucht über die europäische Saison hinaus zu befriedigen. Der Plan ging nun auf der Südhalbkugel erstmals auf und zwar in einem malerischen Bergdorf mit dem noch malerischeren Namen Hogsback – was übersetzt so viel wie „Warzenschweinrücken“ heißt.
Meine Oma hatte Angst, dass ich ob der Entdeckung hiesiger Steinpilzvorkommen nun gar nicht mehr nach Deutschland käme. In Anbetracht dieser Tagesausbeute sollte sie beruhigt sein...
Pilze sammeln in Südafrika ist allerdings mit anderen Hürden verbunden als in Deutschland. Zwar läuft man in den hiesigen Kiefernplantagen seltener Gefahr von Hundertschaften Cross-Rallye fahrender Jäger über den Haufen gefahren zu werden und auch die fiese Pilzmade hat die Migration gen Süden wohl nicht mitgemacht, doch dafür bevölkern größere Pavian-Gruppen die Wälder und laben sich an den Steinpilz-Stielen. Die Kappen überlassen sie dann der sommerlichen Hitze, auf dass sie schaurig am Waldboden vergammeln. Ein tragisches Bild, an den beiden Tagen auf dem Warzenschweinrücken war ich allerdings oft genug vor den Affen da, sodass es letztendlich für eine ordentliche Portion Steinpilznudeln reichte.
Um meine Diät etwas eiweißreicher zu gestalten, ließ ich mich dann noch vom guten Skipper Jerry in die Geheimnisse des südafrikanischen Hochseeangelns einweihen. Weil Fischer-Kollege Ansgar mehr mit Fische anfüttern beschäftigt war, fanden Beres und ich in Jerry einen hervorragenden Ersatz-Partner für die Aufgabe, die obligatorische Flasche Old Brown Sherry zu leeren. Sonst beißen die Fische nämlich nicht. Das Angeln an sich ist relativ simpel: Man hängt halbe Sardinen an riesigen Haken unter Zuhilfenahme massiver Grundbleie 30 bis 50 Meter in die Tiefe des Indischen Ozeans, wo eine bunte Runde mir bisher größtenteils vollkommen unbekannter Fischarten sich daran macht, den Köder zupfend zu entwenden. Manchmal bleiben sie dabei hängen, was ein Ruckeln an der knüppelgleichen Pilk-Rute in der Hand des Fischenden auslöst.

Profis!

Frag mich keiner, wie das Tier heißt. Es schmeckt jedenfalls gut.
Schwierig wird es erst, wenn der Fisch an Bord ist. Denn ob Roter Römer, Grünäugiger Hai, Daggarad oder Soldat: Die meisten kurios getauften Tiefseegeschöpfe haben irgendwelche fiesen Stacheln oder Giftdrüsen. Jerry konnte das allerdings nicht aus der Ruhe bringen und so gingen wir mit einer Kühltruhe voll Fisch die Heimreise an. Trotz der absolut unspaghettimonsterlichen Abfahrtszeit um 5.30 Uhr schreit dieser Trip nach Wiederholung. Zumal wir angeblich noch viel tollere Fischarten mit mir größtenteils entfallenen Namen verpasst haben. Ich gelobe unterdessen auch wiederholte Aktivität an dieser Stelle.

Hai and bye!

In Wirklichkeit ist dieser ganze Mythos des freien Korrespondenten ja auch nur vorgeschoben, um meine obsessive Steinpilzsucht über die europäische Saison hinaus zu befriedigen. Der Plan ging nun auf der Südhalbkugel erstmals auf und zwar in einem malerischen Bergdorf mit dem noch malerischeren Namen Hogsback – was übersetzt so viel wie „Warzenschweinrücken“ heißt.
Meine Oma hatte Angst, dass ich ob der Entdeckung hiesiger Steinpilzvorkommen nun gar nicht mehr nach Deutschland käme. In Anbetracht dieser Tagesausbeute sollte sie beruhigt sein...Pilze sammeln in Südafrika ist allerdings mit anderen Hürden verbunden als in Deutschland. Zwar läuft man in den hiesigen Kiefernplantagen seltener Gefahr von Hundertschaften Cross-Rallye fahrender Jäger über den Haufen gefahren zu werden und auch die fiese Pilzmade hat die Migration gen Süden wohl nicht mitgemacht, doch dafür bevölkern größere Pavian-Gruppen die Wälder und laben sich an den Steinpilz-Stielen. Die Kappen überlassen sie dann der sommerlichen Hitze, auf dass sie schaurig am Waldboden vergammeln. Ein tragisches Bild, an den beiden Tagen auf dem Warzenschweinrücken war ich allerdings oft genug vor den Affen da, sodass es letztendlich für eine ordentliche Portion Steinpilznudeln reichte.
Um meine Diät etwas eiweißreicher zu gestalten, ließ ich mich dann noch vom guten Skipper Jerry in die Geheimnisse des südafrikanischen Hochseeangelns einweihen. Weil Fischer-Kollege Ansgar mehr mit Fische anfüttern beschäftigt war, fanden Beres und ich in Jerry einen hervorragenden Ersatz-Partner für die Aufgabe, die obligatorische Flasche Old Brown Sherry zu leeren. Sonst beißen die Fische nämlich nicht. Das Angeln an sich ist relativ simpel: Man hängt halbe Sardinen an riesigen Haken unter Zuhilfenahme massiver Grundbleie 30 bis 50 Meter in die Tiefe des Indischen Ozeans, wo eine bunte Runde mir bisher größtenteils vollkommen unbekannter Fischarten sich daran macht, den Köder zupfend zu entwenden. Manchmal bleiben sie dabei hängen, was ein Ruckeln an der knüppelgleichen Pilk-Rute in der Hand des Fischenden auslöst.

Profis!

Frag mich keiner, wie das Tier heißt. Es schmeckt jedenfalls gut.
Schwierig wird es erst, wenn der Fisch an Bord ist. Denn ob Roter Römer, Grünäugiger Hai, Daggarad oder Soldat: Die meisten kurios getauften Tiefseegeschöpfe haben irgendwelche fiesen Stacheln oder Giftdrüsen. Jerry konnte das allerdings nicht aus der Ruhe bringen und so gingen wir mit einer Kühltruhe voll Fisch die Heimreise an. Trotz der absolut unspaghettimonsterlichen Abfahrtszeit um 5.30 Uhr schreit dieser Trip nach Wiederholung. Zumal wir angeblich noch viel tollere Fischarten mit mir größtenteils entfallenen Namen verpasst haben. Ich gelobe unterdessen auch wiederholte Aktivität an dieser Stelle.

Hai and bye!
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Freitag, 8. Oktober 2010
So fern und doch so nah

Es gibt in meinem Leben immer mal Dinge, die mir sehr gut gefallen, die ich aber nur schwer beschreiben kann - geschweige dann mitnehmen. Eine solcher scheinbar untransportablen Wohlfühlgeschichten habe ich neulich gefunden. Ganz unvorbereitet in einer Berliner Dusche: Den Geist von Kapstadt.
Wer ihn riechen, fühlen oder sogar auf der nackten Haut spüren möchte, der kann ihn kaufen. Wem es allerdings reicht, die Kapstädter Lebensart einmal aus der Beobachterperspektive zu sehen, der findet sie hier.
Ich war hin und weg, dann allerdings auch kurz verwirrt. Denn ich dachte bisher immer, der Geist von Kaapstad sei das hier.
Montag, 27. September 2010
Kontrapunkte gegen die graue Suppe

Dass an dieser Stelle schon seit längerer Zeit Funkstille herrschte, liegt vornehmlich daran, dass ich nach Deutschland entschwebt bin. Übrigens mit einem kleinen kostensparenden Umweg über Dubai, wo ich der im Namen versteckten Aufforderung nachkam: I did buy. Mit tollen mittel-östlichen Souvenirs und nachgeordnet auch schierer Anwesenheit konnte ich dann bei meiner Familie punkten, doch wenn ich jetzt das Taschentuch vor der Nase wegnehme und aus dem Fenster schaue, schwant mir, dass der Trip keine ausschließlich weise Entscheidung war.
Ich will aber keineswegs jammern, denn die Tage und Wochen bisher waren wunderbar und es hat ja auch einiges für sich, von seinen Freunden mal wieder mehr als den Facebook-Account zu sehen. Momentan ist mir trotzdem das Gemüt nach einem kräftigen Kontrapunkt gegen die deutsche Witterungsrealität und was böte sich da mehr an, den Reisebericht aus Botsuana endlich einmal nachzureichen. Dort in der trockenen Dornstrauchsavanne haben wir die erste Wolke, die uns nach knapp zwei Wochen begegnete, noch freudig überrascht fotografiert.
Rechts neben dem Sonnenstrahl, knapp über den Bäumchen...
Nur zum Wolkensuchen waren wir allerdings gar nicht da. Es ging eher um Menschen und um Wildnis. Die San sind so ein Beispiel, die zwar kulturhistorisch als die erste Volksgruppe auf dem Gebiet des heutigen Botsuana betrachtet werden, inzwischen aber als Minderheit an den gesellschaftlichen Rand gedrängt ein eher bitteres Dasein fristen. Nun sind – wer hätte es gedacht – auch nicht alle San gleich. Über die, die wir trafen, behauptete eine Broschüre, dass sie auf dem weitläufigen Stück Savanne namens Dqae Qare, das sie ihr Eigen nennen, noch ihrer traditionellen Lebensweise nachgehen können. Elsie, die sympathische, junge Frau, die in dem kleinen Ressort Managerin ist, gibt allerdings offen zu, dass das gar nicht möglich wäre, weil sie das Land nur bekamen, um ein Tourismus-Projekt aufzubauen. Niemand darf hier jagen, wie es die Vorväter taten, niemand sammelt hier noch Beeren und Wurzeln, weil Medizin Tablettenform hat und Essen aus Supermärkten kommt, und kein San lebt in den für die Touristen mit stabilen Holzbetten eingerichteten Grashütten. Trotzdem ist diese kleine Tourismus-Farm ein Hoffnungsschimmer. Die San-Gemeinschaft des nächsten Ortes kann sie selbst verwalten, sich ein Einkommen schaffen und ist nicht gezwungen, sich als billige Arbeitskräfte den Nachfahren der Land-„Besitzer“ anzudienen, die ihnen vor vier, fünf Generationen die Lebensgrundlage raubten. Trotzdem: Kultur und Lebensart der San verblassen so immer weiter. Das bemängelt auch Elsie, aber was solle sie denn machen, es gäbe keine andere Möglichkeit. Die San, die die andere Möglichkeit weiter suchen und sich weigern, ihr Leben im Zentral-Kalahari Nationalpark aufzugeben, der übrigens einst auch ausdrücklich zu ihrem Schutz angelegt worden war, werden von der Zentralregierung in Gaborone gegängelt, schikaniert und nach und nach vertrieben. Ihr nomadisierender Lebensstil wird als rückständig und unzivilisiert beleidigt, die San sollen gezwungen werden, nach den Normen der „Moderne“ zu leben. Man fragt sich, warum eine Regierung sich so viel Stress macht mit ein paar Nomaden, in dieser extrem dünn besiedelten, scheinbar endlosen Weite der Kalahari. Angeblich lagern Diamanten unter dem sandigen Wüstenboden.
Ein paar hundert Kilometer nördlich, im Okavango-Delta, sind solche Probleme unbekannt. Hier hat sich eine Gruppe von Einbaum-Boot-Fahrern zusammengeschlossen, um Touristen das Delta zu zeigen. Sie leiden ein wenig unter der Globalen Finanzkrise, weil deshalb in diesem Jahr weniger Urlauber kamen, erzählt unser Guide, in dessen Dorf Seronga es nur zwei kleine Lädchen, eine Bar und eine Fleischerei gibt, die allerdings während unseres Aufenthalts gerade nicht über Fleisch verfügte. Das lag allerdings nicht an den Lehman Brothers, sondern eher an mangelnder lokaler Nachfrage. Wirklich schlimm hat die Krise Seronga auch gar nicht erwischt, denn wer selbst Vieh hält, seine Maisfelder erfolgreich gegen die Elefanten verteidigt und dazu noch weiß, wie Wasserlilien und Termiten zubereitet und konserviert werden, den haut so schnell nichts um. Selbst die Fische in der Region lassen sich von kühnen Europäern nicht überlisten, wie ich ernüchtert feststellen musste, allerdings hatten sie auch unlautere Hilfe von machohaften Flusspferden, die permanent ihren Revieranspruch über meine Angelplätze untermauern mussten. Um es kurz zu machen: Ich glaube, ich habe es noch nie geschafft, dem Alltag so elegant und allumfassend zu entfliehen, wie in der endlosen Ruhe des Deltas. Trotz der gefühlt 40-köpfigen Gruppe Spanier, die mitten in der Nacht mit ihrem Viva Espana doch lauter waren als die blökenden Flusspferde. Aber dass man vor den Absurditäten der globalisierten Welt auch auf einer unbesiedelten, mit Elefanten-Kot übersäten Insel im Okavango-Delta nicht sicher ist, hatten wir von unserem Bootsmann ja schon aus dessen Erfahrungen mit der Krise gelernt...









PS: Zu dem Tourismus-Projekt im Okavango-Delta schrieb ich bei ZEIT Online.
PPS: Passt gar nicht rein, aber ebenfalls bei ZEIT Online findet sich auch noch ein Artikel über einen deutschen Lehrer in Kapstadt, den ich bisher unterschlagen hatte.
Montag, 19. Juli 2010
Der Traum von einer besseren Welt
Gestern war in Südafrika Mandela-Day, den die UNO jetzt ja sogar international ausgerufen hat. Zum 92. Geburtstag Nelson Mandelas sollte jeder 67 Minuten seiner Zeit spendieren, um etwas Gutes zu tun. Und so wurden für einen Tag Altenheime mit Gutmenschen überflutet und all die vergessenen Menschen des Landes saugten soviel Tee und Aufmerksamkeit in sich herein, wie sonst in einem ganzen Jahr nicht.
Ich habe eine alte Frau im Rollstuhl vor mir über die Straße gelassen. Das ging zwar wesentlich schneller, aber ich muss auch zugeben, dass ich solche Ereignisse kollektiven Moral-Reinwaschens auch nicht für besonders sinnvoll halte. Das hat etwas vom weihnachtlichen Kirchgang. Die Zahl 67 ist ebenso fragwürdig. Der Grund ist nämlich, dass Mandela 67 Jahre seines Lebens darauf verwendet habe, die Welt besser zu machen. Die Kampagne gab es aber schon letztes Jahr, mit der gleichen Zahl an Jahren, angefangen 1942 mit Mandelas erster Menschenrechtskampagne. Hieße also, der alte Herr habe im vergangenen Jahr nichts gemacht. Dabei hat Mandela doch auch kürzlich zumindest die Party der FIFA besser gemacht, einfach durch seine Anwesenheit. Dass er dazu laut Vorwürfen seines Enkels von der Blatter-Mafia gezwungen worden war, wollen wir hier mal nicht weiter erwähnen.
Der Jubel, den Mandela auslöste, indem er vorm WM-Finale in die Menge winkte, zeigte dann auch der ganzen Welt, wie sehr die Südafrikaner ihren Befreiungshelden noch immer anhimmeln. Das Bild ist nicht falsch, aber auch nicht vollständig. Leute, wie der Mittvierziger den ich Anfang März in Orange Farm, einem der ärmsten Townships bei Johannesburg traf, wo seit dem Ende der Apartheid noch nicht einmal fließend Wasser oder eine Kanalisation verlegt worden ist, waren nämlich mutmaßlich nicht im Stadion. Sie konnten Mandela also nicht zuwinken, weil der Eintritt dazu ein paar Monatsgehälter gekostet hätte – wenn sie nicht Mitte der Neunziger eh entlassen worden und seitdem arbeitslos wären. „Mandela hat uns verraten“, sagte der Mann recht bitter. Er sammelt heute Müll, um ihn zu recyclen und sich so über Wasser zu halten. (Die ganze Geschichte hatte ich zwar damals schon einmal verlinkt, aber wer mag, hier geht’s lang.) Der Grund für seine markigen Worte ist das neoliberale Wachstumsprogramm GEAR, das 1996 unter dem Präsidenten Mandela eingeführt wurde, von Wirtschaft und Weltbank viel Lob bekam und mehrere Millionen Arbeitsplätze vernichtete. Mit der Wirtschaft ist damals allerdings auch die Wut vieler Menschen gewachsen, nicht nur in Orange Farm.
Die Sache Mandela allein anzuhängen, wäre aber sicherlich falsch, denn erstens war er bei den wichtigen Verhandlungen über die Metamorphose des Apartheid-Staates noch inhaftiert und dann stellt sich in Südafrika auch immer noch die Frage wer und warum eigentlich ausschlaggebend für das Ende der Apartheid war – und was diese Kräfte dafür haben wollten. Es ist schlicht naiv, zu glauben, Mandela hätte 1996 einfach mal eben sein eigenes Ding durchziehen können, die Freiheits-Charta eins zu eins umsetzen und den modernen Sozialismus implementieren, der sich aus diesem Kern-Dokument des ANC an vielen Stellen erschließt. Das Land und deren Schätze sollen allen Menschen gehören, die auf ihm leben… Nun, die Menschen in Walmer Township leben zu großen Teilen auf einer ehemaligen Müllhalde, aber wir wollen ja nicht zynisch werden.
Mandela nun auf die gescheiterte Armutsbekämpfungen und die gescheiterte soziale Revolution nach der gelungenen anti-rassistischen zu reduzieren, würde diesem großen Mann einfach nicht gerecht werden. Er hat großes vollbracht, sein Leben in den Dienst des Anti-Rassismus gestellt und während der Transitionsphase den Frieden erhalten. Wie Südafrikas Zukunft nun gestaltet wird, kann nicht mehr Mandelas Aufgabe sein, anlässlich seines Geburtstags habe ich mich mit dieser Frage aber auseinander gesetzt. Hier mein Artikel dazu, erschienen gestern im Weser Kurier:
Hoffnung zu Mandelas Geburtstag
Die WM hinterlässt in Südafrika viele Schulden aber auch ein neues Nationalgefühl
Der lauteste Jubel-Sturm brach im Soccer-City-Stadion von Johannesburg am vergangenen Sonntag schon vorm Anpfiff des Fußball-Weltmeisterschafts-Finales aus. „Madiba, Madiba“ erschallte in Sprechchören als Nelson Rolihlahla Mandela in einem offenen Golfwagen eine Runde durch das Stadion drehte und den knapp 85000 Zuschauern zuwinkte. Was wohl kaum einer derer, die den Clan-Namen Mandelas riefen, wusste: Der Mann, der für die Befreiung Südafrikas vom Rassismus 27 Jahre im Gefängnis saß, war nicht ganz freiwillig da. Das behauptet zumindest sein Enkel Mandla Mandela, der dem Weltfußballverband FIFA vorwirft, großen Druck auf seinen Großvater ausgeübt zu haben. Im Vorfeld hatte es Bedenken gegeben, der Auftritt könnte zu anstrengend sein für den alten Mann. Das Spiel verfolgte Mandela dann auch tatsächlich lieber vor dem heimischen Fernseher in Soweto. Dort, im Kreise seiner Familie und etlicher Kinder aus seinem Heimatdorf Qunu feiert er heute auch seinen 92. Geburtstag. Den Mandela-Day, den selbst die UNO erstmals für den 18. Juli international ausgerufen hat, begeht Südafrika fast wie einen Feiertag.
Der Jubel und die Begeisterung für Mandela zeigen, welche Bedeutung der Vater der Nation für Südafrika noch hat und wie sehr sich die Menschen nach seinen rar gewordenen öffentlichen Auftritten sehnen. Die Liebe für den Ex-Präsidenten weist aber auch auf die Unzufriedenheit der Südafrikaner mit der aktuellen Regierung hin, die immerhin die erfolgreiche Weltmeisterschaft organisiert hat. Die vierwöchige Fußball-Party hat am Kap viele Probleme in den Hintergrund gedrängt, lösen konnte sie sie aber freilich nicht. Nun stellt sich – ausgerechnet zu Mandelas Geburtstag – die Frage, was bleibt von dieser WM.
Pravin Gordhan hatte darauf bereits eine Antwort. Gordhan ist südafrikanischer Finanzminister, kein Mann vom Glanze eines Mandelas aber als kühler und solider Zahlen-Experte geschätzt. Um 0,4 Prozent werde die WM das Bruttoinlandsprodukt anheben, rechnet Gordhan vor, abschließende Zahlen hat er aber noch nicht, weil noch Daten aus den Provinzen fehlen.
So banal lassen sich die WM-Auswirkungen aber sowieso nicht beschreiben. Südafrika hat in der globalen Finanzkrise ungefähr eine Million Arbeitsplätze verloren und etliche davon durch die WM-Investitionen wieder auffangen können. Präsident Jacob Zuma wird nicht müde, diesen Fakt zu erwähnen, unterschlägt dabei aber geflissentlich, dass das Gros der Jobs lediglich temporär war. Sobald die Straßen und Stadien fertig waren, mussten auch die Arbeiter gehen. Dieses Spiel von Licht und Schatten zieht sich durch die WM-Bewertung wie ein roter Faden, zu fast jeder positiven Nachricht lässt sich ein Kritikpunkt finden. Viele der monumentalen Stadien beispielsweise – entgegen weitverbreiteter pessimistischer Annahmen lange vor der WM vollendet – drohen zu „Weißen Elefanten“, also Großinvestitionen ohne Nutzen, zu werden. Selbst die ausgebaute Infrastruktur – Straßen, Zuglinien, Flughäfen und Telekommunikationseinrichtungen, die selbstverständlich weit über den finalen Schlusspfiff gebraucht werden – wird den Armen im Lande nichts bringen, weil sie sie nicht nutzen können.
Trotzdem: Mit der erfolgreichen WM-Organisation und –Durchführung hat Südafrika das globale Afrika-Bild verbessert, bei potentiellen Investoren eine eindrucksvolle Bewerbung hinterlegt und wenn man einer kleinen Umfrage des Tourismusministeriums des Western Capes am Kapstädter Flughafen glauben darf, auch die Touristen überzeugt. 66 Prozent der befragten ausländischen Gäste gaben dort an, mit ihren Familien ans Kap zurückkommen zu wollen.
Wenn südafrikanische Medien die umgerechnet vier Milliarden Euro gegenrechnen, die die WM das Land gekostet hat, taucht neben den wirtschaftlichen Folgen aber auch immer das neue Nationalgefühl als wichtigstes WM-Ergebnis auf: Die Südafrikaner sind als Gesellschaft zusammengerückt. „Die WM war für uns eine Anlaufstelle, um zusammenzukommen und stolz zu sein“, beschreibt mit dem Soziologen Udesh Pillay vom Forschungszentrum für Sozialwissenschaften in Durban auch ein renommierter Kritiker der anfangs überschätzten WM-Erwartungen das neue Bewusstsein. Und in der Tat: Wer gesehen hat wie sich in Kneipen, Fan-Parks und im Stadion Menschen aller Hautfarben mit Freudentränen in den Armen lagen, als Siphiwe Tshabalala Südafrika im Eröffnungsspiel gegen Mexiko in Front schoss, weiß, dass die WM in Südafrika nicht nur in Heller und Pfennig bewertet werden kann.
Die Südafrikaner haben der Welt ein freundliches Gesicht der Einigkeit gezeigt und auch nach dem Ausscheiden der eigenen Bafana Bafana noch andere Mannschaften unterstützt. Ghana wurde als letzter afrikanischer Vertreter oft hervorgehoben, doch eigentlich waren gefühlt mindestens ebenso viele Fans in den Farben Englands oder Brasiliens geschminkt.
Umso verstörender waren die Nachrichten am Morgen nach dem Finale. Noch in Nacht des Endspiels hatten sich die Gerüchte von neuen fremdenfeindlichen Ausschreitungen bestätigt, in Kapstädter Townships gab es Überfälle auf afrikanische Ausländer. Polizei-Chef Bheki Cele sah dahinter gewöhnliche Kriminelle, die sich in den Geschäften der Ausländer bedienen wollten, und auch Präsident Zuma spielte das Thema zunächst herunter und rief lediglich dazu auf, die „kriminellen Elemente“ zu isolieren. Obwohl die Regierung einerseits mit der raschen Entsendung von starken Polizei- und Armeekräften Unruhen im Keim erstickte, hält sich die Rhetorik, dass es sich bei den neuerlichen Krawallen nur um selbst-erfüllende Gerüchte handele, beständig weiter.
Das mag im Einzelfall sogar stimmen, aber die Probleme liegen tiefer. Es ist die extrem hohe Arbeitslosigkeit und das Ausbleiben von lange versprochenen sozialen Leistungen, wie Kliniken, Wasser-, Strom- und Kanalisationsanschlüssen oder besserer Schulbildung in den Townships, die die Menschen immer wieder auf die Straße bringen. In manchen Fällen schlägt die Wut dann – Berichten zufolge auch von korrupten Lokal-Politikern gesteuert – auf die Einwanderer nieder. Geht es nach Sozialforscher Pillay müsste die Regierung hier – trotz leerer Kassen – die Dynamik der Weltmeisterschaft nutzen, um die lange versprochenen Verbesserungen der Lebensumstände in den Armenvierteln in die Tat umzusetzen. „Wir haben jetzt diese positive Stimmung im Land, wir haben jetzt den Stolz und das nationale Bewusstsein um diese Herausforderungen anzugehen“, sagt Pillay.
Die Südafrikaner haben während der WM gesehen, zu welchen Leistungen ihre Regierung im Stande sein kann, wenn sie nur will. Der Mandela-Day, so will es übrigens die UNO, soll Menschen weltweit dazu aufrufen, ihre Umwelt mit kleinen Taten ein klein wenig besser zu machen. Der heutige Tag dürfte am Kap daher nicht nur ein inoffizieller Feiertag sondern auch ein Tag der Hoffnung sein.
Ich habe eine alte Frau im Rollstuhl vor mir über die Straße gelassen. Das ging zwar wesentlich schneller, aber ich muss auch zugeben, dass ich solche Ereignisse kollektiven Moral-Reinwaschens auch nicht für besonders sinnvoll halte. Das hat etwas vom weihnachtlichen Kirchgang. Die Zahl 67 ist ebenso fragwürdig. Der Grund ist nämlich, dass Mandela 67 Jahre seines Lebens darauf verwendet habe, die Welt besser zu machen. Die Kampagne gab es aber schon letztes Jahr, mit der gleichen Zahl an Jahren, angefangen 1942 mit Mandelas erster Menschenrechtskampagne. Hieße also, der alte Herr habe im vergangenen Jahr nichts gemacht. Dabei hat Mandela doch auch kürzlich zumindest die Party der FIFA besser gemacht, einfach durch seine Anwesenheit. Dass er dazu laut Vorwürfen seines Enkels von der Blatter-Mafia gezwungen worden war, wollen wir hier mal nicht weiter erwähnen.
Der Jubel, den Mandela auslöste, indem er vorm WM-Finale in die Menge winkte, zeigte dann auch der ganzen Welt, wie sehr die Südafrikaner ihren Befreiungshelden noch immer anhimmeln. Das Bild ist nicht falsch, aber auch nicht vollständig. Leute, wie der Mittvierziger den ich Anfang März in Orange Farm, einem der ärmsten Townships bei Johannesburg traf, wo seit dem Ende der Apartheid noch nicht einmal fließend Wasser oder eine Kanalisation verlegt worden ist, waren nämlich mutmaßlich nicht im Stadion. Sie konnten Mandela also nicht zuwinken, weil der Eintritt dazu ein paar Monatsgehälter gekostet hätte – wenn sie nicht Mitte der Neunziger eh entlassen worden und seitdem arbeitslos wären. „Mandela hat uns verraten“, sagte der Mann recht bitter. Er sammelt heute Müll, um ihn zu recyclen und sich so über Wasser zu halten. (Die ganze Geschichte hatte ich zwar damals schon einmal verlinkt, aber wer mag, hier geht’s lang.) Der Grund für seine markigen Worte ist das neoliberale Wachstumsprogramm GEAR, das 1996 unter dem Präsidenten Mandela eingeführt wurde, von Wirtschaft und Weltbank viel Lob bekam und mehrere Millionen Arbeitsplätze vernichtete. Mit der Wirtschaft ist damals allerdings auch die Wut vieler Menschen gewachsen, nicht nur in Orange Farm.
Die Sache Mandela allein anzuhängen, wäre aber sicherlich falsch, denn erstens war er bei den wichtigen Verhandlungen über die Metamorphose des Apartheid-Staates noch inhaftiert und dann stellt sich in Südafrika auch immer noch die Frage wer und warum eigentlich ausschlaggebend für das Ende der Apartheid war – und was diese Kräfte dafür haben wollten. Es ist schlicht naiv, zu glauben, Mandela hätte 1996 einfach mal eben sein eigenes Ding durchziehen können, die Freiheits-Charta eins zu eins umsetzen und den modernen Sozialismus implementieren, der sich aus diesem Kern-Dokument des ANC an vielen Stellen erschließt. Das Land und deren Schätze sollen allen Menschen gehören, die auf ihm leben… Nun, die Menschen in Walmer Township leben zu großen Teilen auf einer ehemaligen Müllhalde, aber wir wollen ja nicht zynisch werden.
Mandela nun auf die gescheiterte Armutsbekämpfungen und die gescheiterte soziale Revolution nach der gelungenen anti-rassistischen zu reduzieren, würde diesem großen Mann einfach nicht gerecht werden. Er hat großes vollbracht, sein Leben in den Dienst des Anti-Rassismus gestellt und während der Transitionsphase den Frieden erhalten. Wie Südafrikas Zukunft nun gestaltet wird, kann nicht mehr Mandelas Aufgabe sein, anlässlich seines Geburtstags habe ich mich mit dieser Frage aber auseinander gesetzt. Hier mein Artikel dazu, erschienen gestern im Weser Kurier:
Hoffnung zu Mandelas Geburtstag
Die WM hinterlässt in Südafrika viele Schulden aber auch ein neues Nationalgefühl
Der lauteste Jubel-Sturm brach im Soccer-City-Stadion von Johannesburg am vergangenen Sonntag schon vorm Anpfiff des Fußball-Weltmeisterschafts-Finales aus. „Madiba, Madiba“ erschallte in Sprechchören als Nelson Rolihlahla Mandela in einem offenen Golfwagen eine Runde durch das Stadion drehte und den knapp 85000 Zuschauern zuwinkte. Was wohl kaum einer derer, die den Clan-Namen Mandelas riefen, wusste: Der Mann, der für die Befreiung Südafrikas vom Rassismus 27 Jahre im Gefängnis saß, war nicht ganz freiwillig da. Das behauptet zumindest sein Enkel Mandla Mandela, der dem Weltfußballverband FIFA vorwirft, großen Druck auf seinen Großvater ausgeübt zu haben. Im Vorfeld hatte es Bedenken gegeben, der Auftritt könnte zu anstrengend sein für den alten Mann. Das Spiel verfolgte Mandela dann auch tatsächlich lieber vor dem heimischen Fernseher in Soweto. Dort, im Kreise seiner Familie und etlicher Kinder aus seinem Heimatdorf Qunu feiert er heute auch seinen 92. Geburtstag. Den Mandela-Day, den selbst die UNO erstmals für den 18. Juli international ausgerufen hat, begeht Südafrika fast wie einen Feiertag.
Der Jubel und die Begeisterung für Mandela zeigen, welche Bedeutung der Vater der Nation für Südafrika noch hat und wie sehr sich die Menschen nach seinen rar gewordenen öffentlichen Auftritten sehnen. Die Liebe für den Ex-Präsidenten weist aber auch auf die Unzufriedenheit der Südafrikaner mit der aktuellen Regierung hin, die immerhin die erfolgreiche Weltmeisterschaft organisiert hat. Die vierwöchige Fußball-Party hat am Kap viele Probleme in den Hintergrund gedrängt, lösen konnte sie sie aber freilich nicht. Nun stellt sich – ausgerechnet zu Mandelas Geburtstag – die Frage, was bleibt von dieser WM.
Pravin Gordhan hatte darauf bereits eine Antwort. Gordhan ist südafrikanischer Finanzminister, kein Mann vom Glanze eines Mandelas aber als kühler und solider Zahlen-Experte geschätzt. Um 0,4 Prozent werde die WM das Bruttoinlandsprodukt anheben, rechnet Gordhan vor, abschließende Zahlen hat er aber noch nicht, weil noch Daten aus den Provinzen fehlen.
So banal lassen sich die WM-Auswirkungen aber sowieso nicht beschreiben. Südafrika hat in der globalen Finanzkrise ungefähr eine Million Arbeitsplätze verloren und etliche davon durch die WM-Investitionen wieder auffangen können. Präsident Jacob Zuma wird nicht müde, diesen Fakt zu erwähnen, unterschlägt dabei aber geflissentlich, dass das Gros der Jobs lediglich temporär war. Sobald die Straßen und Stadien fertig waren, mussten auch die Arbeiter gehen. Dieses Spiel von Licht und Schatten zieht sich durch die WM-Bewertung wie ein roter Faden, zu fast jeder positiven Nachricht lässt sich ein Kritikpunkt finden. Viele der monumentalen Stadien beispielsweise – entgegen weitverbreiteter pessimistischer Annahmen lange vor der WM vollendet – drohen zu „Weißen Elefanten“, also Großinvestitionen ohne Nutzen, zu werden. Selbst die ausgebaute Infrastruktur – Straßen, Zuglinien, Flughäfen und Telekommunikationseinrichtungen, die selbstverständlich weit über den finalen Schlusspfiff gebraucht werden – wird den Armen im Lande nichts bringen, weil sie sie nicht nutzen können.
Trotzdem: Mit der erfolgreichen WM-Organisation und –Durchführung hat Südafrika das globale Afrika-Bild verbessert, bei potentiellen Investoren eine eindrucksvolle Bewerbung hinterlegt und wenn man einer kleinen Umfrage des Tourismusministeriums des Western Capes am Kapstädter Flughafen glauben darf, auch die Touristen überzeugt. 66 Prozent der befragten ausländischen Gäste gaben dort an, mit ihren Familien ans Kap zurückkommen zu wollen.
Wenn südafrikanische Medien die umgerechnet vier Milliarden Euro gegenrechnen, die die WM das Land gekostet hat, taucht neben den wirtschaftlichen Folgen aber auch immer das neue Nationalgefühl als wichtigstes WM-Ergebnis auf: Die Südafrikaner sind als Gesellschaft zusammengerückt. „Die WM war für uns eine Anlaufstelle, um zusammenzukommen und stolz zu sein“, beschreibt mit dem Soziologen Udesh Pillay vom Forschungszentrum für Sozialwissenschaften in Durban auch ein renommierter Kritiker der anfangs überschätzten WM-Erwartungen das neue Bewusstsein. Und in der Tat: Wer gesehen hat wie sich in Kneipen, Fan-Parks und im Stadion Menschen aller Hautfarben mit Freudentränen in den Armen lagen, als Siphiwe Tshabalala Südafrika im Eröffnungsspiel gegen Mexiko in Front schoss, weiß, dass die WM in Südafrika nicht nur in Heller und Pfennig bewertet werden kann.
Die Südafrikaner haben der Welt ein freundliches Gesicht der Einigkeit gezeigt und auch nach dem Ausscheiden der eigenen Bafana Bafana noch andere Mannschaften unterstützt. Ghana wurde als letzter afrikanischer Vertreter oft hervorgehoben, doch eigentlich waren gefühlt mindestens ebenso viele Fans in den Farben Englands oder Brasiliens geschminkt.
Umso verstörender waren die Nachrichten am Morgen nach dem Finale. Noch in Nacht des Endspiels hatten sich die Gerüchte von neuen fremdenfeindlichen Ausschreitungen bestätigt, in Kapstädter Townships gab es Überfälle auf afrikanische Ausländer. Polizei-Chef Bheki Cele sah dahinter gewöhnliche Kriminelle, die sich in den Geschäften der Ausländer bedienen wollten, und auch Präsident Zuma spielte das Thema zunächst herunter und rief lediglich dazu auf, die „kriminellen Elemente“ zu isolieren. Obwohl die Regierung einerseits mit der raschen Entsendung von starken Polizei- und Armeekräften Unruhen im Keim erstickte, hält sich die Rhetorik, dass es sich bei den neuerlichen Krawallen nur um selbst-erfüllende Gerüchte handele, beständig weiter.
Das mag im Einzelfall sogar stimmen, aber die Probleme liegen tiefer. Es ist die extrem hohe Arbeitslosigkeit und das Ausbleiben von lange versprochenen sozialen Leistungen, wie Kliniken, Wasser-, Strom- und Kanalisationsanschlüssen oder besserer Schulbildung in den Townships, die die Menschen immer wieder auf die Straße bringen. In manchen Fällen schlägt die Wut dann – Berichten zufolge auch von korrupten Lokal-Politikern gesteuert – auf die Einwanderer nieder. Geht es nach Sozialforscher Pillay müsste die Regierung hier – trotz leerer Kassen – die Dynamik der Weltmeisterschaft nutzen, um die lange versprochenen Verbesserungen der Lebensumstände in den Armenvierteln in die Tat umzusetzen. „Wir haben jetzt diese positive Stimmung im Land, wir haben jetzt den Stolz und das nationale Bewusstsein um diese Herausforderungen anzugehen“, sagt Pillay.
Die Südafrikaner haben während der WM gesehen, zu welchen Leistungen ihre Regierung im Stande sein kann, wenn sie nur will. Der Mandela-Day, so will es übrigens die UNO, soll Menschen weltweit dazu aufrufen, ihre Umwelt mit kleinen Taten ein klein wenig besser zu machen. Der heutige Tag dürfte am Kap daher nicht nur ein inoffizieller Feiertag sondern auch ein Tag der Hoffnung sein.
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GEAR,
Mandela,
Mandela-Day,
Orange Farm,
Südafrika
Der Traum von einer besseren Welt
Gestern war in Südafrika Mandela-Day, den die UNO jetzt ja sogar international ausgerufen hat. Zum 92. Geburtstag Nelson Mandelas sollte jeder 67 Minuten seiner Zeit spendieren, um etwas Gutes zu tun. Und so wurden für einen Tag Altenheime mit Gutmenschen überflutet und all die vergessenen Menschen des Landes saugten soviel Tee und Aufmerksamkeit in sich herein, wie sonst in einem ganzen Jahr nicht.
Ich habe eine alte Frau im Rollstuhl vor mir über die Straße gelassen. Das ging zwar wesentlich schneller, aber ich muss auch zugeben, dass ich solche Ereignisse kollektiven Moral-Reinwaschens auch nicht für besonders sinnvoll halte. Das hat etwas vom weihnachtlichen Kirchgang. Die Zahl 67 ist ebenso fragwürdig. Der Grund ist nämlich, dass Mandela 67 Jahre seines Lebens darauf verwendet habe, die Welt besser zu machen. Die Kampagne gab es aber schon letztes Jahr, mit der gleichen Zahl an Jahren, angefangen 1942 mit Mandelas erster Menschenrechtskampagne. Hieße also, der alte Herr habe im vergangenen Jahr nichts gemacht. Dabei hat Mandela doch auch kürzlich zumindest die Party der FIFA besser gemacht, einfach durch seine Anwesenheit. Dass er dazu laut Vorwürfen seines Enkels von der Blatter-Mafia gezwungen worden war, wollen wir hier mal nicht weiter erwähnen.
Der Jubel, den Mandela auslöste, indem er vorm WM-Finale in die Menge winkte, zeigte dann auch der ganzen Welt, wie sehr die Südafrikaner ihren Befreiungshelden noch immer anhimmeln. Das Bild ist nicht falsch, aber auch nicht vollständig. Leute, wie der Mittvierziger den ich Anfang März in Orange Farm, einem der ärmsten Townships bei Johannesburg traf, wo seit dem Ende der Apartheid noch nicht einmal fließend Wasser oder eine Kanalisation verlegt worden ist, waren nämlich mutmaßlich nicht im Stadion. Sie konnten Mandela also nicht zuwinken, weil der Eintritt dazu ein paar Monatsgehälter gekostet hätte – wenn sie nicht Mitte der Neunziger eh entlassen worden und seitdem arbeitslos wären. „Mandela hat uns verraten“, sagte der Mann recht bitter. Er sammelt heute Müll, um ihn zu recyclen und sich so über Wasser zu halten. (Die ganze Geschichte hatte ich zwar damals schon einmal verlinkt, aber wer mag, hier geht’s lang.) Der Grund für seine markigen Worte ist das neoliberale Wachstumsprogramm GEAR, das 1996 unter dem Präsidenten Mandela eingeführt wurde, von Wirtschaft und Weltbank viel Lob bekam und mehrere Millionen Arbeitsplätze vernichtete. Mit der Wirtschaft ist damals allerdings auch die Wut vieler Menschen gewachsen, nicht nur in Orange Farm.
Die Sache Mandela allein anzuhängen, wäre aber sicherlich falsch, denn erstens war er bei den wichtigen Verhandlungen über die Metamorphose des Apartheid-Staates noch inhaftiert und dann stellt sich in Südafrika auch immer noch die Frage wer und warum eigentlich ausschlaggebend für das Ende der Apartheid war – und was diese Kräfte dafür haben wollten. Es ist schlicht naiv, zu glauben, Mandela hätte 1996 einfach mal eben sein eigenes Ding durchziehen können, die Freiheits-Charta eins zu eins umsetzen und den modernen Sozialismus implementieren, der sich aus diesem Kern-Dokument des ANC an vielen Stellen erschließt. Das Land und deren Schätze sollen allen Menschen gehören, die auf ihm leben… Nun, die Menschen in Walmer Township leben zu großen Teilen auf einer ehemaligen Müllhalde, aber wir wollen ja nicht zynisch werden.
Mandela nun auf die gescheiterte Armutsbekämpfungen und die gescheiterte soziale Revolution nach der gelungenen anti-rassistischen zu reduzieren, würde diesem großen Mann einfach nicht gerecht werden. Er hat großes vollbracht, sein Leben in den Dienst des Anti-Rassismus gestellt und während der Transitionsphase den Frieden erhalten. Wie Südafrikas Zukunft nun gestaltet wird, kann nicht mehr Mandelas Aufgabe sein, anlässlich seines Geburtstags habe ich mich mit dieser Frage aber auseinander gesetzt. Hier mein Artikel dazu, erschienen gestern im Weser Kurier:
Hoffnung zu Mandelas Geburtstag
Die WM hinterlässt in Südafrika viele Schulden aber auch ein neues Nationalgefühl
Der lauteste Jubel-Sturm brach im Soccer-City-Stadion von Johannesburg am vergangenen Sonntag schon vorm Anpfiff des Fußball-Weltmeisterschafts-Finales aus. „Madiba, Madiba“ erschallte in Sprechchören als Nelson Rolihlahla Mandela in einem offenen Golfwagen eine Runde durch das Stadion drehte und den knapp 85000 Zuschauern zuwinkte. Was wohl kaum einer derer, die den Clan-Namen Mandelas riefen, wusste: Der Mann, der für die Befreiung Südafrikas vom Rassismus 27 Jahre im Gefängnis saß, war nicht ganz freiwillig da. Das behauptet zumindest sein Enkel Mandla Mandela, der dem Weltfußballverband FIFA vorwirft, großen Druck auf seinen Großvater ausgeübt zu haben. Im Vorfeld hatte es Bedenken gegeben, der Auftritt könnte zu anstrengend sein für den alten Mann. Das Spiel verfolgte Mandela dann auch tatsächlich lieber vor dem heimischen Fernseher in Soweto. Dort, im Kreise seiner Familie und etlicher Kinder aus seinem Heimatdorf Qunu feiert er heute auch seinen 92. Geburtstag. Den Mandela-Day, den selbst die UNO erstmals für den 18. Juli international ausgerufen hat, begeht Südafrika fast wie einen Feiertag.
Der Jubel und die Begeisterung für Mandela zeigen, welche Bedeutung der Vater der Nation für Südafrika noch hat und wie sehr sich die Menschen nach seinen rar gewordenen öffentlichen Auftritten sehnen. Die Liebe für den Ex-Präsidenten weist aber auch auf die Unzufriedenheit der Südafrikaner mit der aktuellen Regierung hin, die immerhin die erfolgreiche Weltmeisterschaft organisiert hat. Die vierwöchige Fußball-Party hat am Kap viele Probleme in den Hintergrund gedrängt, lösen konnte sie sie aber freilich nicht. Nun stellt sich – ausgerechnet zu Mandelas Geburtstag – die Frage, was bleibt von dieser WM.
Pravin Gordhan hatte darauf bereits eine Antwort. Gordhan ist südafrikanischer Finanzminister, kein Mann vom Glanze eines Mandelas aber als kühler und solider Zahlen-Experte geschätzt. Um 0,4 Prozent werde die WM das Bruttoinlandsprodukt anheben, rechnet Gordhan vor, abschließende Zahlen hat er aber noch nicht, weil noch Daten aus den Provinzen fehlen.
So banal lassen sich die WM-Auswirkungen aber sowieso nicht beschreiben. Südafrika hat in der globalen Finanzkrise ungefähr eine Million Arbeitsplätze verloren und etliche davon durch die WM-Investitionen wieder auffangen können. Präsident Jacob Zuma wird nicht müde, diesen Fakt zu erwähnen, unterschlägt dabei aber geflissentlich, dass das Gros der Jobs lediglich temporär war. Sobald die Straßen und Stadien fertig waren, mussten auch die Arbeiter gehen. Dieses Spiel von Licht und Schatten zieht sich durch die WM-Bewertung wie ein roter Faden, zu fast jeder positiven Nachricht lässt sich ein Kritikpunkt finden. Viele der monumentalen Stadien beispielsweise – entgegen weitverbreiteter pessimistischer Annahmen lange vor WM der vollendet – drohen zu „Weißen Elefanten“, also Großinvestitionen ohne Nutzen, zu werden. Selbst die ausgebaute Infrastruktur – Straßen, Zuglinien, Flughäfen und Telekommunikationseinrichtungen, die selbstverständlich weit über den finalen Schlusspfiff gebraucht werden – wird den Armen im Lande nichts bringen, weil sie sie nicht nutzen können.
Trotzdem: Mit der erfolgreichen WM-Organisation und –Durchführung hat Südafrika das globale Afrika-Bild verbessert, bei potentiellen Investoren eine eindrucksvolle Bewerbung hinterlegt und wenn man einer kleinen Umfrage des Tourismusministeriums des Western Capes am Kapstädter Flughafen glauben darf, auch die Touristen überzeugt. 66 Prozent der befragten ausländischen Gäste gaben dort an, mit ihren Familien ans Kap zurückkommen zu wollen.
Wenn südafrikanische Medien die umgerechnet vier Milliarden Euro gegenrechnen, die die WM das Land gekostet hat, taucht neben den wirtschaftlichen Folgen aber auch immer das neue Nationalgefühl als wichtigstes WM-Ergebnis auf: Die Südafrikaner sind als Gesellschaft zusammengerückt. „Die WM war für uns eine Anlaufstelle, um zusammenzukommen und stolz zu sein“, beschreibt mit dem Soziologen Udesh Pillay vom Forschungszentrum für Sozialwissenschaften in Durban auch ein renommierter Kritiker der anfangs überschätzten WM-Erwartungen das neue Bewusstsein. Und in der Tat: Wer gesehen hat wie sich in Kneipen, Fan-Parks und im Stadion Menschen aller Hautfarben mit Freudentränen in den Armen lagen, als Siphiwe Tshabalala Südafrika im Eröffnungsspiel gegen Mexiko in Front schoss, weiß, dass die WM in Südafrika nicht nur in Heller und Pfennig bewertet werden kann.
Die Südafrikaner haben der Welt ein freundliches Gesicht der Einigkeit gezeigt und auch nach dem Ausscheiden der eigenen Bafana Bafana noch andere Mannschaften unterstützt. Ghana wurde als letzter afrikanischer Vertreter oft hervorgehoben, doch eigentlich waren gefühlt mindestens ebenso viele Fans in den Farben Englands oder Brasiliens geschminkt.
Umso verstörender waren die Nachrichten am Morgen nach dem Finale. Noch in Nacht des Endspiels hatten sich die Gerüchte von neuen fremdenfeindlichen Ausschreitungen bestätigt, in Kapstädter Townships gab es Überfälle auf afrikanische Ausländer. Polizei-Chef Bheki Cele sah dahinter gewöhnliche Kriminelle, die sich in den Geschäften der Ausländer bedienen wollten, und auch Präsident Zuma spielte das Thema zunächst herunter und rief lediglich dazu auf, die „kriminellen Elemente“ zu isolieren. Obwohl die Regierung einerseits mit der raschen Entsendung von starken Polizei- und Armeekräften Unruhen im Keim erstickte, hält sich die Rhetorik, dass es sich bei den neuerlichen Krawallen nur um selbst-erfüllende Gerüchte handele, beständig weiter.
Das mag im Einzelfall sogar stimmen, aber die Probleme liegen tiefer. Es ist die extrem hohe Arbeitslosigkeit und das Ausbleiben von lange versprochenen sozialen Leistungen, wie Kliniken, Wasser-, Strom- und Kanalisationsanschlüssen oder besserer Schulbildung in den Townships, die die Menschen immer wieder auf die Straße bringen. In manchen Fällen schlägt die Wut dann – Berichten zufolge auch von korrupten Lokal-Politikern gesteuert – auf die Einwanderer nieder. Geht es nach Sozialforscher Pillay müsste die Regierung hier – trotz leerer Kassen – die Dynamik der Weltmeisterschaft nutzen, um die lange versprochenen Verbesserungen der Lebensumstände in den Armenvierteln in die Tat umzusetzen. „Wir haben jetzt diese positive Stimmung im Land, wir haben jetzt den Stolz und das nationale Bewusstsein um diese Herausforderungen anzugehen“, sagt Pillay.
Die Südafrikaner haben während der WM gesehen, zu welchen Leistungen ihre Regierung im Stande sein kann, wenn sie nur will. Der Mandela-Day, so will es übrigens die UNO, soll Menschen weltweit dazu aufrufen, ihre Umwelt mit kleinen Taten ein klein wenig besser zu machen. Der heutige Tag dürfte am Kap daher nicht nur ein inoffizieller Feiertag sondern auch ein Tag der Hoffnung sein.
Ich habe eine alte Frau im Rollstuhl vor mir über die Straße gelassen. Das ging zwar wesentlich schneller, aber ich muss auch zugeben, dass ich solche Ereignisse kollektiven Moral-Reinwaschens auch nicht für besonders sinnvoll halte. Das hat etwas vom weihnachtlichen Kirchgang. Die Zahl 67 ist ebenso fragwürdig. Der Grund ist nämlich, dass Mandela 67 Jahre seines Lebens darauf verwendet habe, die Welt besser zu machen. Die Kampagne gab es aber schon letztes Jahr, mit der gleichen Zahl an Jahren, angefangen 1942 mit Mandelas erster Menschenrechtskampagne. Hieße also, der alte Herr habe im vergangenen Jahr nichts gemacht. Dabei hat Mandela doch auch kürzlich zumindest die Party der FIFA besser gemacht, einfach durch seine Anwesenheit. Dass er dazu laut Vorwürfen seines Enkels von der Blatter-Mafia gezwungen worden war, wollen wir hier mal nicht weiter erwähnen.
Der Jubel, den Mandela auslöste, indem er vorm WM-Finale in die Menge winkte, zeigte dann auch der ganzen Welt, wie sehr die Südafrikaner ihren Befreiungshelden noch immer anhimmeln. Das Bild ist nicht falsch, aber auch nicht vollständig. Leute, wie der Mittvierziger den ich Anfang März in Orange Farm, einem der ärmsten Townships bei Johannesburg traf, wo seit dem Ende der Apartheid noch nicht einmal fließend Wasser oder eine Kanalisation verlegt worden ist, waren nämlich mutmaßlich nicht im Stadion. Sie konnten Mandela also nicht zuwinken, weil der Eintritt dazu ein paar Monatsgehälter gekostet hätte – wenn sie nicht Mitte der Neunziger eh entlassen worden und seitdem arbeitslos wären. „Mandela hat uns verraten“, sagte der Mann recht bitter. Er sammelt heute Müll, um ihn zu recyclen und sich so über Wasser zu halten. (Die ganze Geschichte hatte ich zwar damals schon einmal verlinkt, aber wer mag, hier geht’s lang.) Der Grund für seine markigen Worte ist das neoliberale Wachstumsprogramm GEAR, das 1996 unter dem Präsidenten Mandela eingeführt wurde, von Wirtschaft und Weltbank viel Lob bekam und mehrere Millionen Arbeitsplätze vernichtete. Mit der Wirtschaft ist damals allerdings auch die Wut vieler Menschen gewachsen, nicht nur in Orange Farm.
Die Sache Mandela allein anzuhängen, wäre aber sicherlich falsch, denn erstens war er bei den wichtigen Verhandlungen über die Metamorphose des Apartheid-Staates noch inhaftiert und dann stellt sich in Südafrika auch immer noch die Frage wer und warum eigentlich ausschlaggebend für das Ende der Apartheid war – und was diese Kräfte dafür haben wollten. Es ist schlicht naiv, zu glauben, Mandela hätte 1996 einfach mal eben sein eigenes Ding durchziehen können, die Freiheits-Charta eins zu eins umsetzen und den modernen Sozialismus implementieren, der sich aus diesem Kern-Dokument des ANC an vielen Stellen erschließt. Das Land und deren Schätze sollen allen Menschen gehören, die auf ihm leben… Nun, die Menschen in Walmer Township leben zu großen Teilen auf einer ehemaligen Müllhalde, aber wir wollen ja nicht zynisch werden.
Mandela nun auf die gescheiterte Armutsbekämpfungen und die gescheiterte soziale Revolution nach der gelungenen anti-rassistischen zu reduzieren, würde diesem großen Mann einfach nicht gerecht werden. Er hat großes vollbracht, sein Leben in den Dienst des Anti-Rassismus gestellt und während der Transitionsphase den Frieden erhalten. Wie Südafrikas Zukunft nun gestaltet wird, kann nicht mehr Mandelas Aufgabe sein, anlässlich seines Geburtstags habe ich mich mit dieser Frage aber auseinander gesetzt. Hier mein Artikel dazu, erschienen gestern im Weser Kurier:
Hoffnung zu Mandelas Geburtstag
Die WM hinterlässt in Südafrika viele Schulden aber auch ein neues Nationalgefühl
Der lauteste Jubel-Sturm brach im Soccer-City-Stadion von Johannesburg am vergangenen Sonntag schon vorm Anpfiff des Fußball-Weltmeisterschafts-Finales aus. „Madiba, Madiba“ erschallte in Sprechchören als Nelson Rolihlahla Mandela in einem offenen Golfwagen eine Runde durch das Stadion drehte und den knapp 85000 Zuschauern zuwinkte. Was wohl kaum einer derer, die den Clan-Namen Mandelas riefen, wusste: Der Mann, der für die Befreiung Südafrikas vom Rassismus 27 Jahre im Gefängnis saß, war nicht ganz freiwillig da. Das behauptet zumindest sein Enkel Mandla Mandela, der dem Weltfußballverband FIFA vorwirft, großen Druck auf seinen Großvater ausgeübt zu haben. Im Vorfeld hatte es Bedenken gegeben, der Auftritt könnte zu anstrengend sein für den alten Mann. Das Spiel verfolgte Mandela dann auch tatsächlich lieber vor dem heimischen Fernseher in Soweto. Dort, im Kreise seiner Familie und etlicher Kinder aus seinem Heimatdorf Qunu feiert er heute auch seinen 92. Geburtstag. Den Mandela-Day, den selbst die UNO erstmals für den 18. Juli international ausgerufen hat, begeht Südafrika fast wie einen Feiertag.
Der Jubel und die Begeisterung für Mandela zeigen, welche Bedeutung der Vater der Nation für Südafrika noch hat und wie sehr sich die Menschen nach seinen rar gewordenen öffentlichen Auftritten sehnen. Die Liebe für den Ex-Präsidenten weist aber auch auf die Unzufriedenheit der Südafrikaner mit der aktuellen Regierung hin, die immerhin die erfolgreiche Weltmeisterschaft organisiert hat. Die vierwöchige Fußball-Party hat am Kap viele Probleme in den Hintergrund gedrängt, lösen konnte sie sie aber freilich nicht. Nun stellt sich – ausgerechnet zu Mandelas Geburtstag – die Frage, was bleibt von dieser WM.
Pravin Gordhan hatte darauf bereits eine Antwort. Gordhan ist südafrikanischer Finanzminister, kein Mann vom Glanze eines Mandelas aber als kühler und solider Zahlen-Experte geschätzt. Um 0,4 Prozent werde die WM das Bruttoinlandsprodukt anheben, rechnet Gordhan vor, abschließende Zahlen hat er aber noch nicht, weil noch Daten aus den Provinzen fehlen.
So banal lassen sich die WM-Auswirkungen aber sowieso nicht beschreiben. Südafrika hat in der globalen Finanzkrise ungefähr eine Million Arbeitsplätze verloren und etliche davon durch die WM-Investitionen wieder auffangen können. Präsident Jacob Zuma wird nicht müde, diesen Fakt zu erwähnen, unterschlägt dabei aber geflissentlich, dass das Gros der Jobs lediglich temporär war. Sobald die Straßen und Stadien fertig waren, mussten auch die Arbeiter gehen. Dieses Spiel von Licht und Schatten zieht sich durch die WM-Bewertung wie ein roter Faden, zu fast jeder positiven Nachricht lässt sich ein Kritikpunkt finden. Viele der monumentalen Stadien beispielsweise – entgegen weitverbreiteter pessimistischer Annahmen lange vor WM der vollendet – drohen zu „Weißen Elefanten“, also Großinvestitionen ohne Nutzen, zu werden. Selbst die ausgebaute Infrastruktur – Straßen, Zuglinien, Flughäfen und Telekommunikationseinrichtungen, die selbstverständlich weit über den finalen Schlusspfiff gebraucht werden – wird den Armen im Lande nichts bringen, weil sie sie nicht nutzen können.
Trotzdem: Mit der erfolgreichen WM-Organisation und –Durchführung hat Südafrika das globale Afrika-Bild verbessert, bei potentiellen Investoren eine eindrucksvolle Bewerbung hinterlegt und wenn man einer kleinen Umfrage des Tourismusministeriums des Western Capes am Kapstädter Flughafen glauben darf, auch die Touristen überzeugt. 66 Prozent der befragten ausländischen Gäste gaben dort an, mit ihren Familien ans Kap zurückkommen zu wollen.
Wenn südafrikanische Medien die umgerechnet vier Milliarden Euro gegenrechnen, die die WM das Land gekostet hat, taucht neben den wirtschaftlichen Folgen aber auch immer das neue Nationalgefühl als wichtigstes WM-Ergebnis auf: Die Südafrikaner sind als Gesellschaft zusammengerückt. „Die WM war für uns eine Anlaufstelle, um zusammenzukommen und stolz zu sein“, beschreibt mit dem Soziologen Udesh Pillay vom Forschungszentrum für Sozialwissenschaften in Durban auch ein renommierter Kritiker der anfangs überschätzten WM-Erwartungen das neue Bewusstsein. Und in der Tat: Wer gesehen hat wie sich in Kneipen, Fan-Parks und im Stadion Menschen aller Hautfarben mit Freudentränen in den Armen lagen, als Siphiwe Tshabalala Südafrika im Eröffnungsspiel gegen Mexiko in Front schoss, weiß, dass die WM in Südafrika nicht nur in Heller und Pfennig bewertet werden kann.
Die Südafrikaner haben der Welt ein freundliches Gesicht der Einigkeit gezeigt und auch nach dem Ausscheiden der eigenen Bafana Bafana noch andere Mannschaften unterstützt. Ghana wurde als letzter afrikanischer Vertreter oft hervorgehoben, doch eigentlich waren gefühlt mindestens ebenso viele Fans in den Farben Englands oder Brasiliens geschminkt.
Umso verstörender waren die Nachrichten am Morgen nach dem Finale. Noch in Nacht des Endspiels hatten sich die Gerüchte von neuen fremdenfeindlichen Ausschreitungen bestätigt, in Kapstädter Townships gab es Überfälle auf afrikanische Ausländer. Polizei-Chef Bheki Cele sah dahinter gewöhnliche Kriminelle, die sich in den Geschäften der Ausländer bedienen wollten, und auch Präsident Zuma spielte das Thema zunächst herunter und rief lediglich dazu auf, die „kriminellen Elemente“ zu isolieren. Obwohl die Regierung einerseits mit der raschen Entsendung von starken Polizei- und Armeekräften Unruhen im Keim erstickte, hält sich die Rhetorik, dass es sich bei den neuerlichen Krawallen nur um selbst-erfüllende Gerüchte handele, beständig weiter.
Das mag im Einzelfall sogar stimmen, aber die Probleme liegen tiefer. Es ist die extrem hohe Arbeitslosigkeit und das Ausbleiben von lange versprochenen sozialen Leistungen, wie Kliniken, Wasser-, Strom- und Kanalisationsanschlüssen oder besserer Schulbildung in den Townships, die die Menschen immer wieder auf die Straße bringen. In manchen Fällen schlägt die Wut dann – Berichten zufolge auch von korrupten Lokal-Politikern gesteuert – auf die Einwanderer nieder. Geht es nach Sozialforscher Pillay müsste die Regierung hier – trotz leerer Kassen – die Dynamik der Weltmeisterschaft nutzen, um die lange versprochenen Verbesserungen der Lebensumstände in den Armenvierteln in die Tat umzusetzen. „Wir haben jetzt diese positive Stimmung im Land, wir haben jetzt den Stolz und das nationale Bewusstsein um diese Herausforderungen anzugehen“, sagt Pillay.
Die Südafrikaner haben während der WM gesehen, zu welchen Leistungen ihre Regierung im Stande sein kann, wenn sie nur will. Der Mandela-Day, so will es übrigens die UNO, soll Menschen weltweit dazu aufrufen, ihre Umwelt mit kleinen Taten ein klein wenig besser zu machen. Der heutige Tag dürfte am Kap daher nicht nur ein inoffizieller Feiertag sondern auch ein Tag der Hoffnung sein.
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Mandela-Day,
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Südafrika
Freitag, 16. Juli 2010
Lesestoff zum Wegträumen
Es ist zwar schon etwas her, aber ich habe hier bisher noch einen Artikel vorenthalten, den es online leider nicht gab. Weil es allerdings ein Reisethema war und das Ziel gerade jetzt im südafrikanischen Winter – der dort extrem mild ausfällt – seinen vollen Reiz entfaltet, schiebe ich es jetzt mal nach:

Südafrika aus der dörflichen Perspektive
Die Transkei-Siedlung Nqileni an der Wildcoast lockt mit unberührter Natur und aufgeschlossenen Bewohnern
Der Blick hinunter ins Tal des
Bulungula-Flusses ist wie eine Erlösung.
Nach zweieinhalb Stunden auf holprigen
Staubstraßen ist die gleichnamige Lodge
hier erstmals in Sichtweite – und nur noch
eine einstündige Wanderung entfernt.
„Das Paradies ist per Definition schwer zu
erreichen!“, lässt die Website der Herberge
direkt am Indischen Ozean mit einem
Augenzwinkern wissen.
In der Tat: Bulungula ist vermutlich das
am weitesten von moderner Infrastruktur
abgelegene Feriendomizil Südafrikas.
Doch längst nicht nur das macht es so besonders.
„Ihre Türen brauchen Sie nicht abzuschließen,
denn es gibt hier keine Kriminalität“,
sagt die Lodge-Leiterin Liesl Benjamin
den Gästen auf der Begrüßungstour. In
Südafrika klingt das zunächst wie ein
schlechter Witz, doch hier in Nqileni ist es
wahr. Schon das Gepäck lassen die Urlauber
am Parkplatz in einer offenen Rundhütte
zurück, der Jeep der Lodge bringt es
am späten Nachmittag nach. Wer nicht
wandern mag, kann auch mitfahren. Eine
Pkw-Straße zur Lodge gibt es nicht.
Die Herberge hält noch weitere Überraschungen
parat. Der Strom wird mit einer
Solaranlage erzeugt und warmes Wasser
strömt nur aus den so genannten Raketenduschen
– der aufgefangene Regen wird in
dieser abenteuerlichen Konstruktion durch
eine Stahlröhre geleitet, an deren unterem
Ende ein Paraffinfeuer für die nötige Erwärmung
sorgt.
Die Unterkünfte bestehen aus stabilen
Safari-Zelten und zehn traditionellen Rundhütten
mit Reetdach, wie sie auch in den
Dörfern ringsum überall zu finden sind.
Das Mobiliar beschränkt sich auf ein bequemes
Doppelbett und einen an zwei Seilen
aufgehängten Stock, der als Handtuchhalter
dient. Luxus gibt es hier tief im Eastern
Cape nicht – dafür aber ein weitgehend unverfälschtes
Kennenlernen der Xhosa-Gemeinschaft.
„Natürlich hat die Bulungula Lodge einen
großen kulturellen Einfluss auf die
Dorfgemeinschaft“, stellt Benjamin mit
Blick auf die Gäste aus aller Welt klar.
„Man kann keine große Glaskuppel haben,
zu der die Leute dann hingehen und
schauen, wie die Einheimischen leben.“ Im
Gegenteil: Das Zusammentreffen von Touristen
und Einheimischen ist gewollter Bestandteil
des Konzepts der Fair Trade akkreditierten
Herberge. Zäune gibt es nur,
um die Ziegen von den frisch gepflanzten
Büschen und Bäumchen rund um die
Lodge fernzuhalten.
Gemeinsam am Lagerfeuer
Am Lagerfeuer sitzen die Menschen aus
Nqileni mit den Urlaubern zusammen,
auch der große Aufenthaltsraum im Haupthaus
wird von allen gemeinsam genutzt.
Die Einheimischen profitieren von der
Lodge. Der Dorfgemeinschaft gehören 40
Prozent des Unternehmens, von den Gewinnen
haben sie bereits einen Traktor angeschafft
und einen Kindergarten mit Vorschule
aufgebaut. Insgesamt 50 Arbeitsplätze
sind in Nqileni und Umgebung
durch den Tourismus entstanden.
Die 23-jährige Khunjulwa Palamenti hat
so einen Weg gefunden, ihre Familie zu unterstützen.
Die Gästeführerin lädt zu einem
Rundgang durch ihr Dorf ein, erklärt Geschichte
und Kultur und übersetzt bei den
Gesprächen mit den Einheimischen. Die im
ländlichen Eastern Cape ansässigen Xhosa
sprechen fast ausschließlich ihre gleichnamige
Muttersprache. Seit Kurzem begleitet
Palamenti die Gäste auch als Übersetzerin
auf der Tour mit dem Sangoma, einem der
in Südafrika noch weit verbreiteten Naturheiler.
Melidinga Mdoseni streift dann mit der
Gruppe durch den Qane-Urwald und erzählt
von der Heilwirkung der verschiedenen
Borken, Blätter und Wurzeln. Glaubt
man ihm, ist gegen jedes Leid ein Kraut gewachsen,
selbst gegen gewalttätige Ehemänner
hat er einen Baumrindentee im Angebot.
Doch auch wer eher der Schulmedizin
vertraut, kommt auf seine Kosten, wenn
der 56-Jährige in seinem grünen Heiler-
Overall die Fauna erklärt, frisch vom Baum
geschälte Borke zum Zähneputzen verteilt
oder plötzlich mitten im Urwald eine einem
Rettich ähnelnde Wurzel ausgräbt und in
Stücke gehackt seiner zögerlichen Kundschaft
zum Verzehr anbietet.
Da Kriminalität in und um Nqileni keine
Rolle spielt, kann man auch auf eigene
Faust endlos über die grünen Hügel, durch
die verbliebenen Urwälder und entlang
der faszinierenden Küste wandern. Die Lagune
direkt vor der Lodge, in der der Bulungula-
Fluss langsam in den Ozean mündet,
lädt zudem zu Kanu-Touren ein, auch auf
dem Pferderücken lässt sich die Gegend
hervorragend erkunden und wer mag,
kann einen Tag mit den Frauen der Dorfgemeinschaft
verbringen und lernen, aus
Lehm Steine für die Rundhütten zu fertigen
oder Umqombothi, ein Mais-Bier, zu
brauen.
Pilsener und Lager gibt es dagegen an
der Lodge-Bar, die auch drei erschwingliche
warme Mahlzeiten pro Tag anbietet.
Selbstversorger müssen ihr Essen mitbringen,
einen Einkaufsmarkt gibt es nicht,
aber im Meer kann man sich an Langusten,
Krabben, Austern und Fischen bedienen,
die abends selbst am Lagerfeuer gegrillt
werden können. Wer beim Beutezug nicht
allein sein will, kann auch hier auf die Erfahrung
eines Guides zurückgreifen.
Das Konzept geht auf. „Unsere Gäste
kommen wegen der kulturellen Erfahrungen
und wegen der traumhaften Lage“, berichtet
Benjamin. Fernab des Haupt-Touristenstroms
versucht sich die gastfreundliche
Dorfgemeinschaft mit Hilfe der Urlauber
weiterzuentwickeln. Als Hintergrund dient
eine touristisch unberührte Traumlandschaft.
Ganzjährig Badetemperaturen
Das Wasser ist ganzjährig warm und selbst
im südafrikanischen Winter von Mai bis
September ist es meist 20 bis 25 Grad warm
und in der Regel sonnig. Das ländliche Eastern Cape
hat etwas von der Klischee-Vorstellung
des traditionellen Afrikas. Kein
Strommast stört das Panoramabild, kein
Lichtsmog macht die Sternschnuppen unsichtbar
und kein Straßenlärm kann die
Idylle stören. Wenn es Krach gibt, dann
sind es entweder Kühe, Esel oder Hühner.
Nqileni ist ein armes Dorf, aber es hat seinen
eigenen Rhythmus, der den Ort paradiesisch
anmuten lässt. Ein Eindruck, der
spätestens dann zum Wiederkehren verleitet,
wenn man wieder in das normale Südafrika
und den hektischen Verkehr auf der
Fernstraße N2 einbiegt.
Buchungen unter Tel. 0027-(0)47-577 89 00.
Doppelzimmer ab umgerechnet 26 Euro), Einzelbett
im Gemeinschaftsschlafraum 11 Euro.
Anreise: Der nächste Flughafen ist das drei Autostunden
entfernte Umthatha. Von dort per Shuttlebus
zur Lodge
Informationen im Internet:
www.bulungula.com
Der Artikel erschien am 22.5. 2010 im Weser Kurier.

Südafrika aus der dörflichen Perspektive
Die Transkei-Siedlung Nqileni an der Wildcoast lockt mit unberührter Natur und aufgeschlossenen Bewohnern
Der Blick hinunter ins Tal des
Bulungula-Flusses ist wie eine Erlösung.
Nach zweieinhalb Stunden auf holprigen
Staubstraßen ist die gleichnamige Lodge
hier erstmals in Sichtweite – und nur noch
eine einstündige Wanderung entfernt.
„Das Paradies ist per Definition schwer zu
erreichen!“, lässt die Website der Herberge
direkt am Indischen Ozean mit einem
Augenzwinkern wissen.
In der Tat: Bulungula ist vermutlich das
am weitesten von moderner Infrastruktur
abgelegene Feriendomizil Südafrikas.
Doch längst nicht nur das macht es so besonders.
„Ihre Türen brauchen Sie nicht abzuschließen,
denn es gibt hier keine Kriminalität“,
sagt die Lodge-Leiterin Liesl Benjamin
den Gästen auf der Begrüßungstour. In
Südafrika klingt das zunächst wie ein
schlechter Witz, doch hier in Nqileni ist es
wahr. Schon das Gepäck lassen die Urlauber
am Parkplatz in einer offenen Rundhütte
zurück, der Jeep der Lodge bringt es
am späten Nachmittag nach. Wer nicht
wandern mag, kann auch mitfahren. Eine
Pkw-Straße zur Lodge gibt es nicht.
Die Herberge hält noch weitere Überraschungen
parat. Der Strom wird mit einer
Solaranlage erzeugt und warmes Wasser
strömt nur aus den so genannten Raketenduschen
– der aufgefangene Regen wird in
dieser abenteuerlichen Konstruktion durch
eine Stahlröhre geleitet, an deren unterem
Ende ein Paraffinfeuer für die nötige Erwärmung
sorgt.
Die Unterkünfte bestehen aus stabilen
Safari-Zelten und zehn traditionellen Rundhütten
mit Reetdach, wie sie auch in den
Dörfern ringsum überall zu finden sind.
Das Mobiliar beschränkt sich auf ein bequemes
Doppelbett und einen an zwei Seilen
aufgehängten Stock, der als Handtuchhalter
dient. Luxus gibt es hier tief im Eastern
Cape nicht – dafür aber ein weitgehend unverfälschtes
Kennenlernen der Xhosa-Gemeinschaft.
„Natürlich hat die Bulungula Lodge einen
großen kulturellen Einfluss auf die
Dorfgemeinschaft“, stellt Benjamin mit
Blick auf die Gäste aus aller Welt klar.
„Man kann keine große Glaskuppel haben,
zu der die Leute dann hingehen und
schauen, wie die Einheimischen leben.“ Im
Gegenteil: Das Zusammentreffen von Touristen
und Einheimischen ist gewollter Bestandteil
des Konzepts der Fair Trade akkreditierten
Herberge. Zäune gibt es nur,
um die Ziegen von den frisch gepflanzten
Büschen und Bäumchen rund um die
Lodge fernzuhalten.
Gemeinsam am Lagerfeuer
Am Lagerfeuer sitzen die Menschen aus
Nqileni mit den Urlaubern zusammen,
auch der große Aufenthaltsraum im Haupthaus
wird von allen gemeinsam genutzt.
Die Einheimischen profitieren von der
Lodge. Der Dorfgemeinschaft gehören 40
Prozent des Unternehmens, von den Gewinnen
haben sie bereits einen Traktor angeschafft
und einen Kindergarten mit Vorschule
aufgebaut. Insgesamt 50 Arbeitsplätze
sind in Nqileni und Umgebung
durch den Tourismus entstanden.
Die 23-jährige Khunjulwa Palamenti hat
so einen Weg gefunden, ihre Familie zu unterstützen.
Die Gästeführerin lädt zu einem
Rundgang durch ihr Dorf ein, erklärt Geschichte
und Kultur und übersetzt bei den
Gesprächen mit den Einheimischen. Die im
ländlichen Eastern Cape ansässigen Xhosa
sprechen fast ausschließlich ihre gleichnamige
Muttersprache. Seit Kurzem begleitet
Palamenti die Gäste auch als Übersetzerin
auf der Tour mit dem Sangoma, einem der
in Südafrika noch weit verbreiteten Naturheiler.
Melidinga Mdoseni streift dann mit der
Gruppe durch den Qane-Urwald und erzählt
von der Heilwirkung der verschiedenen
Borken, Blätter und Wurzeln. Glaubt
man ihm, ist gegen jedes Leid ein Kraut gewachsen,
selbst gegen gewalttätige Ehemänner
hat er einen Baumrindentee im Angebot.
Doch auch wer eher der Schulmedizin
vertraut, kommt auf seine Kosten, wenn
der 56-Jährige in seinem grünen Heiler-
Overall die Fauna erklärt, frisch vom Baum
geschälte Borke zum Zähneputzen verteilt
oder plötzlich mitten im Urwald eine einem
Rettich ähnelnde Wurzel ausgräbt und in
Stücke gehackt seiner zögerlichen Kundschaft
zum Verzehr anbietet.
Da Kriminalität in und um Nqileni keine
Rolle spielt, kann man auch auf eigene
Faust endlos über die grünen Hügel, durch
die verbliebenen Urwälder und entlang
der faszinierenden Küste wandern. Die Lagune
direkt vor der Lodge, in der der Bulungula-
Fluss langsam in den Ozean mündet,
lädt zudem zu Kanu-Touren ein, auch auf
dem Pferderücken lässt sich die Gegend
hervorragend erkunden und wer mag,
kann einen Tag mit den Frauen der Dorfgemeinschaft
verbringen und lernen, aus
Lehm Steine für die Rundhütten zu fertigen
oder Umqombothi, ein Mais-Bier, zu
brauen.
Pilsener und Lager gibt es dagegen an
der Lodge-Bar, die auch drei erschwingliche
warme Mahlzeiten pro Tag anbietet.
Selbstversorger müssen ihr Essen mitbringen,
einen Einkaufsmarkt gibt es nicht,
aber im Meer kann man sich an Langusten,
Krabben, Austern und Fischen bedienen,
die abends selbst am Lagerfeuer gegrillt
werden können. Wer beim Beutezug nicht
allein sein will, kann auch hier auf die Erfahrung
eines Guides zurückgreifen.
Das Konzept geht auf. „Unsere Gäste
kommen wegen der kulturellen Erfahrungen
und wegen der traumhaften Lage“, berichtet
Benjamin. Fernab des Haupt-Touristenstroms
versucht sich die gastfreundliche
Dorfgemeinschaft mit Hilfe der Urlauber
weiterzuentwickeln. Als Hintergrund dient
eine touristisch unberührte Traumlandschaft.
Ganzjährig Badetemperaturen
Das Wasser ist ganzjährig warm und selbst
im südafrikanischen Winter von Mai bis
September ist es meist 20 bis 25 Grad warm
und in der Regel sonnig. Das ländliche Eastern Cape
hat etwas von der Klischee-Vorstellung
des traditionellen Afrikas. Kein
Strommast stört das Panoramabild, kein
Lichtsmog macht die Sternschnuppen unsichtbar
und kein Straßenlärm kann die
Idylle stören. Wenn es Krach gibt, dann
sind es entweder Kühe, Esel oder Hühner.
Nqileni ist ein armes Dorf, aber es hat seinen
eigenen Rhythmus, der den Ort paradiesisch
anmuten lässt. Ein Eindruck, der
spätestens dann zum Wiederkehren verleitet,
wenn man wieder in das normale Südafrika
und den hektischen Verkehr auf der
Fernstraße N2 einbiegt.
Buchungen unter Tel. 0027-(0)47-577 89 00.
Doppelzimmer ab umgerechnet 26 Euro), Einzelbett
im Gemeinschaftsschlafraum 11 Euro.
Anreise: Der nächste Flughafen ist das drei Autostunden
entfernte Umthatha. Von dort per Shuttlebus
zur Lodge
Informationen im Internet:
www.bulungula.com
Der Artikel erschien am 22.5. 2010 im Weser Kurier.
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