Dienstag, 19. Januar 2010

Busride diaries

Lange schon hat es auf dieser Plattform keine abgedroschenen Phrasen mehr gegeben, daher gehe ich jetzt gleich mal in die Vollen: Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Pling, da freut sich das Schweinchen. Meine Freude über das Erlebte kam allerdings erst nach dem Überstehen und Überleben dezent auf.

Per Bus begab ich mich am Sonntagnachmittag von East London zurück nach Port Elizabeth, mitten durch das bezaubernde Eastern Cape, in dem sich normale Verkehrsteilnehmer die Straßen mit Hunden, Ziegen, Schafen, Kühen und Minitaxifahrern teilen. Alle fünf sind mitunter ähnlich unberechenbar. Als kleines Schmankerl hat meine Heimatprovinz neulich auch noch die Statistik Alkoholdelikte im Straßenverkehr im landesweiten Vergleich mit beeindruckendem Abstand gewonnen. Obwohl wir keineswegs die bevölkerungsreichste Provinz sind, stellen wir die Hälfte aller betrunkenen Autofahrer in den insgesamt neun Provinzen. Wenn das kein Setting ist.

Ich entschied mich gegen die allergünstigste Busgesellschaft, weil die in jüngster Zeit durch einen regional begrenzten Lizenzentzug, einen Fahrer, der mit fünf Promille erwischt wurde, und einen weiteren Bleifuß, der bereits sagenhafte 29 mal geblitzt wurde, aufgefallen war. Also fiel die Wahl auf City to City, meine bereits auf der Strecke Port Elizabeth-Kapstadt liebgewonnene ehemalige Minenarbeiter-Buslinie. Die sind nämlich die nächst billigen gewesen. Knapp zehn Euro für 300 Kilometer Strecke, da kann man nicht jammern. Und auch nichts anderes als einen MAN-Bus aus den Siebzigern, eine defekte Klimaanlage bei 35 Grad und Vollbesetzung sowie eine dezente Verspätung erwarten.

Gut eine halbe Stunde nach der geplanten Abfahrtszeit, die ich mir mit einem geschmacklich „interessanten“, mit Litschi aromatisierten, kalten Fläschchen Wasser vertrieb, trudelte das antike Gefährt am Bahnhof East Londons ein. Ich hatte mich in grenzenloser Naivität übrigens zunächst am schicken Busbahnhof dieses größten Dorfes des Eastern Capes absetzen lassen, wo mir der gleiche Mensch, der mir dort drei Tage zuvor kommentarlos mein Ticket ausgestellt hatte, auf Nachfrage erklärte, dass der Bus in zwanzig Minuten gut drei Kilometer entfernt in der Innenstadt abfahren würde. Ein wildes Armfuchteln, zehn Minuten im lautesten Minibustaxi der Welt und einen kurzen Sprint über 300 Meter später war ich fünf Minuten vor planmäßiger Abfahrt dann am richtigen Platz. Ein Glück, dass ich mich so beeilt hatte, sonst hätte ich vielleicht nur 20 Minuten an meiner Wasserflasche nuckeln können.

Weitere 20 Minuten gingen dann dafür drauf, dass der Busfahrer versuchte mit einer anscheinend völlig unsortierten Namensliste zu überprüfen, ob auch niemand sein kostbares Ticket gefälscht hatte. Danach zottelte er los, bergauf übrigens gern auch mal im dritten Gang, alte Busse scheucht man schließlich nicht. Nach gut fünf Stunden schwitzen, schaukeln und Kindergeschrei erreichten wir schließlich Port Elizabeth, wo der gute Mann die passende Abfahrt dann einmal in Schwung geraten sogleich links liegen ließ (im Linksverkehr hat diese Floskel sogar einen Sinn). Über meinem Kopf stiegen Fragezeichen auf, die bald in Angstschweiß gedünstet werden sollten, als der Fahrer auf der Sperrlinie der nächsten Ausfahrt zu einem spontanen Halt ansetzte. Da standen wir nun zwischen dreispuriger Autobahn und Abfahrt und keiner wusste warum. Der Fahrer griff zum Handy und plötzlich bewegte sich im Heck des Busses eine Luke. Eine Art Geheimtür öffnete sich und nur in Shorts bekleidet kam ein zweiter Busfahrer zum Vorschein, der sich nun – wir parkten noch immer auf der Autobahn – erst einmal mit einem Hemd bekleidete und dann zum Fahrer schritt. Im Stile Winnetous ließ er, die Hand demonstrativ über den Augen, seinen Blick über Port Elizabeth schweifen. „Wo bin ich?“, stand in Versalien auf seiner Stirn. Ich hätte es ihm ja sagen können, aber ich fand es irgendwie unpassend, ich war ja schließlich Passagier und die sind bei City to City nicht Kunden im Sinne von Königen sondern eher geduldete Bittsteller.

Mit einem kleinen Schlenker durch den wunderschönen Industriestadtteil Korsten schaffte der Mann aus dem Hintergrund, wie ich ihn hier nennen möchte, es dann schließlich, den Bus wieder auf den richtigen Kurs zu bringen und mit einer guten Stunde Verspätung die Haltestelle in Port Elizabeth anzusteuern. Nächste Woche kaufe ich mir ein Auto.

Montag, 11. Januar 2010

Der Segen des Differenzierens

Nachdem die halbe Welt ja nun in dem feigen Anschlag auf die Mannschaftsbusse der togolesischen Fußball-Nationalmannschaft in der angolanischen Provinz Cabinda das perfekte Fressen gefunden hat, um mal wieder die Sicherheit in Südafrika und im Wesentlichen auch gleich den Kontinent an sich in Frage zu stellen, fand ich heute in der Augsburger Allgemeinen einen erfreulich nüchternen und differenzierenden Kommentar.

Hier die wesentliche Passage:
"Der Anschlag trifft Südafrika umso schwerer – ohne dass sich das Land dagegen wehren kann. Für manchen Europäer ist Afrika und Südafrika nämlich noch immer dasselbe. Dabei wäre es genauso unsinnig, von einem IRA-Anschlag in Nordirland auf die Sicherheit in Österreich zu schließen. Darüber hinaus gibt es auch in Deutschland Stadtviertel, die man nachts besser meiden sollte, und nicht jede U-Bahn-Station in München ist lebensgefährlich, obwohl das der Südafrikaner mit Blick von zuhause aus denken könnte."

Dazu ist nichts hinzuzufügen. Vielen Dank an den Autor, Anton Schwankhart.

Montag, 21. Dezember 2009

Das Ende der Winterpause



Das Bild lässt es bereits erahnen: Ich bin zurück in Südafrika. Nach der Townshipphase folgt nun Teil zwei des Plans: Mein Haus, mein Auto, mein Boot. Darüber werde ich hier auch wieder häufiger berichten. Teil eins meines Plans ist übrigens bereits gesichert, Teil zwei fehlt noch, aber der wichtigste Teil ist inzwischen vollständig angekommen und hat auch bereits die Jungfernfahrt überstanden.
In zwei Teilen habe ich meine aufpumpbare Yacht per Flugzeug unter ausschweifender Nutzung des erlaubten Reisegepäcks ins Land gebracht, inzwischen zusammengesetzt und mit Atlantikwasser geweiht. Von nun an wird sie meine Hummervorräte positiv beeinflussen...
Weil es an Bord kein Internet gibt und ich nach all der deutschen Kälte nun erstmal den landestypischen Dezemberurlaub in der Sonne verbrate, ist hier bis Januar auch noch Ruhe. Dann geht’s voll los: Ich mache mich auf zu journalistischem Schaffen in noch nie gekanntem Ausmaß und Umfang und auch die jungen Kollegen vom Schülermagazin Walmer’s Own sind zurück in ihrer “Redaktion”. Das wird spannend. Letztere sind übrigens jetzt schon fleißig und haben das Masifunde-Summercamp mit einer eigenen Camp-Zeitung begleitet. Sehr lesenswert...



Bis bald in alter Unregelmäßigkeit

Mittwoch, 18. November 2009

Selzsam live

Ich trete aus meinem Versteck hinterm Laptop hervor und benutze selbigen als Bildschmeißbasis, um mit Hilfe eines Beamers die Wernigeröder Remise zu rocken.



Tjaja, die Harzer Volksstimme hat es bereits vermeldet und es stimmt tatsächlich:
Am Donnerstag, 19. November, werde ich ab 19.30 Uhr mit einem Bildervortrag unter dem Motto "Im Township zu Hause" einen Südafrika-Bericht fern ab von Löwen und Elefanten präsentieren.

Wer wohnt eigentlich im Township und warum und warum wohnte ich dort? Ja, und wie isses so...? Wer sich dafür interessiert, ist herzlich eingeladen, in Wernigerode aufzuschlagen. Der Eintritt ist frei.

Mittwoch, 4. November 2009

Von Dämonen am Schreiben gehindert?

Der Kulturschock kam zum Schluss. Er kam doppelt und war damit so heftig, dass ich erst jetzt, sieben Wochen nach meiner temporären Rückkehr nach Deutschland, wieder darüber schreiben kann. Doch von vorne.
Es war ein durchschnittlich warmer und bewölkter Tag in Port Elizabeth. Der letzte Mittwoch meines Freiwilligenjahres bei Masifunde und damit auch das letzte Mal Schülermagazintreffen mit den jungen Reportern von Walmer’s Own, dem Schülermagazin der Walmer High School bei uns im Township. Die erste Ausgabe sollte an diesem Tag fertig mit dem letzten Feinschliff vollendet werden, außerdem wollten wir die Nummer 2 planen. (Soviel vorweg, Ausgabe 1 ist inzwischen fertig und auch bereits sehr erfolgreich verkauft. Sobald die digitale Version online steht werde ich den Link nachreichen und bei Interesse reiche ich auch gerne noch einen Eintrag zu diesem noch relativ jungen, aber sehr viel versprechenden Projekt nach.)
Als meine Mitstreiter Balisa, Sören und ich zur Schule kamen, waren wir zunächst überrascht, kaum noch Schüler, dafür aber die Polizei dort zu sehen. Den Grund erfuhren wir rasch. Dämonen haben von einigen Schülern Besitz ergriffen, weshalb der Schuldirektor rasch alle seine noch unversehrten Schützlinge – die „Kinder“ an einer Highschool sind so zwischen 13 und 20 Jahren alt – nach Hause schickte und sodann Polizei und einen traditionellen Heiler zur Hilfe rief. Es überrascht nicht, dass die südafrikanische Polizei den Fall nicht lösen konnte. Der Heiler vollbrachte es unter Zuhilfenahme eines Elixiers von Jahrtausende alter Tradition, einem mystischen Saft, einer Wunderlösung – oder kurz: mit einer Flasche Cola – dann aber allem Anschein nach doch, die Dämonen auszutreiben. Zu allem Überfluss spielte sich das Drama auch noch in dem Raum ab, in dem wir normalerweise unsere Redaktionssitzungen abhalten, weswegen ein Großteil der jugendlichen Redakteure schon geflohen oder vom Direktor vertrieben worden waren. Uns war es aus Sicherheitsgründen natürlich auch nicht möglich, das unheilvolle Zimmer zu betreten, weshalb ich über die genaueren Umstände der Geisteraustreibung hier auch keine Angaben machen kann. Auch ist nicht sicher überliefert, wie sich die Dämonisierung der Kinder ausdrückte, sie sollen sich aber wohl seltsam benommen haben. Balisa, eine studierte und unheimlich intelligente junge Frau, die ich sehr schätze, hat selbst großen Respekt vor Dämonen, weswegen ich mich nicht einmal entsprechend über die ganze Geschichte lustig machen konnte. Ich tröstete mich also damit, dass Menschen in meinem Kulturkreis Statuen von Frauen anbeten, weil sie glauben, dass die Statue mal geweint hat.
Um den Schock zu verarbeiten und zu anderen Zwecken, begab ich mich abends in eine Bar am Meer. Dort kam es dann noch dicker. Ein Mann mit Gitarre stand auf einer kleinen Bühne vorm Mikrofon. Neben sich hatte er einen Laptop aufgebaut, der einen grässlichen Bass und ein noch grässlicheres Schlagzeug imitierte, genau in der Art und Weise, dass der Mann mit Gitarre dazu Schmuse- und Kuschelrockhits von Größen wie Brian Adams und Noch-Nicht-Ganz-So-Größen wie den Plain White T’s singen konnte. Diese Art der halbelektronischen Akustik-Musik, die dann aus wummerden Boxen den Saal beschallt, soll wohl in Port Elizabeth, einer auch ansonsten dem kulturellen Banausentum sehr zugewandten Metropole, inzwischen recht weit verbreitet sein. Ich hatte es noch nicht gesehen und möchte auch nicht noch einmal. Noch tragischer als die Inszenierung auf der Bühne war allerdings das Schauspiel davor. In der Mehrzahl dickliche, ausschließlich weiße Männer jüngeren und mittleren Alters, reckten in einer nahezu durchchoreografierten Rhythmik und Bier getränkter Glückseeligkeit Maßkrüge in die Luft, um aus voller Kehle Klassiker von Boyzone und Co mitzugröhlen.
Fünf Tage später verließ ich das Land.

PS: Weil ich keine thematisch passenden Illustrierungen habe und ja auch irgendwie rechtfertigen muss, warum ich bald wieder zurück fliege, füge ich mal einfach noch ein paar Bilder vom Abschiedsgrillen am Meer an.







Sonntag, 23. August 2009

Selzsame Geräusche

Heute Nachmittag zwischen 16 und 20 Uhr wird meine charmante Stimme bei Bremen Vier Weltweit zu hören sein. Es geht um Südafrika, Masifunde und um mich wohl auch. Hochgradig spannend, wie ich finde, mein Magen rumort jedenfalls schon vorm Interview.

Wer aus unerfindlichen Gründen nicht in Bremen wohnt, findet hier den Livestream.

Update:
Ich werde in zwei Blöcken zu hören sein und zwar um 16.40 und um 16.50 Uhr. Na denn...

Wer's verpasst hat, hier isses als MP3.

Montag, 17. August 2009

Gekommen um zu bleiben

Nun ist es vollbracht, mein Reisepass ist um einen Aufkleber reicher und der erlaubt mir, bis November 2011 im Lande zu bleiben. Darauf habe ich am Wochenende township-stilgerecht mit einer Flasche Old Brown Sherry angestoßen und nach einem kleinen Deutschland-Aufenthalt geht dann ab Dezember das Korrespondenten-Dasein in hoffentlich vollen Zügen los. Einen weiteren Vorgeschmack gibt es übrigens in der Jungen Welt von morgen.
Nebenbei bleibe ich Masifunde als Pressekontakter erhalten und erarbeite mit zwanzig top-motivierten Township-Highschool-Schülern ein monatliches Schulmagazin. Von dem Projekt werde ich demnächst auch mal mehr berichten.

Ergo: Auf diesem Blog geht es noch lange im gewohnt unregelmäßigen Trott weiter!

Viele Grüße
Christian