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Samstag, 25. Juli 2009

Young Chiefs away - love it!

Langsam wird es unheimlich:
Ich komme grad vom dritten Young-Chiefs-Spiel zurück, in dem ich von anfang an beweisen durfte. Heute stand diese Herausforderung unter einem noch schlechteren Stern als sonst sowieso schon, da zu mangelndem Talent und dem mir innewohnenden "Feindbild Ball" auch noch die Hindernisse "5 Wochen ohne Training" und "6 Flaschen Wein zu fünft am Vorabend" hinzukamen. Wie die ersten beiden Partien auch, ging es zudem auswärts ran und wieder haben wir die drei Punkte eingesackt. Ich würde mich dementsprechend ganz bescheiden als Sieggarantie einschätzen...
Schuld daran nach Überzeugung aller heute: Ich sollte das obligatorische Gebet im Mannschaftskreis vorm Anstoß übernehmen und die Jungs wollten es auf Deutsch hören. Tja, eh ich da jetzt die "Es gibt keinen Gott"-Debatte aufmache, hab ich eben schnell ein paar Worte an den Fußballgott gerichtet und siehe da - das German Soccer Muti hat gewirkt.
In einem völlig abgedrehten Spiel sind wir in Hälfte eins recht rasch in Führung gegangen, ehe sich die Stürmer standhaft weigerten eine meiner unzähligen Traumflanken zum 2:0 zu verwerten. Ich habe übrigens festgestellt, dass ich mit Rotweinkater deutlich mehr Luft zu Flankenläufen habe als ohne, was ich aber für nicht weiter bedenklich halte.
In der zweite Halbzeit konnte die Heimmannschaft, übrigens die Truppe des hiesigen Armee-Stützpunkts, dann zunächst ne Sonntags-Granate in unserem Netz platzieren. Wir hatten allerdings reichlich Chancen, den alten Abstand wieder herzustellen, einzig in der Verwertung haperte es, woran ich nicht ganz unschuldig war. So zwanzig Minuten vor Ende durfte das deutsche Pferd von der Außenbahn dann das Grün verlassen und sich an den Wassertrögen laben. Mawethu, der für mich kam, hat dann nach ner Ecke völlig freistehend aus drei Metern gleich mal den Ball zum 2:1 ins Netz gelegt.
Doch nicht nur bei der gegnerischen Abwehr war die Übersicht dahin, der Referee versagte uns in der Folge zwei eigentlich reguläre Treffer und stellte dann noch einen unserer Stürmer vom Platz, weil der einem Verteidiger, der den Ball im Liegen zwischen seinen Beinen eingeklemmt hatte, das Leder rausstochern wollte. Äußerst fragwürdig. Fünf Minuten später entwickelte sich zwischen zwei Kickern eine halbe Schlägerei, der Schiri bemerkte das allerdings erst ungefähr eine Minute später, schickte dann aber beide Jungs runter.
Die Krönung kam in der Schlussminute: Nach einem langen Ball in die Spitze läuft unser Verteidiger einem gegnerischen Stürmer klar den Ball ab und berührt ihn dabei nicht mal. Der Stürmer bleibt ohne jeden Protest steht und watschelt dann zurück, bis er mit überraschtem Jubelschrei darauf reagiert, dass der Mann mit der Pfeife tatsächlich auf Elfmeter entschieden hatte. Ob unserer Proteste regnete es dann noch etwas Gelb, ehe Chantsa, unser Keeper, den halbhoch getretenen Elfer ins Toraus abwehren konnte. Der Referee entschied auf Abstoß und pfiff dann lieber schnell ab, als der Ball in der Luft war. Das Gelächter hinter der Seitenlinie hielt allerdings noch lange an.

Montag, 30. März 2009

Honig-Sieg (oder: Wie Holland selzsam unterging)

Wer Nationen ungefähr so toll findet wie Senf auf Marmelade (wobei anzumerken ist, dass Senf wenigstens manchmal eine sinnvolle Verwendung finden kann), der geht auch auf Länderspiele nicht so wirklich ab. Eine Ausnahme gibt’s aber beim Fußball und die – da bin ich voll mit Funny van Dannen – heißt Holland. Am vergangenen Sonntag stand nun erneut ein Vergleich der Young Chiefs Jungs aus Walmer gegen eine niederländische Auswahl an. Ich hatte leider erst noch zu tun und konnte erst Mitte der ersten Hälfte aufschlagen. Nach der 3:4-Schmach im letzten Aufeinandertreffen mit den Tulpen hatte ich meine Kollegen natürlich ordentlich eingeschworen, mich dieses Mal nicht hängen zu lassen, trotzdem gab es erstmal nicht viel zu feiern: eins zu eins der Spielstand. Kollege Sbu ließ aber recht bald das 2:1 folgen und dank eines glücklichen Treffers kurz vor der Pause ging es mit einem ordentlichen 3:1 in die nicht vorhandenen Kabinen. Wir haben hier dafür aber Honig, den wir natürlich nicht hätten, gäbe es Kabinen. Doch das nur am Rande.

Der Coach war mit dem gezeigten äußerst unzufrieden, polterte ordentlich los, war allerdings auch immer noch diskreditiert, weil er – obwohl in der ersten Halbzeit als Schiedsrichter fungierend – das 3:1 erst mitbekommen hatte, als ein Oranje mit dem Ball in der Hand gen Anstoßkreis lief. Die am Spielfeldrand ähnlich einer Robben-Kolonie aufgereihten Ladies der Holländer waren für ihn wohl ansehnlicher als das Gekicke. Obwohl unser Spiel bis dato wahrlich nicht perfekt war, kann ich diese Ansicht keineswegs teilen. Zumal mir diese possierlichen Schnicksen kurz nach der Einwechslung auch immer sympathischer wurden, indem sie einem Kumpel von mir verklickerten, dass es total lustig wäre, zwei Finger auf die Oberlippe zu legen, den rechten Arm in die Höhe zu strecken und dazu im Stechschritt am Spielfeldrand auf und ab zu stolzieren. Der Gute hatte natürlich keine Ahnung, was er da gerade aufführte. Ich überlegte kurz, den Cantona zu machen, gab mich dann aber doch mit einer sportlichen Antwort zufrieden. Nachdem ich zu unserem 9:1-Sieg zwei Buden und zwei Vorlagen beigesteuert hatte, durfte die Reisegruppe wieder in ihr Nobelviertel fahren. Was ein Tag, erstmals für die Young Chiefs getroffen, die rechte Seite mehr als dicht gemacht, erschöpft vom Platz getrottet und was sehe ich da: Kein Wasser da, aber Bier. Das ist mein Young Chiefs! Zur Ehrenrettung für die Holländer sei noch gesagt, dass die Leute, die die Spiele mit uns organisieren, absolut in Ordnung sind. Und der Rest sind eben Fans, die freuen sich halt. Oder so. Und vor allem schlau wie ein Marmeladenbrot mit Senf.

Mittwoch, 7. Januar 2009

„Mlungu back from the mountain“



An jedem zweiten Laternenpfosten im Township hängt alltäglich eine Schlagzeile der „Sun“, die so Leser für ihre heißen Storys gewinnen will. Das auch hierzulande für seine hohe Qualität und Tiefgründigkeit bekannte Blatt hatte wohl Wind von meinem Tafelbergbesuch bekommen und wartete daher heute mit obigem Top-Thema auf („Weißer zurück vom Berg“).

Es tut mir Leid, dass ihr, verehrte Leserschaft, es so erfahren musstet. Die Konkurrenz schläft eben nicht. Für mich kann das nur bedeuten: Es wird höchste Zeit wieder zu berichten. Und das werde ich in den folgenden Tagen und Wochen tun. Versprochen! Oder angedroht, ganz wie ihr mögt...

Die längere Ruhepause hier hatte schließlich viele Gründe, die einer Erwähnung wert sind.

Zunächst war da natürlich das Summer Camp, das ja wenigstens per Umleitung noch halbwegs mitzuverfolgen war. Phantastisch war’s und etliche von euch haben mitgeholfen, den Fortbestand dieser Camps zu finanzieren, wie ich neulich erfuhr. Ein ganz großes Dankeschön dafür!!!

Danach musste ganz fix die Arbeit weg, die während des Camps liegen geblieben war und dann ging es auch schon mit schwesterlicher Unterstützung auf den Weg nach Kapstadt. Von dort düste ich Sonntag wieder hier ein, musste vielen Menschen erklären, wo ich so lange war, habe inzwischen die erste Fußball-Trainingseinheit nach der Sommerpause in den Knochen und mächtig Laune auf einen Batzen Kuriositäten, die noch erzählt werden müssen.

Ich fuhr mit so ziemlich allen Verkehrsmitteln, die das Land hergibt, kam dem gigantischen König Fischer auf die Spur und untersuchte die Erwärmung der Weltmeere, die inzwischen so weit fortgeschritten ist, dass man an Kapstadts Frostständen bequem schwimmen kann.

Aus vielen Wassertropfen können Wasserfälle werden.

Sonne und Meer, nicht lange her.

Alles Sachen, die die „Sun“ nicht weiß. Also auf einen selzsamen und frohen Start in 2009!

PS: Falls irgendwer Befürchtungen in sich trug, ich Vorzeigechrist könnte beim Verbringen des Weihnachtsfestes in fernen Gefilden arg beklemmende Gefühle bekommen: Nein, ich war nicht allein, nein es gab Geschenke und außerdem: Ich habe mir mein Stück Heimat schon lange im Voraus einfach gekauft. Die GUTE Heimat…

Christstollen gab's übrigens auch.

Sonntag, 9. November 2008

Keine Rettung

Die nun folgende Geschichte verleitete meinen Fußball-Trainer Bailey dazu, sich ungefähr dreißig Sekunden lang laut lachend mit gehaltenem Bauch wie ein Welpe im Gras zu wälzen. Diese letzte Episode in meiner nicht enden wollenden Echtzeit-Drama-Komödie „Leben in Walmer Township“ trug sich am vergangenen Dienstag zu.

Arbeitsbedingt schaffe ich es eigentlich nie wirklich pünktlich zum Training zu kommen. Das ist nicht weiter schlimm, weil meine Lesart von Pünktlichkeit hier noch unter überdurchschnittlicher Zuverlässigkeit zu verbuchen ist. Dennoch nutze ich die Strecke zum Fußballplatz immer gleich, um meiner Muskulatur eine gewisse Grundwärme zuzuführen. Da der Trainingsplatz am Rande des Townships liegt, lief ich also die Straße herunter, die meinen Stadtteil begrenzt. In Sportsachen, Turnschuhen und mit einem Beutel mit Fußballschuhen in der Hand joggte ich am Straßenrand, den Fußballplatz bereits in Sichtweite, als hinter mir ein Auto hupte. Ein Jeep-Fahrer verlangsamte und wollte mir wild gestikulierend irgendetwas mitteilen. Nach einem kurzen Moment der Verwirrung verstand ich sein Anliegen dann auch: Der Mann wollte seinen weißen Bruder aus den Fängen des Townships retten. Kann ja nicht angehen, dass der arme Junge hier – vermutlich auf der Flucht vor marodierenden Horden – die Straße entlang hetzen muss. Ich mache also die Tür auf und sage ihm, „keine Sorge, mir geht’s gut, ich wohne hier, ich laufe nur grad zum Training da vorne“. Eine verbale Reaktion seinerseits kam wenn überhaupt nur noch sehr stockend und nicht wirklich verständlich, die Augen weiteten sich jedoch beträchtlich und mit etwas Platz zwischen den Lippen fuhr der Mann davon. Er ließ mich zurück mit Frage, ob ich ihn nun vorrangig als hilfsbereit oder als paranoid und vorurteilsbehaftet einschätzen sollte – und mit einem Bailey in einer Mischung aus Trainings- und Grastarnanzug.

Montag, 27. Oktober 2008

Ein Tag in Walmer Township


Hinter all diesen Fenstern...

Der Wecker hat es wieder schwerer mit mir. Nachdem ich mir das ewige Snooze-Tasten-Gedrücke eigentlich schon abgewöhnt hatte, bin ich hier in Walmer rückfällig geworden. Das Zimmer ist einfach zu klein, um das lärmende Gerät ausreichend außer Reichweite zu platzieren. Und so vergeht dann meist einige Zeit bis ich mich unter der wärmenden Decke hervortraue um sogleich ins Bad zu sprinten, weil der Arbeitsbeginn naht. Die Wege sind glücklicher Weise kurz, die Distanz vom Bett zum Büro-Schreibtisch kann jeder anhand des nun folgenden Bilds selbst abschätzen.


...und dann in meinem Zimmer

Nach dem allmorgentlichen Team-Talk, bei dem wir die Aufgaben für den Tag absprechen, geht’s dann um kurz nach 9 an die Arbeit. Montags etwas später, weil wir da eine richtige Sitzung machen und die gesamte Woche planen. Heute waren dabei direkt frohe Botschaften zu verkünden. Zwei Unternehmen haben als Spender für unser Summer Camp zugesagt. Das entlastet unser Budget für den neuntägigen Ausflug mit den Kindern ein wenig, auch wenn da noch mehr kommen muss. Die 60 Kinder wollen schließlich nicht hungern, wenn sie einmal im Jahr in den Genuss eines Ferienausflugs kommen. Wer selbst mal in einer Ferienfreizeit war, dürfte ja noch wissen, wie groß die Vorfreude ist, und für Kinder, die von Urlaub sonst nicht einmal zu träumen wagen, ist so ein Ausflug natürlich das Highlight schlechthin. Von daher muss das klappen, damit es auch zukünftig Summer Camps geben kann.

Doch zurück zum Tag. Nach den Dankesmails musste noch ein Artikel für den Newsletter fertig werden, ein paar weitere Spenden-Anrufe warteten auf mich, dann noch einen Artikel für die Homepage planen - und ruckzuck ist so ein Vormittag auch schon rum. Nach der – heute etwas verspäteten – Mittagspause mache ich mich dann zu Fuß auf den Weg ins Xolelanani Youth Centre, dem Jugendzentrum, in dem ich ab 15 Uhr die Kinder beschäftige, die darauf warten, mit 1:1-Betreuung ihre Hausaufgaben zu machen. Fotos von den Straßen zu machen ist nicht immer ganz leicht, weil Kameras doch eine hohe Anziehungskraft auf die Kinder hier haben.


Ich bin den ganzen Weg gegangen

Die Gestaltung des Programms liegt für die zwei Stunden in meiner Hand, hängt aber auch stark vom Benehmen der Kinder ab. Sind sie brav, gibt’s am Tag darauf auch mal einen Spiele-Nachmittag, versuchen sie Chaos zu veranstalten, werden Arbeitsblätter ausgefüllt. Unser Lehrer Dr. Selzsam lässt im Ernstfall auch schon mal das Alphabet zu Papier bringen, Ordnung muss ja schließlich sein.


Xolelanani Youth Centre und Masifunde-Bus: No money left to burn


So soll es sein

Wenn ich die letzten Racker nach Hause entlassen habe und im Centre keine Aufgaben mehr für mich anliegen, gehe ich nach Hause, um dort bis zum Feierabend weiterzuarbeiten. Der Heimweg geht in den seltensten Fällen mit weniger als drei Smalltalks vonstatten, obwohl es eigentlich nur zehn Minuten Fußweg sind. Einer der potentiellen Gesprächspartner ist Zola, der selbst eine Tanzgruppe im Jugendzentrum betreut.


Zola und wieviel von seinen Freundinnen

Zola wohnt direkt gegenüber des Jugendzentrums in einem von der Regierung bereitgestellten Haus. Diese kleinen Steinhäuser sind inzwischen absolut prägend für das Stadtbild im Kern von Walmer. Es gibt jedoch verschieden große Häuser, je nachdem zu welcher Zeit sie errichtet wurden. Da diese Häuser jedoch den vorher auf dem gleichen Grund in Wellblechhütten lebenden Menschen nicht genügend Platz bieten, haben die Leute sie oft einfach erweitert – oder hüttisiert, wie die Menschen hier sagen. Hüttisieren geht folgendermaßen: Man nehme das von der Regierung errichtete Steinhaus und baue ein perfektes Mimikri von Wellblechhütte direkt an eine der Seitenwände an. Einer unserer Nachbarn hat diese Bauweise in nahezu vollkommener Perfektion vollbracht.


Haus ohne Balkon gegenüber

Neben den Steinhäusern und hüttisierten Steinhäusern gibt es im Kern von Walmer zwar auch noch Wellblechhütten, die Häuser sind aber ganz klar in der Mehrzahl. Je weiter man in die neueren, teilweise informellen Erweiterungen des Townships vordringt, desto schlechter wird allerdings auch der Lebensstil. Dort steht dann wirklich Hütte an Hütte, durch manche kann man tatsächlich durchgucken, so undicht sind die rostigen Wände. Dazu kommt, dass ein Teil der ohne Genehmigung errichteten Hütten auf einer ehemaligen Müllkippe stehen. Der Boden gibt dort immer wieder neuen Müll frei, zudem steit Methangas auf, was nicht unbedingt gesundheitsförderlich ist. Das Wohlstandsgefälle, das dem oberflächlichen Betrachter nur zwischen dem Township und den wohlhabenderen Stadtteilen auffällt, ist also auch innerhalb der Siedlung sehr groß.

Mit unserem – wenn auch sehr kleinen – Steinhäuschen leben wir da natürlich ganz klar am oberen Ende der Skala.


Die Stufen, die Haustür, kein Flur


Die Auffahrt zum Haus mit Auto (im fünften Gang 180)

Einen Warmwasserboiler hat sonst beispielsweise kaum jemand hier. Dieses Gerät weiß ich aber sehr zu schätzen, wenn ich nach getaner Arbeit und absolviertem Fußballtraining nach Hause komme. Morgen wird wieder so ein Tag sein. Der heutige klingt gleich noch mit Xhosa-Unterricht aus.

In diesem Sinne: Sala kakuhli!

Freitag, 17. Oktober 2008

Das Townshiptierlexikon

Als Hommage an die Kuh, deren Futterquelle gestern abgefahren wurde, möchte ich heute mit einem Text über den Bauernhof Township fortfahren. Das Leben hier stellt einen nämlich vor einige Rätsel, die sich mit der herkömmlichen Township-Vorstellung eines Außenstehenden kaum vereinbaren lassen.


Nix für Üngüt, aber dieses Symbolbild musste noch kommen.

So war ich in den ersten Tagen hier sehr überrascht darüber, dass überall in den Straßen ohne jeden Hirten Kühe umherlaufen. Auch die Hühner, Ziegen und Esel haben sich jeglicher Zäune und Bewacher meist längst entledigt und zotteln, trotten und springen fröhlich umher. Nun ist Südafrika im Generellen und Walmer Township im Speziellen nicht gerade als Ort bekannt, an dem Besitztümer als höchstes Heiligtum gelten und niemals geklaut werden würden. Und in Anbetracht der Lage, in der sich manche Menschen hier finanziell befinden, gehört so ein umher laufendes Stück potentielles Essen durchaus zu den begehrenswerten Gütern. Warum klaut also keiner diese Tiere, hab ich mir gedacht – und Lubabalo den Koordinator hier gefragt. Die Antwort war zweiteilig.

Die Hühner sind relativ uninteressant. Die meisten Leute halten sie nur zum Spaß und wegen der niedlichen Küken, sie sind also eher Haus- als Nutztiere. Die Eier werden auch so gut wie nie verwendet. Wenn jemand ein Huhn schlachten will, wird es zunächst mindestens zwei Wochen in einem Käfig gehalten, weil es in der freien Townshipbahn hier einfach zu viel Müll und Dreck frisst, als das man es bedenkenlos verspeisen könnte. Was die zwei Wochen da helfen, ist mir zwar schleierhaft, aber ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen ich auch Tümpel-Karpfen in der Badewanne gehalten hab, um den Moder-Geschmack herauszubekommen. Der Erfolg dieser Maßnahmen spielt sich vermutlich eher im Kopf des Verspeisenden ab und weniger im Muskelfleisch des Tieres.

Wie es sich mit Ziegen und Eseln verhält, weiß ich nicht genau. Ich vermute aber, dass dort ähnliche Mechanismen wie bei den Kühen greifen. Und die sind ziemlich krass: Die Rindvieh-Halter sind nämlich schlicht und ergreifend als die brutalsten Menschen im Township bekannt. Und aus diesem kühnen Grunde würde es niemand wagen, eine Kuh einfach mal zu mopsen und zu schlachten. Denn auch wenn der Halter selbst es nicht merkt, irgendwer bekommt im Township immer mit, was man gerade tut, zumal wenn es um so nicht gerade lautlose Geschichten wie einen Kuhdiebstahl geht. Und wenn dann nur einer singt, dann vermutlich Bolzenschussgerät ahoi. Nur halt nicht für die Kuh. Diese Kuh-Halter scheinen sogar soviel Respekt zu verstrahlen, dass die Leute sich nicht einmal darüber aufregen, wenn Kühe einfach den eigenen kleinen Vorgarten abgrasen. Wobei dort eh meist nichts wächst außer etwas Gras.


Gartenzwerge leben gefährlich.

Die Kühe greifen auch je nach Gusto immer mal wieder aktiv in den Straßenverkehr ein. Ich habe es auch noch nie erlebt, dass sich die Polizei mal daran gemacht hätte, eine Kuh, die einfach auf der Straße stehen bleibt, wegzuscheuchen. Doch von der Polizei hier sollte man sowieso nicht zuviel erwarten. Das wiederum ist allerdings nochmal eine andere Geschichte. Und jetzt von Kühen auf Bullen zu kommen ist selbst mir etwas zu platt…

Montag, 13. Oktober 2008

Alles Müll, oder was?

Entscheidende Ereignisse trugen sich in der vergangenen Woche rund um unser kleines Anwesen in Walmer zu. Zunächst wurde mein Zimmer dann doch ziemlich plötzlich um eine Tür erweitert, die es mir nun ermöglicht, mich etwas vom Rest des Hauses abzukapseln, und die somit meine Schlafqualität wesentlich erhöht. Gedankt sei Lubabalo fürs Einbauen und dem Baum, der dafür sein Leben ließ.


Damit meine Seite nicht so nach Bleiwüste aussieht, habe ich mich entschlossen, auf sinnvolle Symbolbilder zurückzugreifen. Hier sieht man also eine Tür (offen), im Vordergrund ein Mensch.

Eben jene Tür stand nun aber am Sonnabend offen, sodass ich von der Haustür her seltsame Geräusche vernahm. Als wachsamer Hausbewohner hab ich mich also gleich mal die drei Meter dort hin geschlichen und war dann doch etwas erstaunt. Mein Gegenüber allerdings ebenso. Eine ausgewachsene Kuh guckte mich durch die offene Haustür verdutzt an. Freilaufende Kühe sind nun nichts Besonderes hier im Township, es gibt einige von ihnen, die diesen dicht bevölkerten Stadtteil schlicht zu ihrer Weide erklärt haben. Die Kühe kennen keine Straßenverkehrsregeln oder Grundstücksgrenzen, sie lassen sich auch nicht vom Gekrähe der ebenfalls frei umher laufenden Hühner oder vom Gebell der auch meist nicht allzu eingeschränkten Hunde beeindrucken. Mit Wegscheuchen ist da also nicht viel. Trotzdem, so nah waren mir die Kühe noch nie.


Kuh, zumindest teilweise. Im Hintergrund ein Tiger.

„Muh (f away)“ dachte ich mir also, doch das Rindvieh hatte besseres zu tun. Die Kuh weidete genüsslich an unserem Müllsack, der leider bei der letzten Abfuhr etwas zu spät zur Straße gekommen war. Irgendwann trabte sie dann aber durch ein (eigentlich viel zu kleines) Loch im Zaun doch weiter zum Nachbarn. Was mir blieb, war eine Frage: Wenn eine Kuh Müll frisst, gibt sie dann Müller-Milch?

Sonntag, 21. September 2008

Ja, er lebt noch!

Einen wunderschönen Sonntagabend verehrte Leserschaft,

eventuell vermissen Sie an dieser Stelle ein bis zwei Einträge der Marke "Uiuiui, bald geht's los! Ich bin ja schon so aufgeregt!". Tut mir leid, das ging nicht. Denn ich hatte dank meiner minutengenauen Reiseorganisation nicht wirklich Zeit aufgeregt zu werden, geschweige denn, dies im Netz kund zu tun. Und wenn man mal ganz ehrlich ist: Dieses obligatorische Geseier will eigentlich auch kein Mensch lesen.

Von daher gleich zu den bereits häufig nachgefragten Fakten:

1. Ja, ich lebe immer noch. Diese Information werde ich in Zukunft weglassen, da sie sich aus schreiberischer Aktivität meinerseits relativ leicht schließen lässt.

2. Ja, ich bin gut angekommen, denn obwohl zumindest eines der insgesamt drei Flugzeuge, in denen ich hier her gelangt bin, manchmal gewackelt hat, ist es keines runtergefallen. Ein besonderer Dank daher an seine Erbauer und Steuerer, wobei zumindest letztere ja auch ein relativ großes Eigeninteresse hatten. Aber trotzdem danke. Über den Service an Board lege ich jetzt mal das rote Flugzeugtuch des Schweigens, dass mir inzwischen als Fenstervorhang dient.

3. Ja, es gefällt mir hier. Wobei... wenn meine Nachbarn ihre herrliche House-CD, die seit heute Nachmittag in Endlosschleife läuft, nicht bald zurück in den Giftschrank legen, könnte sich das bald ändern. Lärmbelästigung ist in Südafrika momentan nämlich nicht das dringendste Problem, das eifrige Ordnungshüter angehen würden. Das ist eigentlich ja auch gut so, allerdings ist meine Wohngegend - vorsichtig ausgedrückt - nicht die ruhigste. Apropos Lokalität: Ich wohne in der Chris Hani Street in Port Elizabeths wohl geschichtsträchtigstem Township, Walmer. Hier ließen sich die ersten Bewohner einst mitten in einer wohlsituierten, damals per Gesetz der Apartheid-Regierung nur Weißen zugedachten Wohngegend nieder - und erkämpften sich so ihren Platz in Innenstadtnähe. Hier wohnte Steve Biko, zentrale Figur der südafrikanischen Black-Consciousness-Bewegung, bevor er später von der Polizei zu Tode gefoltert wurde. Und hier wohne nun für ein Jahr auch ich.

Wie das alles geht, wie ich hier wohne, was ich mache und warum ich überhaupt in einem Stadtteil wohnen kann, in den sich ein beträchtlicher Teil der weißen Südafrikaner nicht mal reintrauen würde, das alles werde ich hier demnächst mal häppchenweise aufschreiben. Dazu gibt's ne Portion Alltagsreport und Kuriositätenkabinett und dann sollte das eigentlich passen.

Ich hoffe, der ein oder andere bleibt dran, liest mit, sagt's weiter, kommentiert und fragt auch mal nach.

Munter!
Christian